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29.03.2005
 

Hochbegabte Kinder

Kleine Schlauberger mit miesen Zensuren

Von Carola Padtberg

Manche Kinder sind so clever, dass sie in der Schule ständig anecken. Die "Talenta" bei Paderborn kümmert sich speziell um Problemschüler wie den achtjährigen Julian Zameit - als einzige Schule Deutschlands. Doch nun muss das Gymnasium aus Geldmangel schließen: ein pädagogisches Desaster.

Zu schlaue Schüler können ein Problem sein. Besonders dann, wenn sie sich unterfordert fühlen - und die Leistung in der Schule verweigern. Sie werden unzufrieden, widerspenstig oder spielen den Klassenclown. Dann bleiben Schüler mit einem Intelligenzquotienten ab 130 hinter den Leistungen ihrer Mitschüler zurück, obwohl sie so schlau sind wie promovierte Akademiker.

Auf der Talenta-Schule: Julian Zameit (r.) und Florian
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Auf der Talenta-Schule: Julian Zameit (r.) und Florian

Im westfälischen Eringerfeld bei Paderborn kümmert sich seit fünf Jahren die Spezialschule "Talenta" ausschließlich um diese sogenannten Underachiever. Auch der hochbegabte Julian Zameit, 8, wird dort unterrichtet. Seine Familie zog letztes Jahr von Flensburg nach Büren bei Paderborn, damit der blonde Junge mit dem Faible für Mathematik angemessen unterrichtet werden kann. Derzeit besucht Julian die vierte Grundschulklasse der Talenta und nimmt am Mathematikunterricht der fünften Klasse teil.

Doch dann kam die böse Überraschung: Die Schule schließt zum Ende des Schuljahres, die ersten Lehrer wurden bereits entlassen. Eltern, Kinder und Pädagogen stehen vor dem Nichts.

Der Grund für das Desaster lautet Geldmangel. Kleine Klassen und anspruchsvolle Nachmittagsangebote, 48 Pädagogen, Therapeuten und Betreuer für 86 Kinder - so will die Talenta wieder Freude am Lernen vermitteln. Eine derart intensive Betreuung kostet viel Geld. Zu viel, meint die Landesregierung Nordrhein-Westfalen. Und verlieh der Schule nur den Status eines regulären Gymnasiums. Die Talenta hätte auch als Förderschule deklariert werden können, so wie es Förderschulen für Lernbehinderte gibt - mit allen notwendigen Ressourcen wie intensiver Betreuung und psychologischer Begleitung.

Ungewisse Zukunft am Normalgymnasium

Hat sich die Schule schlicht verkalkuliert? Zunächst subventionierte die Dr. Kirchner Unternehmensgruppe, die unter anderem auch ein Altenheim, ein Hotel und eine Kurklinik in Eringerfeld betreibt, die Schule in der Hoffnung, dass sie im Laufe der Jahre als Förderschule anerkannt und damit künftig kräftiger vom Staat unterstützt würde.

Es blieb indes bei einem staatlichen Zuschuss, der sich an den Zahlungen normaler privater Schulen orientierte. Das reicht nicht für Klassen von nur acht Schülern, für Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag und individuelle Förderung. "Mit 22 Schülern pro Klasse hätte sich das vielleicht refinanziert", sagt Norbert Vogt, Assistent der Talenta-Geschäftsleitung. "Doch Underachiever brauchen intensivere Betreuung."

Im normalen Schulsystem wird Julian Zameit wahrscheinlich untergehen. "Wir müssen ihn jetzt auf eine Regelschule schicken", sagt seine Mutter Nicole Zameit. Der Direktor des Gymnasiums in Büren, das Julian ab Herbst besuchen soll, habe sie jedoch gewarnt, dass ihr Sohn es wahrscheinlich nur ein bis zwei Jahre in Klassen von bis zu 30 Kindern aushalte. Das Gymnasium hat keine Erfahrung mit Hochbegabten, nur wenige Lehrer bieten hobbymäßig Zusatzfächer am Nachmittag an. "Eigentlich wäre es besser, eine neue Hochbegabtenschule zu suchen", sagt Nicole Zameit. Doch erneut umzuziehen, das kann sich die Familie nicht leisten.

Lehrer durch kleine Genies überfordert

Hochbegabung ist ein schwieriges Phänomen für Eltern und Lehrer. Manche Kinder kommen als Hochbegabte auf die Welt; wenn sie aber nicht besonders behandelt werden, kann sich ihre Begabung nicht entfalten.

Lehrer an einer normalen Schule können mit den Underachievern oftmals nicht umgehen. "Du bist doch so schlau, warum schreibst du dann keine Einsen?", bekommen die Kinder zu hören. Die Talenta-Schule nimmt sich Zeit für Kinder mit dem IQ eines promovierten Akademikers. "Sie sind nicht einfach nur schlau", sagt Norbert Vogt. Diese Kinder bräuchten eine besondere Schule und viel Zeit, auch wenn sie zu den zwei Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten Intelligenzquotienten gehörten.

Das NRW-Bildungsministerium verteidigt das Vorgehen des Landes. "Die Schule war zu speziell. Sie hätte sich auch für normale Schüler oder andere Hochbegabte öffnen sollen", sagt Ralph Fleischhauer, Sprecher des Ministeriums. Als Kundenstamm kämen in NRW statistisch etwa 60.000 hochbegabte Schülern in Frage.

Von Mitschülern gehänselt

In Nordrhein-Westfalen vertritt man den sogenannten integrativen Förderansatz. Kleine Schlauberger werden an Regelschulen in normalen Klassen unterrichtet, bekommen aber spezielle Förderung in Extrakursen und Arbeitsgemeinschaften mit zusätzlichem Lernstoff (im Fachjargon Enrichment) oder können Klassen überspringen (Akzeleration).

Das Problem: Wenn die jungen Sonderlinge Klassen überspringen, sind sie oft viel kleiner als ihre Mitschüler, fühlen sich nicht ernst genommen oder werden gehänselt. "Dass mein Sohn eine Klasse überspringen soll, bereitet mir Bauchsschmerzen", schreibt die Mutter eines Hochbegabten Kindes im Forum Lehrer-Online. Wegen seiner Körpergröße von 1,16 Metern sei der Junge nie akzeptiert worden.

In Bayern und Baden-Württemberg hat man aus diesem Grund Turboklassen eingerichtet, in denen besonders leistungsfähige Schüler zusammengefasst und schneller zum Abitur gebracht werden. Einzelne Schulen gestatten es ihren Einserschülern außerdem, sich schon in der Oberstufe an der Uni einzuschreiben.

Klassische Förderung greift nicht

Eine Aufnahme von anderen hochbegabten Kindern ohne besondere schulische Probleme an der Talenta aber hätte das pädagogische Konzept gesprengt, denn die klassische Begabtenförderung greift bei Underachievern nicht. "Sind die Problemschüler so weit, dass sie Leistung verweigern, brauchen sie eine sehr personalintensive Betreuung, um ihnen wieder Spaß am Lernen zu vermitteln", so Helmut Blomenkemper von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK).

Es fehle vor allem eine Lobby, die sich dafür einsetze, das Potential von hochbegabten Problemkindern auszuschöpfen, sagt Blomenkemper. Das nämlich koste mehr Zeit und Geld als bei leistungswilligen Hochbegabten. Und es sei schwer, die Notwendigkeit einer gymnasialen Ausbildung den Geldgebern begreiflich zu machen.

So werden die meisten Underachiever auf Regel- oder Sonderschulen bis zum Realschulabschluss durchgeboxt und dann von der Schule genommen. IQ hin oder her.

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