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Ziel Arbeit für alle

3. Teil

Da überlegen es sich Arbeitgeber wie der Knopffabrikant Klaus Günther aus Lengerich zweimal, bevor sie jemanden einstellen. Kürzlich wollte er einer ehemaligen Beschäftigten, die seit 1991 immer mal wieder für ihn gearbeitet hat, eine feste Halbtagsstelle anbieten. Dann warnte ihn ein Jurist: Falls Günther irgendwann der Frau kündigen müsse, habe er mit einer saftigen Abfindung zu rechnen, weil bei der Bemessung trotz der Unterbrechungen die gesamte Zeit seit 1991 zugrunde gelegt werden könnte.

Bei einem halben Monatsgehalt pro Jahr wären das heute sieben Gehälter. "Da wird man vorsichtig", sagt Günther.

So hemmt ein Arbeitsrecht, das die Lebensjahre höher bewertet als Leistung, den Aufbau von Arbeitsplätzen. "Das deutsche Kündigungsrecht", beschwert sich Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, "ist zu einem Abfindungshandel degeneriert."

Franz schwebt ein Alternativmodell vor: Arbeitnehmern und Arbeitgebern sollte es erlaubt sein, vom gesetzlichen Kündigungsschutz abzuweichen und eigene Regeln auszuhandeln. "Das können kürzere oder längere Kündigungsfristen sein, mit oder ohne Abfindungen, auch in Kombination mit einem Lohnzuschlag oder Lohnabschlag."

Noch einen Schritt weiter geht Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts. Der Ökonom schlägt vor, den Kündigungsschutz sowie das Arbeitslosengeld vollständig abzuschaffen. Im Gegenzug müsste der Arbeitgeber eine ordentliche Abfindung zahlen, zum Beispiel ein Monatsgehalt pro Beschäftigungsjahr.

Der Charme von Straubhaars Modell: Die Sozialbeiträge sänken erheblich, von 42 Prozent auf gut 35 Prozent. Gleichzeitig könnte sich der Beschäftigte im Fall der Arbeitslosigkeit zuweilen sogar besser stellen, weil die Abfindung höher ausfiele als die staatliche Transferleistung.

Gut möglich, dass auf diese Weise auch Älteren der Einstieg in den Arbeitsmarkt wieder eher gelänge. Zwar hat die Bundesregierung schon mit dem ersten Hartz-Gesetz 2002 den Kündigungsschutz hier gelockert. Sie setzte die Altersgrenze, ab der Arbeitnehmer unbegrenzt häufig auch befristet beschäftigt werden können, von 58 auf 52 Jahre herab. Allerdings liegt die Neuregelung derzeit dem Europäischen Gerichtshof zur Prüfung vor. Der Vorwurf der Kläger: Das Gesetz diskriminiere Ältere.

Im Falle unbefristet beschäftigter älterer Mitarbeiter greift bei einer betriebsbedingten Kündigung ohnehin oft die Sozialauswahl - und offenbart ihre ganze Widersprüchlichkeit. Dann nämlich ist der Ältere - weil er mitunter länger im Betrieb ist oder Kinder zu versorgen hat - zwar oft der Letzte, der entlassen werden kann, aber genau deshalb auch der Letzte, dem überhaupt ein Job angeboten wird.

Abgesehen davon erhöht es nicht gerade die Beschäftigungschancen, wenn die Mitarbeiter mit steigendem Alter beinahe automatisch immer mehr verdienen. Ein Angestellter im Alter zwischen 25 und 29 Jahren bekommt monatlich laut Institut der deutschen Wirtschaft im Schnitt 2774 Euro brutto. Ist er älter als 50, erhält er gut 50 Prozent mehr: 4283 Euro. Auch hier bestimmt also weniger die Leistung den Verdienst, sondern das Alter. Dabei wären finanzielle Zuwächse in reiferen Jahren nicht mehr unbedingt nötig: Von Mitte fünfzig an lässt der Konsum nach, das Haus ist gebaut, die eigenen Kinder sind meist aus dem Gröbsten raus.

