SPIEGEL ONLINE: Frau Ovali, als Elternlotsin an der Hedwig-Dohm-Realschule im Berliner Stadtteil Moabit sollen Sie den Kontakt zwischen Lehrern und türkischen Familien verbessern. Warum erscheinen so viele Mütter und Väter nicht bei Elternabenden?
Derya Ovali: Die Sprachbarriere ist das größte Problem. Ich habe festgestellt, dass viele Eltern ganz einfach Angst haben sich zu blamieren. Insbesondere, wenn sie vor einem Lehrer stehen. Es klingt angesichts der Berichte hier aus Deutschland vielleicht überraschend, aber in der Türkei ist ein Lehrer eine absolute Respektsperson, jemand, vor dem man nicht ungebildet erscheinen will.
SPIEGEL ONLINE: Fast 75 Prozent der Schüler an der Realschule sind nichtdeutscher Herkunft. Hilft es, wenn Sie Einladungen und Informationsbriefe auch in der Muttersprache verschicken?
Ovali: Als ich die Eltern einer 7. Klasse zum ersten Mal mit einem türkischen Brief in die Schule eingeladen habe, sind 13 von 20 Elternteilen gekommen. Die Muttersprache kann eine Brücke schlagen. Aber es gibt auch kulturelle Hürden, an denen die Kommunikation zwischen Lehrern und Familien leicht scheitert. Für Türken kommt es vor allem auf den persönlichen Kontakt an. Auf Briefe reagieren die Familien manchmal nicht. Aber wenn ich anrufe und persönlich zu einem Gespräch bitte, dann kommen die Eltern auch.
SPIEGEL ONLINE: Ihre eigene Familie ist aus der Türkei eingewandert, Sie kennen die Sitten und Gebräuche. Gehen Sie anders auf Migranten zu als deutsche Lehrer?
Ovali: In der Türkei kommt man bei einem Gespräch nicht sofort zur Sache. Es werden zunächst ein paar Höflichkeiten ausgetauscht. Man fragt den anderen, wie es ihm geht, was die Familie macht. Eine deutsche Kollegin war völlig verstört, als sie die Eltern eines aufsässigen Schülers besuchte und dann erst einmal Tee und Gebäck serviert bekam. Auch das ist in türkischen Familien so üblich, und wenn ein Lehrer beim Elternabend einfach mal Kekse herumreichen würde, dann wäre das Eis schnell gebrochen. Aber welcher deutsche Lehrer weiß das schon?
SPIEGEL ONLINE: Ein Leitfaden für den Umgang mit Migranten - wäre das der richtige Weg, um den Kontakt zwischen Lehrern und Einwanderern zu verbessern?
Ovali: Für Lehrer sollte interkulturelle Bildung schon im Studium auf dem Stundenplan stehen. Ist es ein Fehler, hundert Wörter Türkisch zu sprechen, wenn man an einer Schule arbeitet, die zu 75 Prozent von arabischen und türkischen Kindern besucht wird? Wir sollten positiv mit der Mehrsprachigkeit von Migranten umgehen und viel mehr bilinguale Schulen einrichten. Diese ewige Vorwurfshaltung nach dem Motto: Ihr seid doch in unser Land gekommen, passt euch gefälligst an - die bringt uns in Sachen Integration nicht weiter.
SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren die Lehrer, aber welche Integrationsleistungen erwarten Sie von Migranten?
Ovali: Natürlich müssen die Kinder Deutsch lernen. Bisher haben alle Eltern sehr positiv reagiert, denen ich gesagt habe, sie sollen ihre Kinder zum Förderunterricht in die Schule schicken. Die Hedwig-Dohm-Schule bietet solche Kurse kostenlos an. Ich sage den Eltern auch, dass es wichtig ist, regelmäßig in die Schule zu kommen. Das hat bisher gut geklappt. Viele trauen sich nach einer Weile auch ohne mich, mit den Lehrern zu sprechen. Für die, die kaum Deutsch können, übersetze ich.
SPIEGEL ONLINE: Sie besuchen die Familien regelmäßig oder rufen an. Welche Fragen beschäftigen türkische Eltern?
Ovali: Am häufigsten werde ich auf Probleme mit Drogen und Gewalt an der Schule angesprochen. Türkische Eltern haben dieselben Sorgen wie deutsche Mütter und Väter. Viele sind sehr unglücklich darüber, dass ihr Kind nur einen Hauptschulabschluss schafft.
SPIEGEL ONLINE: Wenn sich Eltern engagieren und zum Beispiel einen Nachhilfelehrer organisieren, dann verbessern sich die meisten Kinder in der Schule.
Ovali: Hier muss ich immer wieder Aufklärungsarbeit leisten, den Familien sagen, wo sie Unterstützung finden. Viele Migranten blicken im deutschen Schulsystem gar nicht richtig durch. Wenn ihr Kind nach der 6. Klasse eine Hauptschulempfehlung erhält, dann richten sie sich danach. Neulich habe ich einer Mutter erklärt, dass ihr Sohn auch auf eine Gesamtschule wechseln könnte. Von dieser Schulform hatte sie noch nie gehört.
Das Interview führte Antonia Götsch
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