• Drucken
  • Senden
  • Feedback
13.12.2006
 

Senatsbericht

Gewaltwelle an Berliner Schulen

Von Anna Reimann

Prügeleien, Waffen, Gewalt gegen Lehrer, Rassismus: Im letzten Schuljahr haben Berliner Schulen fast doppelt so oft Fälle gemeldet wie im Vorjahr. Der neue Schulsenator Jürgen Zöllner ist alarmiert, registriert aber auch eine wachsende Sensibilität gegenüber Schulgewalt.

Berlin - Das Jahr 2006 war in Berlin das Jahr der Schulgewalt. Im März war es der Brandbrief aus der Rütli-Schule, im Sommer schreckten binnen weniger Tage gleich mehrere Meldungen die Öffentlichkeit auf: An einer Kreuzberger Grundschule schlug ein 12-Jähriger eine Lehrerin derart, dass sie mehrere Knochenbrüche im Gesicht erlitt; eine 18-Jährige kam mit einer scharfen Schusswaffe in ihre Realschule im Stadtteil Tiergarten und soll gedroht haben, ihre Lehrerin umzubringen.

Rütli-Schüler in Neukölln: Noch nie so viel Gewalt an Schulen
DDP

Rütli-Schüler in Neukölln: Noch nie so viel Gewalt an Schulen

Vor einigen Wochen kam aus Kreuzberg die Meldung dass eine jüdische Schülerin nur noch unter Polizeischutz zur Schule gehen konnte. Und vor drei Wochen stürmten maskierte Jugendliche eine Schule, wieder in Kreuzberg, und stachen mit dem Messer auf einen Schüler ein. Kein Zweifel: Berlins Schulen haben ein gewaltiges Problem mit Gewalt.

Heute stellte Berlins neuer Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) den Jahresbericht 2005/2006 zu Gewalt an Berlins Schulen vor. Die Zahlen sind erschreckend:

  • Die Zahl der Gewaltvorfälle im Schuljahr stieg im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 75 Prozent auf 1573. Etwa doppelt so oft wurden Körperverletzungen und Bedrohungen gemeldet. Im Vergleich zur Gewaltbilanz vor fünf Jahren hat der Berliner Senat sogar eine Zunahme um mehr als das Sechsfache festgestellt. Als Gewaltvorfälle gelten dabei Bedrohungen, Beleidigungen, rechtsextremistische Ausfälle, Erpressungen sowie Körperverletzungen und Raub.

  • Am häufigsten wurde Gewalt an Schulen aus dem Bezirk Mitte gemeldet: rund 300 Mal. Die Bezirke Lichtenberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln folgen. Zwischen der sozialen Situation der Bezirke und der Häufigkeit von Schulgewalt sei ein eindeutiger Zusammenhang festzustellen, so Zöllner.

  • Auch extremistisch motivierte Delikte wurden häufiger gemeldet. Mehr als 92 Prozent davon wurden als rechtsextremistisch, rassistisch oder antisemitisch motiviert eingestuft, lediglich 7,5 Prozent als fundamentalistisch/islamistisch. Schulgewalt mit extremistischem Hintergrund gibt es vor allem in Westberlin, die meisten Fälle passierten in Steglitz-Zehlendorf. Bei den extremistischen Vorfällen handelt es sich meistens um Propaganda oder Beleidigungen, seltener um Körperverletzung oder Bedrohung.

  • Nahezu verdoppelt hat sich auch die Gewalt gegen Lehrer - ein Viertel aller gemeldeten Vorfälle richtete sich gegen sie. 374 Pädagogen waren im letzten Jahr betroffen, 2004/05 waren es noch 196. "Dass Lehrer zusammengeschlagen werden, sind aber Einzelfälle", sagte Bettina Schubert von der Senatsverwaltung. Mehrfach seien Lehrern volle Wasserflaschen in den Rücken geworfen worden.

  • Auffällig angestiegen ist die Zahl der Meldungen von Gewaltvorfällen auch an Grundschulen. Im Vorjahr wurden aus den Klassen eins bis sechs noch 247 Fälle gemeldet, dieses Jahr waren es 628. An Sonder- und Hauptschulen kommt es proportional zur Gesamtzahl der Schüler besonders oft zu Gewalt.

Laut Zöllner spielt auch die Herkunft der Schüler eine große Rolle. Während im Vorjahr noch an knapp 36 Prozent aller Gewaltdelikte an Schulen Schüler nicht-deutscher Herkunft beteiligt waren, sind es in diesem 54 Prozent. Laut Zöllner stellen sie aber nur knapp 27 Prozent aller Berliner Schüler. Dabei seien die Schüler "nicht-deutscher-Herkunftsprache", wie der Senat sie nennt, "auf der Täterseite eindeutig stärker vertreten als auf der Opferseite", sagte Bettina Schubert, beim Berliner Senat für den Gewaltbericht an Schulen zuständig.

"Gewalt hat keinen Pass, sondern eine Kindheit"

Bei extremistisch motivierten Gewaltvorfällen seien Schüler aus Migrantenfamilien deutlich unterdurchschnittlich beteiligt, bei gefährlicher Körperverletzung hingegen etwas überdurchschnittlich. Schubert erklärt diese Zahlen vor allem mit der sozialen Situation, in der viele Einwandererkinder aufwachsen. "Gewalt hat keinen Pass, sondern eine Kindheit", sagte sie.

Dass die Realität sich aber tatsächlich so dramatisch verändert hat, wie es die Zahl der gemeldeten Gewaltfälle nahelegt, will Schulsenator Jürgen Zöllner nicht glauben. "Natürlich ist jeder dieser Fälle ein Fall zu viel, ich bin alarmiert", betonte er. Aber die Polizeistatistik über Jugendgruppengewalt an Berlins Schulen registriere seit Jahren eher einen abnehmenden Trend. Und dass sich die Gewalt an Grundschulen vervielfacht habe, sei schlicht unrealistisch. "Vielmehr scheint sich die Sensibilität im Umgang mit Gewalt verbessert zu haben", so Zöllner. "Und das ist gut so. Wir haben ein Interesse daran, dass eher ein Fall mehr gemeldet wird. Denn das Bewusstsein ist die Grundlage dafür, dass sich etwas ändert", sagte der SPD-Politiker.

Seit 1992 sind die Schulen in Berlin verpflichtet, Gewaltvorfälle zu melden. Nach dem Bericht des neuen Schulsenators arbeiten die Schulen inzwischen verstärkt direkt mit Spezialisten der Polizei zusammen. Außerdem stünden in Berlin 15 Schulpsychologen zur akuten Beratung von Schülern, Lehrern und Eltern zur Verfügung. Im neuen Schuljahr würden zur weiteren Vorbeugung gegen Gewalt an Schulen mehrere Projekte an 60 Grundschulen der Stadt starten.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...






TOP



TOP