Von Volker ter Haseborg, Washington
Vor genau 80 Jahren stand John Scopes in Dayton (Tennessee) vor Gericht. Der High-School-Lehrer für Biologie war angeklagt, weil er im Unterricht über die Evolutionstheorie gesprochen hatte. Laut Gesetz war es verboten, jegliche Theorie zu lehren, die der Schöpfungsgeschichte der Bibel widersprach. Scopes wurde für schuldig befunden. Und ging trotzdem als moralischer Sieger aus dem Gericht: Durch die Medienberichterstattung war die Evolutionstheorie plötzlich populär geworden, viele Amerikaner erklärten sich mit Scopes solidarisch.
Doch die Schüler mussten auf Evolutionsunterricht warten: Bis in die sechziger Jahre gab in den amerikanischen Schulbüchern kaum einen Hinweis auf Darwins Theorien, das Fundament der modernen Biologie. Erst danach durften sie den US-Schulen vorgestellt werden. 80 Jahre nach dem berühmten Prozess sorgt die Evolution wieder für Aufruhr in den Staaten. Voll entbrannt ist der Streit darüber, ob und wie sie an den Schulen gelehrt werden soll - im Biologieunterricht, nicht etwa in Religion, denn dieses Fach existiert an den öffentlichen Schulen der USA nicht.
Die stete Lobby-Arbeit fruchtet
Die religiöse Rechte ist in den letzten Jahren erstarkt. Die Achse der Frommen in den USA sträubt sich gegen die Lehre, dass eine langsame, kontinuierliche Entwicklung von lebloser Materie zur heutigen Vielfalt des Lebens geführt hat. Rückhalt finden die Aktivisten durch das konservative Klima in den USA und vor allem bei Präsident George W. Bush, der sich ebenfalls für die Genesis als Lehrstoff stark macht.
Die bibelfrommen Rechten halten die Evolution lediglich für eine Theorie, die von liberalen Eliten in Amerika propagiert werde. Und damit, so ihre Meinung, soll jetzt Schluss sein.
Die stete Lobby-Arbeit hat sich im Bundesstaat Kansas wohl am meisten gelohnt. Dort sollen jetzt die Schul-Standards revidiert werden. "Die meisten Menschen in Kansas glauben nicht, dass wir vom Affen abstammen", frohlockte Terry Fox, Vorsitzender der erzkonservativen Southern Baptist Church, in der "Washington Post". In insgesamt 19 Bundesstaaten stehen derzeit Entscheidungen darüber an, ob und wie stark die Evolutionslehre im Biologieunterricht angezweifelt werden darf. Sehr zur Freude von Terry Fox: "Wenn du genug Zweifel an der Evolution schürst, wird der Liberalismus sterben.
Hatten "Kreationisten" in den vergangenen 40 Jahren immer wieder vergeblich versucht, mit Gesetzen die Evolutionslehre ganz aus den Schulen zu verbannen, schreiten sie jetzt auch mit anderen Mitteln zu Werke. Nun versuchen sie, der Theorie mit wissenschaftlichen Mitteln den Garaus zu machen und ihr Unzulänglichkeiten nachzuweisen. Das Ziel: Darwins Lehre soll im Unterricht nur noch als ein Erklärungsversuch für die Entstehung der Arten gelten.
Eine Bewegung mit geballter Finanzkraft
Die Anhänger der Schöpfungsgeschichte propagieren jetzt das Konzept des "Intelligent Design" und gehen von einem Bauplan des Lebens aus, der durch ein höheres Wesen geschaffen wurde. Dabei hüten sie sich vor allzu offensichtlichen religiösen Bezügen, um ihren Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Wie die "Washington Post" berichtet, steht hinter der Anti-Evolutionsbewegung in Amerika eine geballte Finanzkraft. Wissenschaftler haben ihre eigenen Institute gegründet. Nach Angaben der Zeitung gibt das "Discovery Institute" in Seattle jährlich über eine Million Dollar für Forschung, Umfragen und Publikationen, die gegen die Evolutionstheorie gerichtet sind, aus. In Fort Lauderdale hat der Evangelist James Kennedy ein "Creation Studies Institute" gegründet. Und in Kentucky sammelte eine Gruppe, die sich "Answers to Genesis" nennt, im Jahr 2003 neun Millionen Dollar Spenden für den Kampf gegen die Evolution.
Die Saat scheint aufzugehen. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit unterhalten die Aktivisten auch gute Beziehungen in politische Kreise. So wurden in Alabama und Georgia bereits Gesetze eingebracht, die es Lehrern erlauben, die Evolutionstheorie im Unterricht hart anzugreifen. Auch Ohio, Minnesota, New Mexico und Ohio haben solche Gesetze in der Schublade. Ein weiteres Projekt ist die Forderung nach einem Aufkleber auf allen Biologie-Büchern. Der Warnhinweis soll die Schüler darauf aufmerksam machen, dass die Evolutionstheorie bislang nicht erwiesen sei.
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