• Drucken
  • Senden
  • Feedback
15.09.2006
 

Rechter Aussteiger

"Ich war ein Neonazi"

In Berlin und Brandenburg war er einer der führenden Neonazis und ist zweimal vorbestraft. Er hat Demos organisiert, eine rechte Webseite gegründet und Jugendliche in die braune Szene gelockt – 16 Jahre lang. Dann entschied sich Gabriel Landgraf, 29, für den Ausstieg.

Wie sieht ein ehemaliger Nazi aus? Gabriel Landgraf wirkt stark und kräftig, trägt eine braune Cordkappe auf dem Kopf, ein kariertes Hemd und Turnschuhe. Er ist gelernter Metallbauer und hat als Personenschützer gearbeitet, bis er wegen seiner Vorstrafen entlassen wurde. Doch wenn Blicke ihn streifen, schaut er schüchtern zu Boden. Er hat lange gebraucht, um seinen Weg zu finden.

Gabriel Landgraf: "ich fand die Gewalt und Provokation faszinierend"
Zur Großansicht
Christian Fuchs

Gabriel Landgraf: "ich fand die Gewalt und Provokation faszinierend"

"Vor einem Jahr war plötzlich gar nichts mehr klar. Alle Widersprüche und Zweifel prasselten auf mich ein. Damals begleitete ich einen wegen Körperverletzung angeklagten 'Kameraden' zum Potsdamer Landgericht. 50 Neonazis hatte ich für die Zuschauerränge des Gerichtsaals eingeladen. Wir wollten richtig Stimmung machen.

Doch auf der anderen Seite des Gerichtssaals saß Rieke, die Sozialarbeiterin – sie betreute das Opfer. Sie fragte mich in einer Verhandlungspause ganz offen, wie ich hinter solch einer Ideologie stehen kann. Widersprüche und Zweifel über die rechte Ideologie hatte ich schon längere Zeit, doch vor Rieke hatte mich niemand vorher darauf angesprochen.

Dann traf ich immer mehr Menschen außerhalb der Szene, die mir gezeigt haben, dass es auch eine menschliche Seite des Lebens gibt. Dass auch Gefühle, nicht nur Kameradschaft zählen. Da wurde mir klar, dass ich aussteigen muss.

Rechte Propaganda als Jugendarbeit getarnt

Meine Geschichte begann vor 16 Jahren im Stadion, im Fanblock von Hertha BSC. Rechte Parteien machten nach der Wiedervereinigung Propaganda im Stadion, Fans riefen beim Fußball ganz offen 'Sieg heil!'. Ich fand die Gewalt, die Provokation und das Anderssein der Hooligans faszinierend. Damals war ich der klassische Mitläufer mit Bomberjacke, Lonsdale-Shirt und 'Deutschland den Deutschen'-Plakette an der Jacke. Ich wollte auf meiner Waldorfschule auffallen und einfach anders sein, auch auf der Realschule lebte ich mein Nazidasein aus. Samstags ging ich zum Fußball, dort waren Äußerungen wie 'Jude' und 'schwule Sau' normale Schimpfworte. Dazu kam die Musik von den 'Böhsen Onkelz', 'Störkraft' und 'Endstufe'."

Gabriel redet, er kann gar nicht mehr aufhören, so viel will er erzählen, sich erklären. Auf einmal stockt er und überlegt. Er sucht ein Wort. "Immigranten" sagt er schließlich. Vor wenigen Monaten noch hätte er Ausländer gesagt.

"Über den Fußball bin ich während meiner Ausbildung immer weiter in die rechte Szene gerutscht. Ich las rechte Literatur, wollte weg vom Mitläufertum und selbst politische Arbeit leisten. Es hat sich dann ein Kreis um mich gebildet, wir haben uns regelmäßig in Kneipen getroffen, unsere Musik gehört und sind gemeinsam auf Demos gefahren. Über das Internet knüpfte ich ganz einfach bundesweit Kontakte. Auf einer meiner Silvesterfeiern waren über 100 Leute aus dem ganzen Bundesgebiet und sogar aus Österreich da.

Mit einer Gruppe von Leuten gründete ich den Verein 'Berliner Alternative Süd-Ost' (BASO) in Treptow-Köpenick. Nach außen wollten wir mit unserer Jugendarbeit ein gesellschaftsfähiges Image vermitteln, so dass man uns nicht sofort als Rechte erkennt. Das hat auch erschreckend gut funktioniert: Die Jugendlichen kamen mit ihren Problemen, und wir haben sie in allen Lebenslagen unterstützt, bei Umzügen oder Ämtergängen. Die waren nicht unbedingt rechts, sind dann aber über uns so reingerutscht. Wir sind zusammen Fußball spielen gegangen und zu Neonazidemos gefahren. Als die Politiker im Jahr 2005 unser wahres Gesicht erkannten, wurde die BASO verboten.

Die Leute sind aber trotzdem alle noch in Treptow und machen weiter. Ich würde sagen, dass dieser Berliner Stadtteil eine braune Zone ist. Nachdem ich mir in Berlin und Brandenburg einen Namen erarbeitet hatte, habe ich das 'Berliner Infoportal' gegründet – eine nach außen hin neutrale Webseite für Nachrichten aus der rechten Szene. In dieser Zeit habe ich außerdem die Berliner Sektion des Nazi-Zusammenschlusses 'Märkischer Heimatschutz' ins Leben gerufen. Wir halfen der NPD beim Wahlkampf und Demonstrationen, sie stellten uns Räume zur Verfügung.

Drohungen per SMS

Es gab noch eine zweite, verdeckte Seite der Neonazi-Szene: die Gewalt. An den Wochenenden wurde Hatz auf anders denkende oder aussehende Menschen betrieben. Besonders linke Jugendliche und Alternative standen auf dem Kieker. Ein falscher Pin auf der Jacke oder zu lange Haare reichten oft schon aus, um zusammengeschlagen zu werden. Ohne Schlagstock und Dreieckstuch gingen gewisse Leute nicht aus dem Haus.

Die Gewalt hat mich immer wieder zum Überlegen gebracht. Außerdem habe ich Texte publiziert, deren Argumentation mir immer öfter widersprüchlich erschien. Ich habe gegen staatliche Unterdrückung gekämpft, aber den Nationalsozialismus als Lösung gesehen - das ist doch totaler Blödsinn. Das habe ich lange verdrängt, doch irgendwann war der Papierkorb voll. In dem Moment kam Rieke in mein Leben.

Mit den Widersprüchen in mir bin ich dann erst mal auf Rucksackreise durch Südeuropa gegangen, um mich gefühlsmäßig zu sortieren. Als ich wiederkam, war es für mich entschieden: Ich steige aus. Danach habe ich meine Ämter niedergelegt, das Infoportal abgestellt, meine SMS-Verteiler abgeschaltet und mit all meinen bisherigen Freunden gebrochen. Das war wie ein neues Leben.

Erst danach ist mir aufgefallen, wie isoliert ich in meinem militanten Neonazi-Umfeld war. Ich habe mich absichtlich von der Gesellschaft entfremdet. Den Umgang mit anderen Menschen muss ich jetzt wieder neu lernen, ich war ja früher nur unter meinesgleichen. Ich fühle mich von Zwängen und Verklemmtheit befreit und sehe das Leben auf einmal mit ganz anderen Augen. Natürlich habe ich mir auch Feinde gemacht, im Internet und per SMS gab es nach meinem Ausstieg immer wieder versteckte Drohungen. Darum bin ich jetzt auch an einen geheimen Ort gezogen."

Protokoll: Christian Fuchs

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...






TOP



TOP