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15.01.2004
 

Bulgarien

"Queen" im Kinderdorf

Von Benjamin Kobitzsch und Uwe Horstmann*

"Der Mann meiner Schwester", erzählt Sonia, "ist Chirurg in einem staatlichen Krankenhaus. Doch das Geld reicht nicht annähernd über den Monat." Ein Arzt in Bulgarien verdient etwa 250 Lewa - circa 120 Euro - im Monat. In den kalten Wintermonaten werden davon rund 90 Lewa für die Heizung benötigt. Also muss auch Sonias Schwester arbeiten. Als Volksschullehrerin verdient sie noch einmal 250 Lewa, so kommen die beiden knapp über die Runden.

Kleiner Beitrag zum Familieneinkommen: Windschutzscheiben säubern an der Ampel
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Benjamin Kobitzsch

Kleiner Beitrag zum Familieneinkommen: Windschutzscheiben säubern an der Ampel

Sonia ist für die Mittelbeschaffung von SOS-Kinderdörfern in Bulgarien zuständig, keine einfache Aufgabe. Denn Geld ist rar in Bulgarien. 50 Euro bedeuten für einen Bulgaren das staatlich festgesetzte Mindestgehalt, der Durchschnitt liegt bei 155 Euro. Mit der Arbeitslosigkeit und der Armut kommen auch die sozialen Probleme. Viele Eltern sind alkoholabhängig oder sehen in der Prostitution den letzten Ausweg. In Bulgarien leben über 40.000 Kinder, deren Eltern tot oder nicht mehr dazu in der Lage sind, für sie zu sorgen. Kinder, die Zeitungen verkaufen oder die Scheiben wartender Autos waschen, sind ein alltägliches Bild auf den Straßen Bulgariens.

Seit 1993 gibt es in Bulgarien eine Organisation, die sich dieser Kinder annimmt: SOS-Kinderdörfer versuchen, den Kindern die Familie zu ersetzen und jene Geborgenheit zu geben, die ihnen ihre "biologische Eltern", wie sie bei SOS genannt werden, nicht geben können.

Auch die Eltern von Pavlin (14) und seiner 13 Jahre alten Schwester Ivelina können nicht mehr für die beiden sorgen. Obwohl gerade Ferien sind, sitzen die beiden mit ihren fünf SOS-Geschwistern um den großen Familientisch im SOS-Kinderdorf Dren, anstatt bei ihren Eltern zu sein. Denn während der Ferien können Kinder, die in einem SOS-Kinderdorf wohnen, nach Hause fahren - solange die leiblichen Eltern in der Lage sind, ihre Kinder wenigstens während dieser Zeit zu versorgen - und dies natürlich auch wollen.

Ungeduldig rutscht Pavlin auf seinem Stuhl hin und her, er ist der Star im SOS-Kinderdorf Dren. Vom Dorfleiter bis hin zu Sonia, der SOS-Mitarbeiterin in der bulgarischen Hauptstadt Sofia, sind alle davon überzeugt, dass er eine große Karriere als Tänzer oder Sänger vor sich hat. Nachdem er seinen Teller voller Fisch und Kartoffeln in sich hinein geschaufelt hat, stehen er und seine Schwester auch gleich auf und fangen an, um den Tisch herum zu tanzen. Die Queen-Kassette - CDs gibt es in Bulgarien kaum, wenn überhaupt, dann nur in den Läden der Hauptstadt - muss der Volksmusik aus der Shoppenregion weichen. Begeistert tanzen die beiden um den Tisch, von Waisenhausatmosphäre keine Spur.

Rock'n'Roll im Kinderdorf: "Bulgaria is bad"
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Benjamin Kobitzsch

Rock'n'Roll im Kinderdorf: "Bulgaria is bad"

Nachdem sich Pavlin mit strahlendem Gesicht wieder an den Tisch gesetzt hat, fängt er in gebrochenem Englisch an zu erzählen, von seinem Lieblingsbuch, seinem Lieblingsfilm. Am liebsten sieht er Lord of the Rings, den Herrn der Ringe, sein Lieblingsbuch ist ebenfalls - der Herr der Ringe. Erstaunt fragt ihn Sonia, was er denn nun lieber möge, Lord of the Rings oder die Musik und Tänze aus Bulgarien. "Bulgaria is bad" meint der 14jährige voller Überzeugung und grinst, während er in überraschte Gesichter sieht.

