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Böse Buben, kranke Knaben (2) Zuchtstation für dumme Machos

4. Teil

Mädchenschule für Jungen

An Schulen, an denen es - nicht selten - nur einen einzigen Lehrer gibt, umschwirren Kinder das Mannsbild auf dem Schulhof bisweilen "wie Motten das Licht", wie der Bremer Schulpsychologe Walter Rukita beobachtet hat: "Die wollen wissen, wie sich ein Mann verhält."

"Die Grundschule ist letztlich eine Mädchenschule", kritisiert Peter Heyer, Vorsitzender des Berliner Grundschulverbands. Der Lehrkörper sei immer weiblicher geworden - und obendrein überaltert: "Unsere Grundschulkinder werden heute hauptsächlich von Großmüttern erzogen."

Potenziert werden die Folgen des Männermangels an den Schulen noch durch das Frauenmonopol in den Kindergärten und, vor allem, durch den familiären Wandel: Weil mittlerweile in jeder sechsten Familie die Mutter allein erzieht, werden immer mehr Jungen ohne jede männliche Bezugsperson groß; die Zahl der Kinder, die zu Hause ohne Vater aufwachsen, hat sich in den letzten Jahrzehnten vervierfacht - mit gewaltigen, teils auch gewalttätigen Folgen für den Schulalltag.

Suche nach Männlichkeit

"Jungen, die auf der Suche nach Männlichkeit sind, aber ohne Vater aufwachsen, werden eher gewalttätig, wie Studien immer wieder ergeben", referiert Bildungsforscher Struck. Vaterlos aufwachsende Knaben neigten zudem öfter zu Depressionen, Antriebsschwäche und Leistungsdefiziten.

"Deshalb," folgert Struck, "brauchen wir wohl eine Quotenregelung beim Personal von Kindergärten und Grundschulen, damit mehr liebevolle Väterlichkeit in die Nähe kleiner Jungen gerät; deshalb müssen wir allein erziehenden Müttern bewusst machen, dass sie dafür sorgen sollten, dass auch Männer im Leben ihrer Söhne vorkommen."

Denn: "Wenn Jungen nur mit einer Mutter und vielleicht noch mit einer Schwester und einer Großmutter sowie mit einer Kindergärtnerin und nacheinander mit drei Klassenlehrerinnen aufwachsen, die alle sehr gut waren und sind, dann entwickeln sie sich dennoch oft sehr defizitär."

Ähnliches glaubt die Berliner Publizistin und Feminismuskritikerin Katharina Rutschky bemerkt zu haben: "Jungen ohne männliche Vorbilder und Bezugspersonen mausern sich in der Defensive zu so dummen Machos, wie man sie noch nicht gesehen hat."

Fifty-fifty im Kollegium

Praktikerinnen wie die Frankfurter Grundschullehrerin Ursula Kerntke ("Es sind die Jungen, die Extra-Aufmerksamkeit benötigen") teilen die Forderung nach mehr Männern in den Kollegien. In der "Frankfurter Rundschau" postulierte die Pädagogin: "Fünfzig Prozent Jungen brauchen fünfzig Prozent Lehrer."

Der Wunsch ist vorerst freilich kaum umzusetzen. Denn im Pädagogikstudium sind Studentinnen - die Lehrkräfte von morgen - gleichfalls stark überrepräsentiert. Während dem Frauenmangel an den naturwissenschaftlichen Fakultäten seit Jahren mit speziellen Technik- und Informatiktagen für Mädchen begegnet wird, lassen entsprechende Sonderveranstaltungen, auf denen Jungen für Pädagogik-Berufe begeistert werden könnten, auf sich warten.

Besondere Probleme bereitet der Mangel an männlichen Leitfiguren in den Kollegien offenbar vor allem Söhnen aus Migrantenfamilien. Sie weigern sich häufig, Lehrerinnen ernst zu nehmen, weil ihnen von autoritären Vätern die eisernen Regeln des Machismo eingebläut worden sind: "Sei kein Kind mehr", "Sei keine Frau", "Lass dich nicht von Frauen dominieren". Wer sich nicht daran halte, werde "als Frau beziehungsweise Schwächling" verspottet, weiß Ahmet Toprak, Erzieher bei der Münchner Arbeiterwohlfahrt.

Anatolische Machokultur

Wer hingegen den altväterlichen Vorgaben folgt, treibt die dauergestressten Pädagoginnen nicht selten an den Rand des Nervenzusammenbruchs - so etwa, wenn der kleine Abdullah, wie die Ex-Lehrerin und Buchautorin Marga Bayerwaltes ("Große Pause") berichtet, sich im Unterricht strikt weigert, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, auf dem zuvor ein Mädchen gesessen hat.

Auf den Konflikt zwischen patriarchalischen Traditionen und pädagogischem Weiberkram reagiert manch ein Migrantensohn mit permanenten Störmanövern oder mit Schulschwänzerei. "Den Türken fällt es schwer, sich von einer anatolischen Machokultur auf ein feminisiertes Westeuropa umzustellen", urteilt der hannoversche Kriminologe und Justizminister Christian Pfeiffer.

Ungebildet und bewaffnet

Das Problem verschärft sich in demselben Maße, in dem sich die Knaben im Unterricht und im Berufsleben von den Mädchen überholt sehen.

Die Verlierer - keineswegs ausschließlich aus Migantenfamilien, sondern auch aus der deutschen Unterschicht - kompensieren ihre Defizite, so Struck, durch die Demonstration von Stärke: "Sie machen mit Glatzen, Kampfhunden oder PS-starken Autos auf sich aufmerksam."

Schon um diesen Trend zu bremsen, gehöre die Jungenpädagogik verstärkt auf die Tagesordnung. "Wir müssen uns um die Jungen sorgen," mahnt der US-Psychiater Pollock, der sich selber als "pro-feministisch" bezeichnet: "Ich glaube nicht, dass es irgend jemandem nutzt, wenn die Frauen zwar an die Macht kommen, andererseits aber die Männer und damit fünfzig Prozent der Bevölkerung ungebildet und bewaffnet in der Gegend umherirren."

Folge 3: Mann, sind die Sterne geil
Folge 1: Böse Buben, kranke Knaben

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