ugust Ferdinand Möbius, Mathematiker und Astronom zu Leipzig, nahm den Mund ganz schön voll. "Das Mathematische ist der Gegensatz des Weiblichen", verkündete der Elite-Wissenschaftler, gerade mal zwei Menschenleben ist es her. "Möchte dieses in grenzenlosen Gefühlen verschwimmen, so gipfelt männliche Klarheit in der Exaktheit." Eine Frau, talentiert für Algebra oder Geometrie und auch sonst nicht blöd? "Wider die Natur" wie "eine mit Bart".
Das Schicksal ersparte dem Gelehrten Einsicht. Als die ersten Schülerinnen 1896 in Berlin das Abitur bestanden, lag Möbius bereits unter den Toten.
So befremdlich die Töne des Spitzenforschers heute klingen mögen - Großprotz Möbius verhielt sich seinem Geschlecht gemäß. Den Trägern des Y-Chromosoms sei eines gemein, fasst Doris Bischof-Köhler zahlreiche Verhaltensstudien zusammen: "Das Selbst wird meistens überschätzt."
Schon im Kindesalter, so führt die Münchner Entwicklungspsychologin aus, zeigen sich Jungen eher unbeirrt von Schlappen und Gemäkel. Konsequent zieht sich der Befund durch Leistungstests in Kindergarten, Schule und Beruf: "Ist die Versetzung gefährdet oder die Karriere ungewiss: Männliche Selbstwahrnehmung ist auch in aussichtsloser Lage meist rosarot."
Die Schönfärberei wird langsam riskant. Obwohl Männer einparken können, obwohl sie rund 30 Prozent mehr verdienen als Kolleginnen in gleicher Position und noch immer die mächtigsten Ämter besetzen: Der Nachwuchs schwächelt. Ernsthaft.
Ärzte attestieren Jungen dreimal so oft das Zappelphilipp-Syndrom ADHS wie Mädchen; wenn Lehrer sich zur Disziplinarkonferenz versammeln, dann geht es in den meisten Fällen um einen männlichen Delinquenten; auch unter den Legasthenikern stellen Jungen die große Mehrheit. Ja, mehr noch: "In Klassen für Verhaltensauffällige überwiegen sie zu 90, unter Schülern mit Lernschwierigkeiten zu 75 Prozent", berichtet die Oldenburger Pädagogikprofessorin Astrid Kaiser.
Unterdessen steigen die Frauen von morgen auf. Seit 1992 schaffen mehr Mädchen als Jungen das Abitur - mit durchweg besseren Noten. Seit zwei Jahren überwiegen sie auch an den Hochschulen. 55 Prozent aller Gymnasiasten und 60 Prozent aller vorzeitig Eingeschulten sind weiblich.
Die Jungen hingegen dominieren unter den Sitzenbleibern; 150 000, rund ein Drittel mehr als bei den Mädchen, waren es im vergangenen Jahr (siehe Grafik Seite 84). Je anspruchsvoller der Schultyp, desto stärker sind Mädchen vertreten, so lautet die eine Wahrheit. Die andere: Wer nicht einmal die Hauptschule zu Ende bringt, ist meist männlichen Geschlechts.
Fast durchweg erreichten Schülerinnen bei internationalen Schulleistungsstudien wie Iglu (Lesekompetenz in der Grundschule), Tims (Mathematik, Naturwissenschaften) und Pisa (Textverständnis, Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) die höheren Werte: Vor allem beim Lesen und beim Textverständnis liegen sie weit vorn. Gerade erst bestätigten britische Wissenschaftler diese Tendenz. Unter zehntausend Kindern fanden sie doppelt so viele Jungen wie Mädchen mit starken Leseschwächen.
In ihrem Problemfach Mathe hinken die Mädchen zwar hinterher - doch weitaus weniger als die Jungen ihren Mitschülerinnen in den sprachlichen Fächern. Auch in Chemie holen sie auf, in Biologie sind sie längst überlegen. Allein in Physik schneiden die Jungen noch deutlich besser ab.
"Lange beschäftigte uns allenfalls die mangelnde Sozialkompetenz von Jungen", sagt Barbara Koch-Priewe, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Dortmund. "Nun bekommt die Debatte eine neue Brisanz. Die Pisa-Studie hat den Blick auf die Leistungsdefizite gelenkt."
Die Kerle, so sorgen sich Eltern, Lehrer und Forscher, manövrieren sich ins Abseits. "Viele riskieren ihre Zukunft", meint Uli Boldt, Buchautor und Lehrer an der Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld*.