Biegt man von der Autobahn Richtung Griechenland an der Ausfahrt nach Dren ab und macht sich auf den bergigen Weg Richtung Kinderdorf, versteht man Pavlin etwas besser. Die Straße ist nur für einen Ortskundigen zu befahren, dem es in ständigen Kurven vom linken zum rechten Fahrbahnrand hin gelingt, den Schlaglöchern auszuweichen.

Dren ist ein kleines Dorf, es liegt am Rande einer weiten Ebene, die von flachen Gebirgen umschlossen wird. Morgens ziehen die Ziegenhirten unter Glockengeläut den Berg hinauf, sonst stört nichts die friedliche Ruhe in Dren. Vor der staatlichen Schule, die sich in diesem 2.000-Seelen-Dorf befindet, steht ein verrosteter Bogen und, obwohl viele Streben heraus gebrochen sind, kann man noch erkennen, dass dies einst ein Klettergerüst war. Bulgarien hat dringlichere Probleme, als sich um Spielplätze für seine Kinder zu kümmern.

Nesthäkchen Martina: Statt im Kinderheim nun die Jüngste im Haus Nummer 9
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Benjamin Kobitzsch

Nesthäkchen Martina: Statt im Kinderheim nun die Jüngste im Haus Nummer 9

Doch die Kinder im SOS-Kinderdorf müssen sich nicht mit einem verrosteten Gerüst zufrieden geben. Direkt hinter der Ansiedlung aus zwölf Wohnhäusern wurde ein Kindergarten gebaut, vor dem sich ein neues, großes Klettergerüst befindet. In ein paar Jahren wird auch Martina dort klettern können, im Moment turnt sie noch auf dem großen Tisch im Wohnzimmer ihrer Familie herum. Martina ist erst im März dieses Jahres geboren. Ihre Mutter war zum Zeitpunkt der Geburt selbst fast noch ein Kind, erst 16 Jahre alt. Als Klassenbeste wollte sie sich durch dieses Kind nicht in ihrer Ausbildung stören lassen - und gab die Tochter weg, SOS rettete den Säugling vor einer langen Odyssee durch bulgarische Kinderheime.

Jetzt ist Martina das Nesthäkchen der Familie in Haus Nummer neun. Alle strahlen, als das fidele Bündel kurz vor dem Abendessen aufwacht und von der Mutter aus der Wiege gehoben wird. Einen Säugling in der Familie zu haben ist eine besondere Herausforderung für eine SOS-Mutter, die schon mit der ungewöhnlich großen Familie gut ausgelastet ist.

SOS-Mutter zu sein ist ein Fulltimejob. Die Mütter übernehmen die ganze Verantwortung für ihre Familie. Lediglich einen Tag in der Woche haben sie frei, die restlichen sechs Tage wohnen und leben sie zusammen mit "ihren" Kindern in einem Familienhaus.

Heute gibt es zu Ehren der Feriengäste ein Festessen. Erst gefüllte Pfannkuchen und danach eine bulgarische Spezialität, ein Eintopf, der in kleinen Töpfchen überbacken und zusammen mit reichlich Brot gegessen wird. Über die Sommerferien kommen manche der Jugendlichen, die sonst am Ende ihrer Schulzeit, im Alter von 15 Jahren, von "zuhause" in eine SOS-Jugendeinrichtung ausziehen, zurück ins Kinderdorf und wohnen in ihrer lieb gewonnen Familie.


Pavlina ist gerade 15 Jahre alt geworden. Am Ende des nächsten Schuljahres wird sie nach Veliko Tarnovo ziehen, ein Städtchen, so malerisch, dass es auch an einer Felswand der italienischen Küste liegen könnte. Hier wurde einst die bulgarische Verfassung begründet, der Raum der Versammlung ist noch in damaliger Form aufgebaut und heute ein Museum. Will man ihn besichtigen, schaltet die einzige Museumswärterin extra das Licht ein; wenn man von der linken in die rechten Hälfte des Saales geht, wird links das Licht wieder ausgeknipst.

