SPIEGEL ONLINE: Der bayerische Landtag hat beschlossen, dass Schüler ihre Handys im Unterricht wie in den Pausen ausgeschaltet lassen müssen. Kannst du dir ein Leben ohne Handy vorstellen?
Elena Stingl: Als Landesschülersprecherin muss ich viel koordinieren und mit anderen Schülern zusammenarbeiten, das geht ohne Handy nicht. Ich telefoniere jeden Tag eine halbe bis dreiviertel Stunde, dazu kommen noch mal 20 SMS am Tag. Dabei bin ich noch eine Ausnahme, denn das meiste hat mit meinem Amt als Schülersprecherin zu tun. Die meisten tippen die ganze Zeit private SMS oder verschicken Bilder. Fotos machen können mittlerweile fast alle, etwa jeder dritte kann auch Videos anschauen. Die wichtigste Funktion aber bleiben SMS.
SPIEGEL ONLINE: Kennst du jemanden, der kein Handy besitzt?
Stingl: Bestimmt fünf Leute. Das empfindet man erst mal als merkwürdig. Es ist ja Standard, dass man untereinander Handynummern austauscht – wenn dann jemand nur mit einer Festnetznummer aufwarten kann, reagieren die Leute irritiert. Schließlich finden es viele Jugendliche unangenehm, die Eltern oder ältere Geschwister an der Strippe zu haben. Wenn wir unser Handy zu Hause vergessen, fühlen wir uns nackt und von der Welt abgeschnitten. Das hat bei mir mit 14 Jahren angefangen, mittlerweile hantieren schon 11-Jährige mit Telefonen. Handys sind wichtig, um sich mitzuteilen und Anteil aneinander zu nehmen.
SPIEGEL ONLINE: Handys können aber auch ganz schön unsozial sein, wie einige Fälle von Gewalt- und Pornovideos gezeigt haben. Im Allgäu wurden vor einigen Monaten 200 Handys mit verbotenen Videos beschlagnahmt. Kennst du auch solche Fälle?
Stingl: Ich habe den Eindruck, dass Gewaltvideos eher an Hauptschulen verbreitet sind. Bei uns am Gymnasium ist mir so etwas noch nicht zu Ohren gekommen. Ich habe den Direktor der Schule im Allgäu kennen gelernt, er hat mir ganz andere Geschichten erzählt, als sie bei uns üblich sind. Und was die Leute privat machen, kann noch mal ganz anders aussehen.
SPIEGEL ONLINE: Könnte ein generelles Handyverbot in Schulen gegen Gewaltvideos etwas ausrichten?
Stingl: Nein, die Schulen ziehen sich damit aus der pädagogischen Verantwortung. Das Problem verlagert sich einfach in den Nachmittag. Außerdem werden Jugendliche die Schule noch weniger als Lebensraum begreifen, sondern weiterhin nur als Lernanstalt, die man möglichst schnell wieder verlassen will. Das Verbot bekämpft bloß die Symptome des eigentlichen Problems.
SPIEGEL ONLINE: Und das wäre?
Stingl: Der Stellenwert von Gewalt in unserem Leben. Viele Jugendliche können mit Konflikten nicht umgehen und suchen sich andere Wege, um Aggressionen herauszulassen. Einige prügeln sich, andere spielen gewalttätige Computerspiele, die dritten besorgen sich Gewaltvideos und tauschen sie untereinander. Ein Handyverbot bringt da gar nichts. Viel sinnvoller wäre es, Hilfe anzubieten, wenn Konflikte im Raum stehen. Jede Schule bräuchte zum Beispiel einen Schulpsychologen.
SPIEGEL ONLINE: Glaubst du, Lehrer können in Zukunft kontrollieren, ob jemand sein Handy in der Schule angeschaltet hat?
Stingl: Wie sollte man das überprüfen? Bisher galt schon auf vielen Schulhöfen Telefonier-Verbot. Wenn ich mal in der Pause jemanden anrufe, stürzt sofort ein Lehrer auf mich zu. Wer im Unterricht SMS schreibt, muss sein Telefon abgeben. Störer gibt es trotzdem immer - durchsuchen können uns die Lehrer schließlich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Wirst du dich denn an ein Verbot halten?
Stingl: Ja, denn der Ansatz ist richtig – ich sehe keinen Grund, warum Jugendliche während der Schulzeit telefonieren sollten. Doch Ausnahmen sollte es geben dürfen. Ich würde es gar nicht verstehen, wenn wir nicht einmal unsere Handys mitbringen dürften. Meine Klassenkameraden finden es ja auch problematisch, wenn Schüler andere Schüler in prekären Situationen filmen. Aber deswegen das Gerät verbieten? Das sieht niemand ein. Darauf würden viele Schüler trotzig reagieren und ihr Handy weiter mit zur Schule nehmen nach dem Motto: Jetzt erst recht.
Das Interview führte Carola Padtberg
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