Von Maximilian Popp
Sex bei offener Tür - und der Dackel hat in die Wohnung gepinkelt. Die Anekdote sitzt, Johannes schaut dem Rauch seiner Filterlosen nach. Die Studentin auf dem Sofa neben ihm starrt ihn mit offenem Mund an: "Und dein Mitbewohner hat den Hund einfach machen lassen?" - "Deswegen bin ich ausgezogen." Johannes lacht.
Aus den Boxen tönt leiser Soul. In der Ecke stehen zwei junge Männer und trinken Flaschenbier. "Es ist halb neun, später ist hier mehr los", verspricht Dirk Savelsberg. Der 22-Jährige schmeißt gemeinsam mit seinem Freund Gabriel Mendoza die zweite Hamburger WG-Gesucht-Party: "Wir bringen Wohnungssuchende zusammen, damit sie bei einer Flasche Bier Mitbewohner und ein neues Zimmer finden."
Was in Hamburg noch Neuwert hat, ist im wohnraumknappen München fast schon etabliert: Für ähnliche Partys kamen dort in einem Nachtclub jeweils über 200 Gäste zusammen. Auch in Berlin sollen bald regelmäßig WG-Gesucht-Partys stattfinden.
Möbelpolitur und Marihuana
Für die Party haben die beiden Studenten, die selbst schon reichlich WG-Erfahrung gesammelt haben, eine Bar in St. Pauli gemietet. Kronleuchter aus Plastik werfen rotes Licht in den Raum; es riecht nach Möbelpolitur und Marihuana. Auf den cremefarbenen Sofas sitzen die Partygäste, sie mustern sich gegenseitig und tippen mit ihren Handys gegen die Stille an. Jeder von ihnen hat einen Zettel an der Brust kleben mit "suche" oder "biete" - die Suchenden sind augenscheinlich in der Überzahl.
Johannes zündet sich eine Zigarette an. Der 27-Jährige hat Kunst in Leipzig studiert, sucht in Hamburg eine Wohnung und einen Job. Er unterhält sich mit einem Grafiker; bulliger Kerl, apfelbäckig, Anfang 30. "Im Schanzenviertel wohnen die Pseudo-Coolen", sagt der Grafiker. "Die Coolen gehen dort nicht mehr hin. Die Coolen gehen nach Altona." Der Grafiker wohnt in Altona, hat ein Zimmer frei - aber nur für Frauen. Johannes hebt die Brauen und versucht freundlich zu gucken.
An der Wand neben ihm hängt ein Stadtplan von Hamburg, Dirk nennt ihn die "Wall of Fame". Jedes freie Zimmer ist mit einem Fähnchen vermerkt. Die Steckbriefe, die daneben kleben, verraten, wer das Zimmer vermietet und was es kostet. Nur drei Zettel schmücken derzeit die "Wall of Fame" - und 40 Gäste suchen eine Wohnung.
"Selbsthilfegruppe für Wohnungssuchende"
Der Veranstalter kennt das Problem, weiß aber keine Lösung: "Ich habe Wohnungsanbieter angerufen und sie eingeladen. Ich habe ihnen gesagt: vier Euro Eintritt sind billiger als jeder Makler - sie kommen trotzdem nicht."
Johannes geht an die Bar, Schnaps bestellen. Zwei junge Frauen sprechen ihn an. Sie tragen keine Zettel auf der Brust. Sie sind von der "Bild"-Zeitung. Wie Johannes die Party findet, wollen sie wissen. "Enttäuschend, ich fühle mich wie in einer Selbsthilfegruppe für Wohnungssuchende", sagt er. Die Reporterinnen schreiben hastig mit. "Die Leute trösten sich, weil sie keine Wohnung finden - ich hätte mehr erwartet."
Veranstalter Dirk bittet um Nachsicht. In Paris fänden WG-Gesucht-Partys seit drei Jahren statt, mit großem Erfolg. In Hamburg müssten sie sich erst noch etablieren. Zehntausend Werbe-Flyer hat Dirk drucken lassen. Er sagt, er sei überzeugt von seiner Idee: "Bei den hohen Mietpreisen ist es doch nur vernünftig, dass sich Wohnungssuchende zusammentun."
Inzwischen ist es zwei Uhr morgens. Die Erdnussschalen an der Bar sind leer, die Aschenbecher voll. Die Musik dröhnt laut und schnell.
Über WG-Erfahrungen plaudern oder ein Zimmer finden will jetzt keiner mehr. Die Sofas sind zur Seite geräumt. Einige Gäste tanzen. Auf der Herrentoilette knutscht ein Pärchen. Johannes wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er steht mit zwei Studenten aus Bremen am Tischfußball. "Die ziehen im Dezember nach Hamburg. Vielleicht gehen wir gemeinsam auf Wohnungssuche."
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