Mit der "Bimmelbahn" nach Veliko Tarnovo
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Benjamin Kobitzsch

Mit der "Bimmelbahn" nach Veliko Tarnovo

Bereits jetzt fährt Pavlina ab und zu die 40 Kilometer mit der Bahn in das kleine Städtchen. Die Türen der Bahn muss man selbst aufschieben, sie lassen sich auch während der Fahrt öffnen und sobald man in einen Tunnel fährt, sitzt man in totaler Finsternis: Licht gibt es in den Zügen nicht.

In Veliko Tarnovo befindet sich die SOS-Jugendeinrichtung, in der Pavlina während ihrer Ausbildung wohnen wird. Statt in der bekannten Großfamilie wohnen sie hier zu dritt auf einem Zimmer, drei Zimmer je Wohnung. Im Zimmer der Jungs steht ein PC, ein Modell, das in Deutschland zu Anfang der 90er Jahre aktuell war. Die Wände der Mädchenzimmer sind tapeziert mit Postern ihrer Lieblingsstars, alles ist sehr sauber.

Die Auszubildenden sollen langsam daran gewöhnt werden, auf eigenen Beinen stehen zu können; wenn sie Probleme haben, gibt es aber immer noch einen Ansprechpartner. Also ist der Tagesablauf immer noch recht streng, nach der Schule werden Hausaufgaben gemacht und nur zwischen 19 und 21 Uhr darf ferngesehen werden.

Jeden Samstag wird die Wohnung komplett gereinigt und dann gibt es das Taschengeld für die kommende Woche, mit dem die Jugendlichen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten müssen. Am Anfang ihrer Zeit in der Jugendeinrichtung ist das Geld meist am Dienstag schon aufgebraucht, aber nach und nach wächst das sonst so ungewohnte Gefühl für das eigene Geld.


Nachdem die Familie im Kinderdorf zu Ende gegessen hat, werden Fotoalben gewälzt von den gemeinsamen Ausflügen der letzten Jahre. Urlaub, als Abwechslung zum restlichen Jahr, soll - trotz aller finanziellen Knappheit - auch für die Kinder in den SOS-Kinderdörfern möglich sein. Dann fahren sie nach Caldonazzo in Italien, in ein internationales Feriencamp für Kinder aus europäischen SOS-Kinderdörfern, oder - wie in diesem Jahr - ans Schwarze Meer. Dort haben sie ein riesiges Badeparadies besucht, 30 Euro kostet der Eintritt für einen Tag, Bulgaren zahlen 10 Euro. Mit leuchtenden Augen drängen sich die Kinder um das Album, jeder möchte zuerst blättern und die Fotos zeigen, auf denen er besonders gut getroffen ist.

Um sich solche Unternehmungen leisten zu können, muss die SOS-Familie gut haushalten. Die Verantwortung für die Finanzen liegt bei der Mutter. Sie hat ein Budget, das sie am Monatsende auf jeden Stoitinki genau abrechnen muss. Erst wenn alles belegt ist, erhält sie den Etat für den kommenden Monat. Jedes Mal ist ein noch kleiner Betrag für den Urlaub eingeplant, der dann auf die hohe Kante gelegt werden muss - wie in einer "normalen" Familie eben auch.

Basketball: "Ei de de"
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Benjamin Kobitzsch

Basketball: "Ei de de"

Die Fotoalben sind durchgeblättert und werden wieder im Schrank verstaut, es ist Zeit für die allabendliche Beschäftigung, Basketball. Da trifft sich die ganze Dorfgemeinschaft auf dem großen Sportplatz und dann geht es los. Hier spielen die "Gäste" aus den Jugendeinrichtungen, fast Erwachsene, mit den zehnjährigen Grundschülern zusammen. "Ei de de", feuern sie sich an und nach jedem Korb wird eingeschlagen. Das erste Ziel ist nicht das Gewinnen, sondern das gemeinsame Spiel. Denn eins haben sie im Kinderdorf gelernt: Stark sind sie nicht allein, sondern nur gemeinsam, sei es in der SOS-Familie oder in der Dorfgemeinschaft.

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* Benjamin Kobitzsch und Uwe Horstmann vom Wieland-Gymnasium in Biberach waren mit ihrer Schülerzeitung "funzel" Preisträger beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb 2002/2003 (beste Reportage). Die beiden initiierten nach der Rückkehr an ihre Schule eine Spendenaktion für die SOS-Einrichtungen in Bulgarien, die 1000 Euro einbrachte.

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