So wird das Senioritätsprinzip der Entlohnung zum Jobkiller. Dass selbst Ingenieure, Physiker oder Chemiker, eigentlich begehrte Kräfte, mit 55 kaum noch Chancen auf eine Stelle haben, liegt also nicht nur am Jugendwahn der Arbeitgeber. Manchmal fehlt ganz einfach auch der Wille der Arbeitnehmer - oder ihrer Vertreter -, finanzielle Abstriche in Kauf zu nehmen.

Jene Ältere aber, die noch berufstätig sind, verabschieden sich oft vorzeitig in den Ruhestand. Zwar wird der Ausstieg nicht mehr so leicht gemacht wie noch in den neunziger Jahren. Wer heute schon mit 60 Rente beantragt, muss immerhin einen Abschlag von 18 Prozent verschmerzen. Doch noch immer subventioniert der Staat das frühzeitige Karriereende.

Rund 75 000 Altersteilzeitkräfte fördert die Bundesagentur derzeit. Stellt der Arbeitgeber für sie einen Arbeitslosen ein, erhält er einen Zuschuss von der Bundesagentur: Rund eine Milliarde Euro dürften die Nürnberger im laufenden Jahr dafür aufwenden.

Gedacht war die Altersteilzeit ab 55 als gleitender Übergang in den Ruhestand, tatsächlich aber entscheiden sich die meisten für das Blockmodell: erst die Hälfte in Vollzeit arbeiten, danach ganz raus aus dem Betrieb. Mit der ursprünglichen Idee eines Erfahrungsaustauschs von Alt zu Jung hat das nichts mehr zu tun.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel des schwäbischen Ventil- und Steuertechnikherstellers Bürkert. Mehr als ein Viertel der Arbeitnehmer in Ingelfingen sind älter als 50 Jahre. Ganz bewusst bildet Geschäftsführer Heribert Rohrbeck gemischte Teams, Ältere sollen ihr Wissen an Jüngere weitergeben.

Das Unternehmen habe seine Entwicklungskosten um 30 Prozent senken können, "weil wir auch Ältere beschäftigen, die mehr Wissen und Erfahrung haben", erklärt Rohrbeck. Und: "Wir werden später nicht an einem Fachkräftemangel leiden, weil wir Ältere im Arbeitsleben halten."

Der Manager verfolgt damit eine weitsichtige Strategie. Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte in Deutschland wird in 45 Jahren voraussichtlich von 42 auf 30 Millionen geschrumpft sein. In wichtigen Zukunftsbranchen fehlt schon heute gutausgebildeter Nachwuchs.

Der Kräftemangel demonstriert die ganze Paradoxie der deutschen Jobkrise: Trotz Massenarbeitslosigkeit bleiben Zigtausende Stellen unbesetzt - ausgerechnet in jenen Branchen, die den Wohlstand der nächsten Jahre begründen könnten. Die Knappheit des Personals wird zur Wachstumsbremse.

Jedes fünfte Unternehmen in der IT- und Elektronikbranche kann seine Lücken nicht schließen. Vor allem Ingenieure und Naturwissenschaftler werden dringend gesucht. Seit Jahren entscheiden sich viel zu wenig Schulabsolventen für diese Studiengänge.

Die Zahl der Erstsemester in der Informatik ist zum Beispiel von 38.000 im Jahr 2000 auf 28.600 im vergangenen Jahr gesunken. "Dieser Rückgang gefährdet die Innovationskraft unseres Landes", warnt Jörg Menno Harms, Vizepräsident des Branchenverbandes Bitkom.

Allein der Chiphersteller AMD könnte derzeit mehr als 300 Ingenieure einstellen. "Die Suche wird immer schwieriger", sagt Karin Raths, Sprecherin des Dresdner Unternehmens. Dabei fände AMD als Arbeitgeber mit Weltruf am ehesten noch gute Leute. "Aber für die vielen kleinen Unternehmen sieht es finster aus."

Der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs ist umso folgenreicher, weil an jeder Stelle für eine Spitzenkraft weitere Arbeitsplätze hängen. Finden die Betriebe keine Ingenieure, die neue Maschinen und Technologien entwickeln, stellen sie auch weniger Mitarbeiter ein, die Produkte bauen und warten, transportieren und vermarkten.

