Deutschen Bildungspolitikern ist dieses forsche Output-Denken noch fremd. Traditionell orientiert sich die bundesdeutsche Schule an der Idee, was hinein soll in die Köpfe, und nicht daran, was dabei herauskommt. Gerade der Deutschunterricht ist immer noch geprägt von der bildungsbürgerlichen Idee, es müsse eine Liste von guten Texten geben, die ein Schüler zu lesen habe.
Die Frage "wozu" ist da unzulässig. Shakespeare liest man nicht zu irgendeinem Zweck, sondern um ihn im Kopf zu haben. Kein Wunder, dass Bildungsexperten wie der Ulmer Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann das Abitur, den höchsten Ausweis solcher Deutschbildung, als "Fahrschein ins Leere" bezeichnen.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut, / Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut / Die Hemdelein über den Hügeln.
Diesen Text nennt Tom Stryck, Reformer beim Berliner Schulsenator, als ein Beispiel für missglückten Deutschunterricht in der 7. Klasse einer Berliner Oberschule.

Lehrer: "Die Sprache verfällt"
Das Problem ist nicht Johann Wolfgang von Goethe - sondern der Umgang damit. Es gebe niemanden, kritisiert Stryck, der wisse, welchen Zweck Studienräte damit verfolgten, "die Sprachwelt des 18. oder 19. Jahrhunderts" in die Köpfe von Siebtklässlern zu stopfen. Und es gebe keine Kontrolle, ob das Ziel - welches es auch immer sei - erreicht wird. Der Sieg der Philologie über die deutsche Schule manifestiere sich in dem Glaubenssatz, die Welt erschließe sich aus der Feder der großen Meister.
Lehrer verkaufen Texte ohne Welt
"Lesekompetenz ist die Fähigkeit, geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen", so die Pisa-Studie. Das ist das Gegenkonzept. Und die Testergebnisse zeigen, dass es bei den deutschen Schülern mit der Informationsaufnahme noch gerade so geht, mit der Reflexion, dem Weltvergleich, aber deutlich hapert. Deutsche Lehrer verkaufen Texte ohne Welt.
Einer der Gründe für das traurige Ergebnis liegt nach ersten Analysen deutscher Experten darin, dass in der Welt der Schüler Texte überhaupt zu wenig vorkommen. Für eine Begleituntersuchung wurden Jugendliche befragt, ob sie auch einmal "zum Vergnügen" außerhalb der Schule läsen. Bei den Nein-Antworten ist Deutschland Weltspitze: 42 Prozent der 15-Jährigen empfinden hier zu Lande Lesen als Zumutung.
Nach Ansicht der Stuttgarter Kultusministerin Schavan hat sich die Schülerschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch verändert. "Viele Schüler sitzen heute jeden Tag mehrere Stunden vor einem Bildschirm", so die Christdemokratin. Die Mädchen und Jungen seien geprägt durch kurze und vielfältige Reize des Fernsehens und des Computers. Während die jungen Leute früher ausschließlich mit der Hand schrieben, verfassten sie heute viele Texte am Computer, E-Mails hätten die schriftliche Kommunikation verkürzt, SMS-Nachrichten noch mehr. Vielen Schülern falle es schwer, längere Texte oder ein Buch überhaupt durchzustehen.
Öfter mal ein Märchen
Sorgen bereitet der CDU-Politikerin im Stuttgarter Neuen Schloss die Lesefeindlichkeit der Eltern. In zahlreichen Familien werde kaum einmal ein Buch oder eine Tageszeitung aufgeschlagen: "Vielen Kindern ist, als sie klein waren, nie ein Märchen vorgelesen worden." So würden die Wurzeln für eine positive Beziehung zu Büchern und Texten von vornherein fehlen. Deshalb müsse in den ersten Schuljahren der Sprachunterricht verstärkt werden: "Die Grundschule ist prägend."
