WM-Stadt Köln Glaube, Lüge, Hoffnung

Im Schatten des Kölner Doms geht es hektisch zu: Straßenbahnen spucken eine Schulklasse nach der anderen aus, Touristen aus der ganzen Welt posieren für Erinnerungsfotos. Doch abseits des Rummels gewährt das Herz der Stadt einen tiefen Blick in die kölsche Seele.

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"Wieder so ein Wetter", schimpft die Souvenir-Verkäuferin morgens um neun auf der Domplatte. Während sie noch dem fliegenden Pappbecher einer Fastfood-Kette hinterher sieht, strömen die ersten Touristen heran. Bald wägen die ersten vor ihrem Laden ab, ob es der Papst-Kaffeebecher oder die Deutschland-Pudelmütze sein soll.

Fast automatisch gelangen Köln-Besucher über eine breite Treppe auf den unwirtlichen Platz am Hauptbahnhof. Von hier aus strömen täglich 30.000 Menschen in den Dom. Neben bettelnden Punks sind die Souvenirgeschäfte die einzigen Farbtupfer. Sie sind die späten Überbleibsel des seit dem Mittelalter blühenden Geschäfts mit dem Glauben. Fremde lassen ihr Geld am Dom und päppeln so die Wirtschaft auf, während die Einheimischen bangen, dass das Wetter mitspielt – so geht es in Köln seit Jahrhunderten.

Stadtführer Edmund Tandetzki klammert seinen braunen Hut fest, den der Wind fortzureißen droht. "Hier strömten im Mittelalter die Massen hinein", erklärt er seinen Zuhörern und zeigt auf die Rückseite des Gebäudes. Der Dom ernährte die Kölner damals, denn die in der Kirche gelagerten angeblichen Gebeine der Heiligen Drei Könige lockten Millionen von Pilgern an. "Knochen-Tourismus" nennen Spötter wie der kabarettistische Seelen-Doktor der Kölner, Jürgen Becker, diesen Ursprung des städtischen Wohlstands.

Auf den Geschmack gekommen, deklarierten die Kölner bald mit besonderer Phantasie immer mehr Gebeine als heilig. So hatte die in Köln gestorbene Heilige Ursula statt elf auf einmal 11.000 Gefährtinnen. Von Backenzähnen bis zu Fingerknochen ließen sich deren Überbleibsel in wertvollen Schatullen bestens verkaufen. "Das beflügelte das Kunst- und Goldschmiedegewerbe", sagt Tandetzki. Kritiker, denen zufolge sogar Hundeknochen an die Pilger verscherbelt wurden, verwiesen die Kölner kurzerhand der Stadt.

Die Kritiker hatten offenbar das Selbstverständnis der Stadtbewohner an einer empfindlichen Stelle getroffen. "Es war das Erfolgsgeheimnis der Kölner, dass sie ihren Wohlstand durch Nichtarbeiten erlangt hatten", sagt Becker.

Das Festhaus Gürzenich, etwas südlich vom Dom, bezeugt diese Erkenntnis. Der Prunkbau dient heute als Karnevals-Sitzungssaal und war früher ein Stapelhaus. Durchreisende Kaufleute mussten ihre Ware dort stapeln und den Kölnern zum Vorzugspreis anbieten. Auf diese Weise versorgte sich die Stadt mit dem Nötigsten. "Man wusste eben immer, wo es was zu holen gab", sagt Stadtführer Tandentzki.

Da die Geschäfte mit den Stapeln und den Knochen florierten, sahen die Kölner keinen Anlass, den Dom zu vollenden. Tandetzki holt aus seiner Tasche ein Foto hervor, das die Kathedrale im Jahr 1868 zeigt, einer Ruine gleich, mit einem Holzkran darauf. "Der stand vorher 300 Jahre lang einfach still." Weiterarbeiten war nicht nötig. "Das System des Knochen-Tourismus funktionierte hervorragend, obwohl der Dom eine Baustelle war", sagt Jürgen Becker. "Die Türme wurden ja erst fertig, als die Preußen den Kölnern einen Tritt in den Hintern gaben."

Pendeln zwischen Fleiß und Faulheit

Von allein ging bei den Kölnern noch nie viel, davon ist Becker überzeugt. "Schon immer mussten Einflüsse von außen die Kölner nach vorne bringen. Die Römer, die Franzosen, oder heute die Fußball-Weltmeisterschaft."

Der Idee, dass zu viel Arbeit schaden kann, haben die Kölner am südlichen Ende der Domplatte ein Denkmal gesetzt: Eingezäunt und von einem Blumenbeet umgeben, thront eine steinerne Frau mit einer Lampe in der Hand über einem Brunnen. Geblendet vom Licht, ducken sich kleine, bemützte Wesen.

"Wer kennt die Geschichte von den Heinzelmännchen?", fragt eine Lehrerin ihre Grundschüler. Dann erzählt sie das Märchen von den wundersamen Wesen und der neugierigen Schneidersfrau: Einst nahmen die kleinen Männchen den Bürgern Kölns alle Arbeit ab, buken, woben, putzten – immer dann, wenn die Menschen schliefen. "Die Zimmerleute streckten sich; hin auf die Spän’ und reckten sich. Indessen kam die Geisterschar; und sah, was da zu zimmern war." Als sie jedoch eines nachts über die von der Schneidersfrau ausgestreuten Erbsen purzelten, suchten die Heinzelmännchen das Weite – sehr zum Ärger der Köllner: "Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn; man muß nun alles selber tun."

Für Jürgen Becker ist klar: Die Schneidersfrau verkörpert manch unangenehme Wende, die das Leben der Kölner genommen hat. Allen voran den Einfluss der Preußen, die den Dom Ende des 19. Jahrhunderts fertig stellen ließen. Dom und Brunnen stünden in enger Verbindung. "Das sind die Pole zwischen den Weltmodellen: Der Dom als Symbol des Fleißes, und der Heinzelmännchenbrunnen für die Faulheit."

Als der begründete Verdacht aufkam, mit dem vom Heinzelmännchen-Dichter August Kopisch erwähnten "Cölln" könne ein Dorf bei Berlin gemeint sein, beharrten die Kölner darauf, die Faulheit zu beheimaten. Es sei auch legitim, die Rechte an der Legende wider falschen Wissens zu reklamieren, findet Jürgen Becker: "Die Kölner wissen: Im entscheidenden Moment muss man lügen. Das macht nichts. Lügen kann man ja hinterher beichten."



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