"Es bahnt sich eine Jungenkatastrophe an", sagt auch Henning Scheich, Direktor und Lernforscher am Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. "Da entwickelt sich eine handfeste Versagerquote."
Die Aktiven des Vereins MANNdat forderten vor drei Wochen in einer Petition an den Bundestag bereits Jungenrechte ein; der Elternverein des schülerreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen mahnt aufgeschreckt, die Zahl männlicher Schulabgänger ohne Abschluss sei Besorgnis erre- gend: "Hier braut sich persönliches Unglück, aber auch ein gefährliches gesellschaftliches Problem zusammen."
Denn die Versager von heute werden kaum zu denen heranreifen, die eine Gesellschaft so dringend nötig hat - Steuerzahler mit hohem Einkommen und beziehungsfeste Väter wohlgeratener Kinder. Wer von der Schulbank zum Sozialamt schlittert, verdient meist lebenslang wenig und sieht auch auf dem Heiratsmarkt schlecht aus. Die wenigsten Abbrecher gründen eine Familie.
Ist es also so weit? Kommen nach Jahren der Mädchenförderung, nach "Girls-Days" in Schulen und "Mädchen-AGs" in Kindergärten, nach "Mädchenfreiräumen" auf städtischen Spielplätzen und "Mädchen-Ermutigungs-Nachmittagen" in Jugendzentren, nun die Jungen zu kurz?
Wer diese Frage stelle, der rüttle an einer "gesellschaftlichen Vereinbarung", erklärt die Leipziger Soziologin Heike Diefenbach. Als politisch korrekt gelte es nun einmal, die Mädchen im Nachteil zu sehen. Detailliert hat die Wissenschaftlerin aktuelle Bildungsstatistiken ausgewertet - und folgert aus den Daten unverblümt und gegen alle Konvention: "In deutschen
Schulen haben Jungen deutliche Nachteile gegenüber Mädchen."
Häufig bekommen sie es frühzeitig zu spüren. "Viele melden sich bei uns an, weil sie sich in der gemischten Grundschule übervorteilt gefühlt haben", erzählt Barbara Gauger, Lehrerin an einer der letzten Jungenschulen Deutschlands. Selbst Pädagogen wie Johannes Glötzner, die sich dem Wohl der künftigen Männer verschrieben haben, ertappen sich dabei, Schülerinnen zu bevorzugen. "Wir machen es Mädchen leichter, weil sie es uns leichter machen", sagt der Jungenbeauftragte für die städtischen Schulen in München. "Sie rüpeln weniger, plustern sich nicht so auf, haben oft lesbarere Handschriften und organisieren verlässlich das Drumherum vom Tafelputzen bis zum Klassenfest." Kurzum und im Pädagogendeutsch: Mädchen zeigen "schulangepasstes Verhalten".
Zwar bereiten auch sie Sorgen - vor allem in der Pubertät. Doch die Probleme mit Körper und Selbstwert, im schlimmsten Fall Magersucht und Depression, spiegeln sich selten in den Zeugnissen wider.
Im Gegenteil, womöglich trägt eine typisch weibliche Unart dazu bei, dass Mädchen häufig die aufmerksameren Schüler sind. Nahezu einhellig belegen psychologische Studien, dass sie sich trotz der besseren Noten durchweg schlechter einschätzen als Jungen.
Der Zweifel treibe zu gründlichem Lernen, und die "Schulangepassten" machten es sich auch selbst leichter, so die Forscher. "Eine ruhige Schülerin bekommt nun mal mehr mit als ein Kerl, der seinen Kumpel ständig mit dem Zirkel in den Rücken piken will", sagt Lehrer Boldt. "Es ist das Verhalten, das die Leistungen von Jungen und Mädchen auseinander treibt. Das eine Geschlecht ist ja nicht grundsätzlich intelligenter als das andere."
Oder vielleicht doch? Und falls die Jungen wirklich nicht dümmer sind, warum kriegen sie die schlechteren Noten? Warum verhalten sie sich so viel unangepasster und rebellischer? Und wie lässt sich ihnen helfen?
Die Frage nach den Unterschieden rührt an einen grundlegenden Forscherstreit. Stattet die Natur einen Menschen mit seinen Begabungen aus? Oder entfalten erst Erziehung, Umwelt und Gesellschaft seine Talente?