Bildung wird damit zum wichtigsten Produktionsfaktor und zum Beschäftigungsmotor an sich. Wachstums-Stars wie China und Indien, aber auch Südkorea und Spanien verdanken ihren Erfolg nach einer neuen Studie der Deutschen Bank Research vor allem dem Umstand, dass sie in die Köpfe investieren.

Fast 40 Prozent der Spanier zwischen 25 und 34 besitzen heute eine Hochschulausbildung. Unter den 45- bis 54-Jährigen liegt der Anteil nur bei 17 Prozent. In zehn Jahren wuchs dort die Beschäftigung um 40 Prozent, die Arbeitslosigkeit hat sich halbiert.

Andere Länder erhöhten ihr Bildungsniveau kontinuierlich, Deutschland dagegen habe "sein Humankapital vernachlässigt" und werde auch in Zukunft Schwierigkeiten haben, kritisieren die Ökonomen: "Die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte lasten zu schwer."

Davon können Personalchefs ein Lied singen. Sie machen die bittere Erfahrung, dass die Schulabsolventen immer schlechter vorbereitet auf den Arbeitsmarkt kommen. In einer Befragung von 8000 Firmen klagte die Hälfte darüber, dass sie ihre Auszubildenden nachqualifizieren müssten. Teilweise beherrschten die Bewerber nicht einmal elementare kulturelle Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben.

Fast neun Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss, das sind 85 000 jedes Jahrgangs. Sie hangeln sich von einem Hilfsjob zum nächsten. "Wer bis 25 nicht einigermaßen die Kurve gekriegt hat, wird auf ewig eine Maßnahmekarriere machen", sagt Daniel John, Jugendausbilder bei Aqua, einer Hamburger Fortbildungseinrichtung: "Ein regulärer Job wird nie rauskommen."

Kürzlich präsentierte John auf einer Jobmesse Jugendlichen seine Angebote. Was er dort erlebte, raubte ihm alle Illusionen: Einige kamen im Trainingsanzug an, andere legten wortlos das Schreiben der Arbeitsagentur auf den Tisch, das sie zum Besuch der Jobbörse aufforderte. Einen 23-jährigen Hauptschulabsolventen ohne Berufsausbildung interessierte nur, was bei einer Ausbildung finanziell herausspringe. "Eigentlich müsste man denen einen Kurs in Lebenskunde verpassen", seufzt John.

Kein Wunder, dass die Betriebe vorsichtig geworden sind, Nachwuchs einzustellen. Schließlich bedeutet die Ausbildung einigen Aufwand. Die Unternehmen sind ohnehin schon gestresst genug von bürokratischen Auflagen.

"Wo immer ich hinkomme", sagte Bundespräsident Horst Köhler vor einem Arbeitgeberforum im Frühjahr in Berlin, "berichten mir Unternehmer, dass die Bürokratie ungezählte Arbeitsplätze kostet."

Rund 46 Milliarden Euro geben sie Jahr für Jahr für administrative Arbeiten aus. Es fängt beim Aushängen der Unfallvorschriften an und hört beim Ausstellen von Verdienstbescheinigungen noch lange nicht auf. Würde die Besenkammer des deutschen Rechts mal richtig aufgeräumt, so schätzt der Linzer Ökonom Friedrich Schneider, könnten bis zu eine Million Arbeitsplätze entstehen.

Je überschaubarer die Firma ist, desto aufwendiger wird der Papierkram: Rund 64 Stunden pro Mitarbeiter verschwendet ein Kleinbetrieb jährlich damit, bürokratischen Auflagen Folge zu leisten. In großen Konzernen sind es knapp sechs Stunden.

Ausgerechnet dem Mittelstand, dem Jobmotor der Nation, macht die Bürokratie das Leben schwer. In zwei Jahrzehnten wurden dort rund drei Millionen Arbeitsplätze geschaffen, während die Konzerne fast eine Million Stellen gestrichen haben.

