Wolkenkratzer-Läufer Treppab ist zu gefährlich

Steinstufen, Stahltreppen, Holzgeländer, Rechts- und Linksdreher - Matthias Jahn kennt sie alle. Der 25-jährige Treppenläufer bezwingt Wolkenkratzer in aller Welt zu Fuß. Beim Frankfurter Sky Run am kommenden Sonntag ist er einer der Favoriten.


Frankfurt am Main - In einem Wolkenkratzer das Treppenhaus zu benutzen, um in die oberste Etage zu gelangen, ist für die meisten Menschen keine angenehme Vorstellung. Auch Matthias Jahn nimmt in Hochhäusern den Aufzug - allerdings nur, um nach unten zu kommen.

Hoch rennt er lieber. Der 25-jährige Ausnahmesportler hat sich auf Treppenläufe spezialisiert und nimmt rund um den Globus an Wettkämpfen teil. Am 18. Mai will Jahn - wie schon im vergangenen Jahr - den Sky Run auf den 61 Stockwerke zählenden Frankfurter Messeturm gewinnen.

Geeignetes Übungsterrain findet Jahn nicht so leicht. Er hat da so seine Erfahrungen mit Gebäudepersonal oder verschreckten Hausbewohnern gemacht. Objekt seiner Trainingsbegierde ist daher seit zwei Jahren der 200 Meter hohe Main Tower. In dem vierthöchsten Hochhaus Frankfurts ist der aus Langenbieber bei Fulda stammende 25-Jährige gern gesehener Gast und darf das Treppenhaus hinaufstürmen. "Ein Glücksfall", sagt Jahn. Und obwohl es den Betriebswirt im vergangenen Jahr beruflich nach München verschlug, nimmt er jeden Sonntag die Reise nach Frankfurt auf sich.

Gestählt vom Leistungssport-Training in der hügeligen Rhön gelang Jahn vor fünf Jahren der Sprung in die deutsche Berglauf-Nationalmannschaft. Zur intensiven Wettkampfvorbereitung empfahl ihm ein Trainer Treppensprints. Jahn ist nicht der einzige Alpine, der am Ende die Disziplin wechselte. Auch der mehrfache Berglaufweltmeister Marco Gasperi aus Italien gehört inzwischen zur illustren Crew der Wolkenkratzer-Bezwinger.

In New York als Dritter im Ziel

Dreimal hintereinander rennt Jahn sonntags im Main Tower die mehr als 1000 Stufen hoch. Sechs Minuten braucht er dafür, nach unten geht es im Lift. Kein Treppenläufer springt abwärts durch ein Treppenhaus, das wäre zu verletzungsträchtig. "Der Main Tower ist ideal", erzählt Jahn, "denn er hat zwei Treppenhausschächte." Einen Links- und einen Rechtsdrehenden.

Je nach anstehendem Wettkampf trainiert Jahn im entsprechenden Schacht. Anfang dieses Jahres hetzte er stets den Rechtsdrehenden hoch, denn das weltweit renommierteste Treppenrennen stand bevor - der Empire State Building Run Up. Die Marmorstufen des altehrwürdigen New Yorker Wolkenkratzers machen Rechtskurven.

Jahns Trainingstaktik zahlte sich aus. Nach 320 Manhattan-Höhenmetern kam er im Februar in New York als Dritter ins Ziel. Sein Trainingsfreund Thomas Dold konnte das Rennen zum dritten Mal in Folge gewinnen. Immer wieder sonntags schließt sich Dold seinem Mitstreiter an und kommt aus dem Schwarzwald angereist, um im Main Tower die Stufen hochzurennen. Gelegentlich flitzt Jahn auch seinen heimatlichen "Sprintschacht" in einem Hochhaus auf dem Fuldaer Aschenberg hoch. Die 14 Etagen schafft er in einer Minute und wartet dann oben vor dem Lift auf seine Freundin.

Einlagen für die Rechtsneigung

Für den Langenbieberer ist keine Stiegenlandschaft wie die andere. Er kennt Steinstufen, Gittersprossen, Stahltreppen, Holz- oder Metallgeländer, die unterschiedlichsten Gerüche, Tritthöhen und Zwischenstockwerke. Er hat Handlauf-Schwielen an beiden Händen und für seine 150-Gramm-Schuhe Einlagen, die je nach Bedarf seinen Fuß in Links- oder Rechtsneigung bringen. Die Treppenhaus-Hatz ist längst Profisport, auch wenn die Sieger nicht reich werden.

Beim Sky Run am 18. Mai in Frankfurt gibt es in jedem Fall finanzielle Gewinner, denn als Veranstalter lässt die Kelkheimer Arbeitsgemeinschaft für Querschnittgelähmte (Arque) die Startgelder betroffenen Kindern zugute kommen. Jahn kennt natürlich auch die Besonderheiten des Messeturms. "Die Treppenabsätze wenden nicht um 180, sondern um 90 Grad." Und noch etwas wird anders sein: Seine Freundin will oben vor dem Lift auf ihn warten.

Stefan Höhle, ddp



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