Die Erklärungen wechselten wie Ebbe und Flut. Lange galt das Weib als Mangelwesen der Natur, das mit geringeren Geistesgaben gesegnet sei. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts erkämpften sich die Frauen allgemeinen Zugang zu Gymnasien und Universitäten; dabei betonten Psychologen und Soziologen den Einfluss von Umwelt und Erziehung. "Doing Gender" lautete das Schlagwort der überwiegend weiblichen Forscher in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren: Geschlechterrollen und das mit ihnen verbundene Verhalten würden erst durch die ständige gesellschaftliche Bestätigung zementiert.
In den neunziger Jahren dann wurden mit der neuen Begeisterung für Bio- und Gentechnik, für das geheimnisvolle Wirken von Hormonen und Neuronen, auch biologische Argumente wieder mehrheitsfähig. Inzwischen verstehen die meisten Wissenschaftler menschliche Entwicklung als ein Zusammenspiel von "nature and nurture", von Natur und Erziehung.
Die Beleglage jedoch bleibt verworren: Dass nicht nur deutsche, sondern auch finnische, japanische, ungarische oder neuseeländische Mädchen beim Pisa-Test besser abschnitten, in einigen Ländern gar in Mathematik, spricht beinahe für eine naturgegebene Überlegenheit des weiblichen Geschlechts. Dass der Leistungsvorsprung der Mädchen in den letzten Jahren stetig zugenommen hat, lässt eher vermuten, dass ihnen gesellschaftliche Einflüsse zugute kommen.
Zunächst einmal, und das erschwert die Suche nach Antworten, findet sich unter den Verhaltensweisen der Geschlechter überwiegend Gemeinsames: Alle Jörgs und Annas dieser Welt weinen, lieben und wüten. Beide können eine Leidenschaft für Schokoladenkekse oder Badewannen entwickeln - auch wenn die Bevorzugung der Dusche einst als ausgesprochen männlich galt. Und selbstverständlich kämpfen auch Mädchen mit Rechtschreibregeln, so wie Jungen in Mathe-Klausuren aufgeben - ganz gegen die Statistik.
"Alle Angaben zum typischen Verhalten sind eben Mittelwerte", erklärt die Münchner Psychologin Bischof-Köhler. "Und mitunter sind Unterschiede innerhalb einer Jungen- oder Mädchengruppe sogar größer als zwischen den Geschlechtern."
Die Spurensuche im internationalen Kindergarten Hamburg-Blankenese offenbart trotz aller Gemeinsamkeiten augenfällige Unterschiede. Zur Pause stolpern die künftigen Männer und Frauen aus 40 Nationen auf den Hof - und 40 Sekunden später steht die Formation: an den Sandkisten in Grüppchen die Mädchen, auf dem Fußballplatz tobend die Jungs. Die einen stecken die Köpfe zusammen und reichen sich ernsthaft ihre Schäufelchen, die andern kloppen sich bereits in den ersten zwei Minuten.
"Eh, this is fun", ist bloß Spaß, wehrt Jacob eine Lehrerin ab - der Vierjährige liegt platt auf dem Boden, weil sein Freund ihm gerade ein Bein gestellt hat.
Hunderte solcher Szenen hat Direktor Nick Ronai in seinem Berufsleben beobachtet. "Mädchen spielen stundenlang vor sich hin", berichtet er, "während Jungen bis zum siebten Lebensjahr am liebsten im Pulk ihre Körperkraft messen." Und das gelte für Kinder aller Nationen. "Ein Südafrikaner und ein norwegischer Blondschopf mimen mit der gleichen Begeisterung irgendeinen Kampf", sagt er. "Da müssen sie durch."
Schon ein Neugeborenes benimmt sich, als wüsste es um sein Geschlecht. Offenbar reagieren weibliche Babys früher auf Stimmen und suchen eher Blickkontakt.
Ronais Erfahrung deckt sich mit den Ergebnissen der Wissenschaft. 20 Jahre lang forschte die amerikanische Entwicklungspsychologin Eleanor Maccoby von der Stanford University in Kinderzimmern, Krippen, Schulen und Experimentierlabors, mit versteckter Kamera und Hunderten von Beobachtungsbögen. Eigentlich hatte sie belegen wollen, wie ähnlich sich die Geschlechter sind. Stattdessen stellte Maccoby fest: Mädchen und Jungen folgen unterschiedlichen Programmen - Mädchen einem Kooperations-, Jungen einem Dominanzprogramm.
* Uli Boldt: "Ich bin froh, dass ich ein Junge bin". Schneider Verlag, Hohengehren; 203 Seiten; 16 Euro.
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