Allein auf Bundesebene sind in der vergangenen Legislaturperiode laut Bund der Steuerzahler 2197 Gesetze mit 46.779 Einzelvorschriften sowie 3131 Rechtsverordnungen mit 39.197 Einzelvorschriften in Kraft getreten. Das Problem ist nicht nur die Vielzahl an Vorschriften, es sind die ständigen Änderungen in den Regelwerken, die sogar Steuerberater verzweifeln lassen.

Unternehmer müssten heute "in erster Linie gute Hobbyjuristen sein", spottet Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. "Anders finden sie sich im stetig weiterwuchernden Dschungel der Vorschriften gar nicht mehr zurecht."

Besonders undurchsichtig ist das Steuerrecht. Manche Vorschriften sind so kompliziert, dass sie nur noch der Computer beherrscht, etwa die Berechnung der Vorsorgepauschale: Sie beträgt 20 Prozent vom Arbeitslohn, höchstens jedoch 3068 Euro abzüglich 16 Prozent des Arbeitslohns, zuzüglich 1334 Euro, soweit der Teilbetrag von 3068 Euro überschritten wird, zuzüglich höchstens die Hälfte bis zu 667 Euro, soweit die Teilbeträge von 3068 Euro und 1334 Euro überschritten werden. Alles klar?

Schon die Gründung eines Unternehmens bedeutet oft wochenlange Rennerei zu Ämtern, Kammern und Notaren. 45 Tage dauert es hierzulande im Schnitt, bis ein Jungunternehmer sein Geschäft eröffnen kann. Damit bewegt sich Deutschland auf dem Niveau von Schwellenländern wie Nigeria oder Albanien, wie aus der Studie "Doing Business 2005" der Weltbank hervorgeht - mit schwerwiegenden Folgen für den Arbeitsmarkt.

"Die deutschen Unternehmer stellen aufgrund behindernder Regulierung weniger Arbeitskräfte ein", stellen die Weltbanker lapidar fest.

Gegen die fortschreitende Ausbreitung des Paragrafen-Dickichts könnte eine Art Bürokratie-TÜV helfen: unabhängige Fachleute, die jeden Gesetzentwurf auf seine Folgen für die Beschäftigung prüfen. Ebenfalls denkbar wäre es, dass Gesetze gleichsam ein Verfallsdatum verpasst bekämen, damit veraltete Regelungen automatisch abgeschafft würden.

Dringend nötig wäre allerdings auch, die Einmischung der Verbände auf die Gesetzgebung einzudämmen. Deren Einfluss sei "eine der Hauptursachen für komplizierte und unverständliche Gesetze", zitierte Bundespräsident Köhler in seiner Berliner Rede "Kenner der Verfahren".

Damals hat der Volkswirt fünf Punkte hervorgehoben, die entscheidend seien, um Deutschland wettbewerbsfähiger zu machen. Dazu gehören für den Bundespräsidenten "niedrigere Arbeitskosten, ein flexibler Arbeitsmarkt, ein vernünftiges Steuersystem und deutlich weniger Bürokratie". Vor allem aber mehr Innovationen: "Nur mit ständig erneuertem Wissen, das wir schnell in Entwicklung und Produktion umsetzen, werden wir uns in der Welt der Globalisierung behaupten", so Köhler.

Es sind die Anforderungen an eine moderne Arbeitswelt, die Köhler beschrieben hat. Sie verlangt von Arbeitnehmern ein Höchstmaß an Flexibilität und Risikobereitschaft, aber garantiert ihnen nur ein Mindestmaß an Routine und Sicherheit.

Die einen empfinden den Wandel als Stress. Die anderen betrachten ihn als Chance.

Der hannoversche Software-Spezialist Theis versucht sich jedenfalls, so gut es geht, zu arrangieren mit diesen neuen Herausforderungen. Dem Noch-IBM-Angestellten ist zum Beispiel wohl bewusst, dass er ein Gehaltsniveau erreicht hat, das ihn nicht gerade zum Schnäppchen macht.

Personalberatern hat Theis in seinen Gesprächen deshalb bereits signalisiert, dass er in diesem Punkt durchaus beweglich ist: "Mit finanziellen Abstrichen muss ich wohl rechnen."


Aus: Der SPIEGEL 30/2005

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