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15.09.2006
 

CD gegen Rechts

"Jan Delay fand unsere Idee sofort cool"

Dass Rechte mit kostenlosen Musik-CDs braune Propaganda streuen, ließ André Lucarelli*, 22, keine Ruhe. Darum wurde der Student zum Plattenmanager. Er brachte 50.000 CDs "Aufmucken gegen Rechts" heraus - und machte sich damit nicht nur Freunde.

Als Treffpunkt will André lieber kein Café, stattdessen sitzen wir auf dem Dach der Stadtbücherei. Auch seinen Namen und sein Gesicht will er lieber nicht veröffentlicht sehen – zu oft wurden Freunde von ihm in der Straßenbahn angegriffen oder auf offener Straße überfallen.

"2004 kündigte die NPD an, eine CD mit rechtsradikalen Liedern veröffentlichen und auf Schulhöfen verteilen zu wollen. Meine Freunde und ich dachten damals: Das ist irgendwie scheiße, lass uns doch was dagegen machen. Jeder kannte irgendwo eine Band, warum also nicht die Bands mal zusammen auf eine CD packen und brennen, damit Jugendliche unsere CD dann gegen die 'Schulhof-CD' eintauschten könnten?

Student André: Aus der Schnapsidee wurde ein Großprojekt
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Christian Fuchs

Student André: Aus der Schnapsidee wurde ein Großprojekt

Zunächst hielten wir das für eine Schnapsidee. Nach ein paar Tagen kam jemand auf die Idee, auch Prominente für die CD zu gewinnen. Darum suchten wir auf den Webseiten unserer Lieblingsbands nach Ansprechpartnern und haben als erstes Jan Delay von Absolute Beginner angefragt. Zwei Tage später hat der Manager zurückgerufen und gesagt: 'Ja, coole Idee, aber wenn Jan mitmachen soll, müssen auch gleichwertige Künstler mit drauf auf die CD.' Dann haben wir alle Bands angefragt, die uns irgendwie eingefallen sind. Nach und nach kamen immer größere Namen wie die Sterne, Seeed oder die Fantastischen Vier dazu, die Ärzte dagegen haben abgesagt.

Wir haben dann auch einen Produzenten getroffen, der meinte, dass wir mindestens 50.000 CDs machen müssten, ansonsten lohne sich das gar nicht. Auf einmal fehlten uns damit aber 70.000 Euro für die Gema und das Presswerk, die Künstler haben ja alle auf ihr Honorar verzichtet. Also mussten wir Spenden sammeln. Von fünf Euro von Privatpersonen über Spenden von ganzen Schulklassen bis zu großen Beträgen von der Linkspartei, Gewerkschaften oder Stiftungen war alles dabei. Nach und nach haben wir uns das Geld zusammengeschnorrt."

Manchmal klingt er wie ein Jungpolitiker, dann wieder wie ein junger Wilder. Passend dazu ist auch Andrés Kleidung: braune Cordjacke und blaue Jeans. Mit seinem dünnen Friseurbart und seinen schwarzen gegelten Haaren wirkt er kein bisschen wie ein Linker.

"Das waren dann teilweise schon coole Erlebnisse. Auf einmal hatten wir nicht nur mit den Künstlern zu tun, sondern mit den Rechtsabteilungen von großen Plattenfirmen wie Warner oder Sony. Dann mussten wir die CDs noch produzieren, den ganzen technischen Krimskrams machen und sie pressen lassen. Wir haben ein dreiviertel Jahr Zeit in das Projekt hineingesteckt und noch Begleitmaterial geschrieben, das über das Thema Rassismus aufklärt.

Konfrontation mit Neonazis

Der zweite Teil der Arbeit fing mit der fertigen CD aber erst an. Fast ein Jahr lang haben wir die CDs an Schulen, in Jugendclubs, auf Festivals oder bei extra organisierten Konzerten 'rausgeballert. Immer öfter erreichten uns auch Anfragen von Lehrern, die CDs für den Unterricht bestellten und nach Texten der Lieder fragten.

Es gab natürlich auch Rückschläge: In Baden-Württemberg durften wir die CD nicht verteilen, weil die damalige Bildungsministerin Annette Schavan befand, die Platte sei linksextremistisch. Manchmal haben rechte Jugendliche an Schulen in der Sächsischen Schweiz auch CDs einkassiert und sie demonstrativ vor unseren Augen zerstört. Und in Pirna haben während eines Konzertes Nazis Steine gegen die Tür des Jugendclubs geworfen und versucht, die Besucher einzuschüchtern: Für die Jugendlichen war das ein Spießrutenlauf, denn nach der Veranstaltung mussten alle an den Nazis vorbei, die vor dem Club eine Demo angemeldet hatten."

Während wir reden, setzen sich zwei Unbekannte in die Nähe. André schaut kurz rüber und spricht dann leiser weiter - man weiß ja nie.

"Erreicht haben wir, dass die Leute in einigen Regionen endlich eine Alternative zu den Freizeitangeboten der Rechten hatten. Die waren dankbar und froh, mal ohne Angst zu einem Konzert gehen zu können. In manchen ländlichen Regionen ist es normal, rechts zu sein - da gibt es nur einen Jugendclub, und der gehört den Rechten. Alle Plätze dort, egal ob Tankstelle oder Bushäuschen, sind von Rechten besetzt. So entsteht natürlich Anpassungsdruck. Dass so was normal ist, finde ich bitter.

Vom rechten Gedankengut wegholen konnten wir mit der CD-Idee natürlich niemanden, dafür ist so eine Aktion nicht geeignet. Aber wir konnten den Nichtrechten ein wenig Selbstbewusstsein geben. Jedenfalls ist die angekündigte Schulhof-CD der NPD nur in Sachsen aufgetaucht. So gesehen war unsere Tausch-CD erfolgreicher als das Original."

Protokoll: Christian Fuchs

* Name geändert

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