"Der Erwerb der Schriftsprache gilt am Ende der Grundschule als abgeschlossen - danach gibt es keine systematische Leseförderung mehr", sagt Baumert. Das Vertrauen darauf, dass sich das Lesen per Selbstregulierung einstelle, sei bei den pubertierenden Pennälern leichtfertig. Dabei entscheide sich gerade in diesem Alter: "Leseratte oder nicht."
Rund 4000 Jugendliche und fast 700 Deutschlehrer hat der Regensburger Literaturwissenschaftler Kurt Franz im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Leseverhalten befragt. Franz wollte wissen, ob und was die Schüler in ihrer Freizeit lesen und mit welchen Methoden die Pflichtlektüre in der Schule präsentiert wird.
Das Ergebnis bestätigt den Pisa-Befund: Lesen ist ziemlich out. Vor allem die Jungs zeigten wenig Neigung zum Buch - sie bilden die überwiegende Mehrheit der Nichtleser.
Leseförderung: Oft nur der Rat, zum guten Buch zu greifen
Franz interessierte sich besonders dafür, was die Lehrer tun, um die Kids fürs Lesen zu interessieren. "Ich wollte wissen, wie effektiv der Deutschunterricht Literatur vermittelt", erklärt der Professor.
Derzeit, so stellte Franz fest, greifen die Lehrer beim Umgang mit Texten auf die traditionellen Methoden zurück: Fragen zum Text, Charakterisierung der Personen - "alles wenig überraschend". Innovativere Konzepte, etwa auch mal ein Gedicht als Videoclip zu verfilmen, rangieren ganz hinten auf der Methodenliste deutscher Pädagogen.
Ähnlich einschläfernd wie die Methoden, mit denen die Pädagogen ihren Schülern kommen, ist auch die Auswahl des Lesestoffs. Erstens: "Der Schimmelreiter"; zweitens: "Kleider machen Leute"; drittens: "Der Hauptmann von Köpenick". Diese muffige Hitliste über die von Deutschlehrern bevorzugte Lektüre für 14jährige Schüler stellte Franz nach einer Umfrage auf.
Der lieblose Umgang mit der deutschen Literatur zieht sich durch alle Etagen. An der Fichtenberg-Oberschule im Berliner Stadtteil Steglitz ist die Schülerbibliothek im Keller, die meisten Bücher sind alt und abgegriffen. Die Stelle des "Fachleiters Deutsch" ist schon länger nicht besetzt, seit Anfang des Jahres haben die Deutschpauker sich nicht einmal zu einer Konferenz getroffen. "Wir brauchen vor allem qualifizierte junge Lehrer", klagt die Pädagogin Ulrike Kramme. Doch der Altersschnitt an deutschen Schulen steigt weiter, derzeit hat der durchschnittliche Pauker 47 Jahre auf dem Buckel.
Dass mit dem Deutschunterricht etwas nicht stimmt, ahnte bereits länger auch die Runde der deutschen Kultusminister. Im Auftrag der KMK gab der Hamburger Staatsrat und Pisa-Organisator Hermann Lange schon im vergangenen Jahr mehrere Expertisen über den Zustand der Philologie an deutschen Gymnasien in Auftrag. Das Ergebnis war so entmutigend, dass die Auftraggeber von einer Veröffentlichung absahen. Vernichtend das Urteil des Augsburger Germanistikprofessors Kaspar Spinner: Die Deutsch-Lehrpläne seien so überfüllt, das sinnvoller Unterricht gar nicht mehr möglich sei. "Die Inhalte werden nacheinander durchgenommen und abgehakt."
Das Pisa-Fiasko - im nächsten Teil die Analyse der Folgen: "Manchmal wissen die Lehrer nicht mehr als wir" - wie Schüler zu bluffen lernen. Bildungspolitiker und Lehrer ringen um Konzepte gegen den Bildungs-Notstand.
THOMAS DARNSTÄDT, JULIA KOCH, JOACHIM MOHR, CONNY NEUMANN, PETER WENSIERSKI
Bei UniSPIEGEL ONLINE: Alle Beiträge zur Pisa-Studie und zu weiteren Schulthemen
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH