AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2004
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Titel Angeknackste Helden

4. Teil

In der Evolution sei dem Menschen Vergleichbares nicht begegnet, meint der Neurowissenschaftler. "Das Gehirn läuft auf Hochtouren, es verarbeitet eine Masse aufwendig dargebotener Information, es versucht Schlüsse daraus zu ziehen - und kommt doch nicht weiter." Eigentlich sei es gewohnt, Eindrücke auf das Wesentliche zu reduzieren und in Sprache zu gießen. "Doch da ist trotz Datenflut wenig, was sich in Sprache packen ließe. Es könnte sein", befürchtet Scheich, "dass dieser Wahnsinnskonsum die Jungengehirne lahm legt."

Konkurrierende Geschlechter
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Konkurrierende Geschlechter

Und Jungenkonferenzen sollen die grauen Zellen der Kerle wieder in fruchtbarere Bahnen lenken? Lehrer Boldt zuckt die Achseln. "Viele trainieren hier erst ein Verhalten, das Voraussetzung für regulären Unterricht ist." Tatsächlichen Erfolg zu messen sei schwierig. Er sieht ermunternde Anzeichen. "Mehr Abschlüsse, weniger Verweigerer, bessere Konfliktlösung."

Ähnlich positiv bewertet Erziehungswissenschaftlerin Kaiser ihren Modellversuch an vier niedersächsischen Grundschulen. Vier Jahre lang sollten Lehrersoziales Verhalten bei Jungen und naturwissenschaftliches Interesse bei Mädchen fördern. Es gelang so gut, dass die Grundschule Friedrichsfehn an der Idee festhält: Im Computer-Unterricht sitzt die erste Klasse nach Geschlechtern getrennt; die Viertklässler haben, so weit das Stundendeputat es erlaubt, ähnliche Jungen- und Mädchenkonferenzen wie die Schüler in Bielefeld.

"Welchen Weg gibt es sonst?", fragt der Münchner Jungenbeauftragte Glötzner. Seit vier Jahren suchen Lehrer von Realschulen und Gymnasien bei ihm Rat, wenn es Probleme mit Jungencliquen oder Schulverweigerern gibt. "Die Zahl der Anfragen steigt", sagt er. "Ich könnte jeden Tag in eine andere Schule gehen."

Glötzner sieht aus, wie sich Friesen einen Urbayern vorstellen. Im wettergegerbten Gesicht wächst weiß durchwirkt ein Rauschebart, darüber funkeln blaue Augen. Er spricht Sätze, die von Vokabeln wie "latschert" und "deppert" nur so wimmeln. "Die Buben sind hilflos", sagt er und zählt die typischen Probleme auf. "Sexualität, Frauen, Berufswahl."

Der kernige Lehrer redet mit ihnen und nimmt sie in die Pflicht. Sie improvisieren Szenen, in denen die Mutter arbeiten will, weil der Vater seinen Job verloren hat. "Dann muss der Bub die Frau spielen und zwangsläufig über Partnerschaft nachdenken." Eine feste Gruppe namens "Buben spielen Theater" tritt regelmäßig auf. "Applaus ist schön", so beschreibt Schüler Max schüchtern, was ihn bei den Proben hält, "weil man weiß, man ist gemeint."

Die Jungenhilfe läuft kaum an, da fürchten die ersten Aufgeschreckten bereits um die Mädchen. Schließlich dominieren Männer noch immer die Chefbüros und überwiegen weiterhin in Fächern wie Elektrotechnik, Maschinenbau oder Physik - unter anderem, weil sie sich im Gegensatz zu Frauen auch mit miesen Noten für ein naturwissenschaftliches Studium entscheiden.

"Lehrer erleichtern es Mädchen nicht gerade, Vertrauen in die eigene Leistung zu entwickeln", kritisiert die Hamburger Pädagogikprofessorin Hannelore Faulstich-Wieland und beschreibt eine beispielhafte Informatikstunde. "Am Ende galt ein großspuriger Junge als kompetent, der seinen Rechner nicht richtig einstellen konnte." Das tat dann eine Schülerin - die dem Lehrer nicht weiter auffiel.

"Natürlich müssen wir darauf achten, das Selbstvertrauen von Mädchen zu stärken", sagt Erziehungswissenschaftlerin Koch-Priewe. Zudem empfiehlt sie Gelassenheit. "Jungenförderung ist kein Rückschlag. Schließlich müssen die Mädchen mit ihnen leben."

Doch ob das demnächst einfacher wird, ob Jungenstunden, Haushaltspass und Theaterspiel den künftigen Männern wirklich durch Schule und Leben helfen können, lässt sich kaum sagen. Längsschnittstudien existieren nicht und interessierten lange auch niemanden. In der Wissenschaft habe bislang eher das Prinzip "von Frauen für Frauen über Frauen" geherrscht, stichelt Anthropologe Gilmore.

Vorzugsweise widmeten sich die Forscher den Mädchen. Dutzende von Studien er mittelten, wie ihre Gegenwart das Unterrichtsklima verbessere; Dutzende andere beschäftigten sich mit dem weiblichen Interesse für Mathe, Physik und Chemie, belegten akribisch Wortmeldungen in Unter-, Mittel- und Oberstufe oder listeten auf, wie häufig Frauen in Schulbüchern erwähnt werden.

"Wir haben ein Manko in der Jungenforschung, und das liegt eindeutig an der feministischen Tradition der Geschlechterwissenschaft", sagt Ursula Kessels, pädagogische Psychologin an der Freien Universität Berlin.

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Auch sie selbst hat, gemeinsam mit der Psychologin Bettina Hannover, Mädchen beforscht. An fünf Berliner Gesamtschulen untersuchten die beiden Wissenschaftlerinnen, ob Schülerinnen mehr Lust an Physik entwickeln, wenn sie dabei unter sich bleiben.

Dabei bestätigten sich Erfahrungen, die Lehrer an Schulen für Höhere Töchter früher regelmäßig machten. Die Schülerinnen in den Mädchengruppen beteiligten sich stärker, erklärten, Spaß an Physik zu haben, und wählten das Fach in der neunten Klasse häufiger als ihre Mitschülerinnen aus den gemischten Gruppen.

"Gerade in der Pubertät neigen Jugendliche dazu, sich stereotyp zu verhalten", sagt Kessels. "Sie erproben sich an dem, was als typisch weiblich oder typisch männlich gilt." In Physik zu glänzen sei für viele Mädchen daher problematisch. "Es gefährdet ihre wackelige Identität als Frau." Sind sie aber unter sich, sei ihnen das weniger bewusst. "Sie vergessen ihre Geschlechtsidentität und fühlen sich dann einfach nur als Schüler."

Und was bringt getrennter Unterricht den Jungen? In ihren Problemfächern Deutsch und Fremdsprachen wären sie vermutlich ähnlich erfolgreich wie Mädchen in Physik, schätzt Kessels. Trifft ihre These zu, müssten Jungen romantische Literatur im gemischtgeschlechtlichen Unterricht allein schon deshalb ablehnen, weil sie damit ihre ohnehin angeknackste Identität als Mann gefährden.

Schlichter, aber ebenfalls denkbar ist, dass Jungen mehr Lust aufs Lesen bekommen, wenn die Texte sie interessieren. Dafür sprechen die Beobachtungen des Friedrichsfehner Grundschuldirektors Hartwig Fortkamp. Er kennt Jungen, die freiwillig seitenlange Aufsätze über Dinosaurier verfassten oder plötzlich begeistert mit dem Lesen begannen - in einem Standardwerk über Angelhaken.

Eine Rechtschreibe-Untersuchung des Hamburger Landesinstitutes für Lehrerbildung scheint Fortkamps Erfahrungen zu bestätigen. Jungen werden zu Meistern der Orthografie, wenn die Wörter ihren Interessen entsprechen: "Schiedsrichter" etwa oder "Computer" beeindruckten in der Studie Zweitklässler so nachhaltig, dass sie "null Fehler" im Diktat erzielten.

Weil sich bisher kein Wissenschaftler damit befasst hat, wie sich reine Jungenerziehung auf männliche Lust an Sprache und Literatur auswirkt, bleibt nichts als ein Ausflug ins wahre Leben: zum Collegium Josephinum nach Bonn, an eine der letzten Jungenschulen Deutschlands.

"Da gab es einen König, der hieß Minos. Das Problem war, dass auf Kreta auch ein fürchterliches Monster lebte, Minotaurus." Deutschunterricht, sechste Klasse. Simon erzählt die Geschichte des griechischen Helden Theseus. "Hervorragend zusammengefasst", lobt Klassenlehrer Martin König. Er lobt oft, und am Ende einer Stunde ruft er seinen Jungs "Danke für die Mitarbeit" zu.

Nomen für Nomen, Adjektiv für Adjektiv nehmen die Elf- und Zwölfjährigen den Text auseinander; über ihnen an der Decke hängen große Stofflöwen - die Wahrzeichen der Klasse. Auf der Fensterbank treiben dicht gedrängt Grünpflanzen aus, in einem Glaskasten wohnen Wüstenrennmäuse mit ihren Jungen.

"Was kann man mit einem Verb machen?", fragt König. "Steigern", ruft einer, angetan wie fast alle im Raum mit Cargohose und Kapuzenpulli. "Das schmerzt", sagt König, "was hilft dagegen?" Die Schüler feixen. "Üben", erhält er zur Antwort. "Na eben, Jungs. Was denkt ihr, wie oft die Spieler vom 1. FC Tore schießen üben und trotzdem daneben treffen." Er grinst. "Also, was lässt sich ein Verb? Danke, Daniel, ja, genau: Kon-ju-gie-ren."

1300 Schüler lernen in der staatlich anerkannten katholischen Lehrstätte; 90 Plätze hat Peter Billig, der Schulleiter des altsprachlichen Gymnasiums, jedes Jahr zu vergeben. Rund 200 Auswahlgespräche führt er dafür. Auch bei Pater Peter Niesemann, dem Direktor der Realschule, ist die Warteliste lang. Nicht allein das christliche Weltbild nimmt Eltern im katholischen Rheinland für die Schule ein. Viele schätzen den Sprachen-Schwerpunkt - und damit die Vertiefung ebenjener Fächer, in denen sich Jungen gemeinhin so schwer tun.

"Ich liebe das hier", sagt Susanne Bölting, Englischlehrerin der achten Klasse im Gymnasium. "Es ist so anders." Ihr Referendariat hat sie in einer Schule für Mädchen und Jungen gemacht. "Da hatten Achtklässler eigentlich vor allem ein Bedürfnis: sich ständig vor den Mädchen zu profilieren."

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Hier verhalten sie sich bei der Textarbeit so ruhig, dass die berühmte Stecknadel tönen könnte. "Klar haben die Schüler auch Freundinnen", erzählt Bölting. "Doch im Unterricht blenden sie das aus."

Der Gong ertönt, Mathe in Klasse zehn - eine Stunde, so anstrengend wie sie in jeder anderen Schule sein könnte. Nach einer Minute rülpst der Erste, der Nächste muss aufs Klo, ein Dritter grölt. Alle Unbefangenheit von Unterstüflern ist verflogen. An den Bänken, die sie seit der fünften Klasse begleiten, lümmeln die nun 16-Jährigen; inzwischen einen halben Meter größer, leicht glänzt der Fettfilm auf Haar und Haut, die Stimmen sind brüchig und dröhnen dennoch. Kaum einer weiß, wohin mit seiner Kraft, bis leichte Panik ausbricht: die Klassenarbeit, schon in der nächsten Stunde? "Eh, voll Panne." Ruhe kehrt ein. 28 Köpfe beugen sich über die Cosinus-Kurve.

"Unser Vorteil ist, dass sich die Pubertätsprobleme auf ein oder zwei Schuljahre konzentrieren", sagt Beratungslehrer Hinnerk Dreyer. "In gemischten Klassen ziehen die sich von der sechsten bis zur zehnten Klasse hin." Der 15-jährige Björn empfindet das Collegium daher trotz täglichen Morgengebets als "riesigen Freiraum". Bis zum siebten Schuljahr noch lernte er in einem Gymnasium mit Mädchen.

"Wir können hier konzentrierter arbeiten, weil wir uns nicht ständig vor denen beweisen müssen", sagt er. Stattdessen übernehmen die Jungen den klassischen Mädchenpart gleich mit: Kochen auf Kursfahrten, Fest-Organisation, Klassenraum aufräumen. Das jüngste Projekt der Schule nennt sich "Compassion", eine Art Sozial-Praktikum in Altenheimen, Kindergärten und Häusern für Behinderte.

Erst in der Oberstufe finden sich auch junge Frauen in dem nüchternen Betonbau ein. Zusammen mit einer benachbarten Mädchenschule bietet das Collegium dann in den Hauptfächern gemeinsamen Unterricht und ein breites Fächerspektrum an. "Es kann sich schon auch lohnen, die Ansichten eines Mädchens zu erfahren", erklärt der 18-jährige Schulsprecher Nathanael Liminski und grinst. "Vor allem auf Literatur haben die einen anderen Blick. Wir gucken eher: Was macht der Held da? Die fragen: warum?"

"Schulen wie das Collegium werden natürlich die Ausnahme bleiben", sagt Co-Rektor Ulrich Lipperheide, während er durch den Treppenflur zur nächsten Stunde hastet. "Niemand denkt ernsthaft darüber nach, künftig flächendeckend nach Geschlechtern zu trennen."

Trotz möglicher Leistungssteigerung hielte das auch Boldt für einen Rückschritt. "Beide Geschlechter müssen nun mal voneinander lernen, und damit beginnen sie am besten frühzeitig." Koch-Priewe kritisiert vor allem den künstlichen Schutzraum in reinen Jungen- oder Mädchenschulen. "Mädchen sollen in der Konkurrenz mit Jungen ihren Weg finden und umgekehrt."

Zumindest für zeitweilig getrennten Unterricht - nicht nur in Jungen- und Mädchenkonferenzen, sondern auch in den Fachstunden - plädieren inzwischen viele. Zwar mahnen einige Geschlechterforscherinnen noch, getrennt zu unterrichten bedeute, Unterschiede zu betonieren; und auch die Mehrheit der Deutschen scheint mit dem Konzept wenig anfangen zu können. Doch die Riege pragmatischer Experten wächst.

"Es wirkt, und es ist sinnvoll", urteilt Kessels von der Freien Universität Berlin. In Deutsch, Physik, Informatik, Mathe, Chemie und Fremdsprachen sollten Schulen ruhig mal getrennten Unterricht ausprobieren, meint auch Koch-Priewe. "Nicht unbedingt immer auf Jahre, aber vielleicht ein paar Monate lang, wenn die Fächer neu einführt werden. Damit die eine Gruppe nicht schon von vornherein benachteiligt ist."

Die Schulgesetze mehrerer Bundesländer wie zum Beispiel Hessen, Schleswig- Holstein oder Sachsen-Anhalt erlauben stundenweise getrennten Fachunterricht. Doch in der Praxis bleiben Forschungsprojekte wie das der Berlinerin Kessels die Ausnahme. Auch Jungen- und Mädchenkonferenzen stehen in nur wenigen Schulen auf den Stundenplänen - obwohl Boldt bei Fortbildungen oft begeisterte Kommentare hört.

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"Häufig können Schulen solchen Unterricht gar nicht anbieten", kritisiert der Lehrer. "Sie haben kaum noch ein Kontingent für Stunden, die nicht benotet werden müssen." Viele Kollegen kapitulierten schon vor dem regulärem Unterricht und vor der Masse an Inhalt, die sie vermitteln sollten. "Oder aber sie wollen sich selbst nicht mit ihrer Rolle als Mann oder Frau auseinander setzen."

Das aber sei unverzichtbare Voraussetzung, sagt der Münchner Bubenbeauftragte Glötzner. Sorgfältig streicht er durch den langen Bart. "Man weiß es ja selbst manchmal nicht besser und verhält sich nach depperten bizarren Männermustern."

Bizarr und deppert - aber erfolgreich. Denn eine Frage bleibt offen: Warum machen die durchweg weniger erfolgreichen Jungen dann im Beruf so oft steilere Karrieren als die Mädchen?

Zumindest die Evolutionspsychologen kennen eine Antwort: "Im Job ist es wie mit dem Erbgut", sagt die Verhaltensforscherin Bischof-Köhler. "Man muss es halt unverdrossen immer wieder probieren. Und da haben Männer einfach die höhere Misserfolgstoleranz."

KATJA THIMM


* Bundesweiter Berufsorientierungstag für Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren am 22. April.

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