• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Deutsche Lehrer - eine Polemik Überfordert, allein gelassen, ausgebrannt

3. Teil: "Wie die Schule lehrt, so lernt kein Mensch" - warum das Klima und der Eigensinn einer Schule wichtiger sind als mehr Geld

Damit sind diverse Länder weiter, etwa Schweden. Die Gründe für die besseren Leistungen der dortigen Schüler sieht Mats Ekholm, Chef der nationalen Bildungsbehörde Skolverket, in drei Reformen: So sind erstens die Lehrer seit Anfang der 1990er Jahre 35 Stunden in der Schule und dort für die Schüler auch ansprechbar. Zweitens hat der Staat den Schulen mehr Selbstständigkeit gegeben; jede hat jetzt einen eigenen Etat und ist für Lehrergehälter wie für Reparaturen an den Gebäuden selbst verantwortlich. Die Lehrer werden von den Schulleitern eingestellt; ihr Gehalt ist Verhandlungssache, der Beamtenstatus abgeschafft.

Was deutsche Lehrer verdienen
DER SPIEGEL

Was deutsche Lehrer verdienen

Und drittens sei es gelungen, die Zusammenarbeit der Schüler untereinander zu verbessern: "Schüler lernen am besten von Schülern", sagt Ekholm mit Verweis auf seine Untersuchungen. "Die Lehrer helfen nun den Schülern beim Lernen, statt sie zu belehren."

Durch die im Herbst 2001 begonnenen Reform der schwedischen Lehrerausbildung soll eine mehrere hundert Jahre alte Tradition vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Auch schwedische Schulen hatten - wie fast überall in der Welt - mit ihren Fächern das System der universitären Disziplinen kopiert. Was an den Hochschulen als vielbändige Enzyklopädie zusammengetragen wurde, sollte die Dorfschulen zumindest noch als einbändiges Volkslexikon erreichen; Lehrer wurden dabei zu Stoffvermittlern.

Eine kleine schwedische Kulturrevolution

Doch das hat sich als Sisyphosarbeit erwiesen, der die Pädagogen umso weniger gerecht werden, je mehr die Wissensmenge angewachsen ist. "So wie die Schule normalerweise lehrt", sagt Eskil Frank von der pädagogischen Hochschule Stockholm, "so lernt kein Mensch." Und seine Kollegin Gunilla Dahlberg, Spezialistin für die Vorschule, ergänzt: "Jedes Gehirn ist eine Baustelle, auf der anders gearbeitet wird."

Der Klassiker: Frontalunterricht
DPA

Der Klassiker: Frontalunterricht

Wohin die schwedische Kulturrevolution - vom Belehren zum Lernen - führen soll, lässt sich in Balsta nördlich von Stockholm besichtigen. Dort wurden sämtliche Schulen nach diesem so genannten "Futurum Modell" umgewandelt. Ehemals große Schulen sind in kleine unterteilt, jede mit nur noch rund 160 Kindern von Klasse Null, der Vorschulklasse, bis Klasse Neun. In den Atelier-Räumen und Labors lernen Schüler still für sich oder in Gruppen, jüngere und ältere Schüler meist gemischt, damit sie voneinander lernen. Die Räume sind um runde, lichtdurchflutete Areale gebaut, die an Markt- oder Dorfplätze erinnern.

In Futurum-Schulen gibt es kaum noch herkömmlichen Frontalunterricht, in dem ein Lehrer vor der Klasse steht und die Schüler an festen Plätzen sitzen. Anderseits kommt es aber durchaus vor, dass ein Lehrer oder ein externer Experte einen klassischen Vortrag vor mehr als hundert Schülern hält.

Pädagogen verdienen in Schweden zwar ein Drittel weniger als ihre deutschen Kollegen, ihr Beruf steht dennoch in hohem Ansehen. Beim Pisa-Sieger Finnland kommen auf einen Lehramtsstudienplatz sogar zehn Bewerber.

Mehr Lehrer, mehr Unterricht ist keine Lösung

Auch in Deutschland sehnen sich viele Lehrer nach besserer Zusammenarbeit untereinander und mit den Schülern. Die Pädagogen der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden haben sich nach dem schwedischen Vorbild in "Schulen in der Schule" aufgeteilt. Sie ließen Wände einreißen, damit Schülertreffs entstehen konnten; sie arbeiten in Teams und treffen sich in eigens dafür eingerichteten Büros. In der Verbesserung der Kommunikation unter den Lehrern sieht die langjährige Schulleiterin Enja Riegel den wichtigsten Grund für die exzellenten Pisa-Leistungen ihrer Schüler.

Autor Reinhard Kahl: Entscheidend ist Vertrauen
André Riva / GEO Wissen

Autor Reinhard Kahl: Entscheidend ist Vertrauen

Die nach dem Pisa-Schock häufig verlangte Therapie "mehr Geld, mehr Lehrer, mehr Unterricht" allein kann nicht erfolgreich sein. "Mehr schlechter Matheunterricht ist schlechter als weniger schlechter Matheunterricht", sagt Jürgen Baumert und kann das anhand der TIMS-Studie über den Mathematik- und Naturwissenschaftsunterricht nachweisen. Der Leistungsstand der Schüler ist auch nicht vorrangig von der Klassengröße oder der Systemfrage Gesamtschule oder Gymnasium abhängig.

Viel wichtiger sind das Klima, der Geist, ja der Eigensinn der jeweiligen Schule. Die entscheidende Lektion für die deutschen Schulen und ihre Lehrer lautet: Wir müssen eine Kultur gegenseitiger Anerkennung und Aufmerksamkeit entwickeln; die Unkultur von Missachtung und Beschämung muss beendet werden. Dass dafür auch Eltern und Schüler einen Großteil an Verantwortung tragen, ist selbstverständlich.

Die deutsche Schule ist auf diesem Weg noch nicht sehr weit vorangekommen, meint Wolfgang Edelstein: "Derzeit verhält es sich mit der Schule wie mit der Armenpolitik der katholischen Kirche im Mittelalter. Die war auch verheerend. Aber es gab Heilige. Ohne die hätte die Kirche nicht überlebt. Die Heiligen der Schule sind einige wenige Lehrer." Und er ergänzt: "Aber auf solche Glücksfälle darf sich eine Institution mit Millionen Schülern nicht verlassen."

Von Reinhard Kahl / GEO WISSEN


Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...






TOP



TOP