Von Anna Reimann
Berlin - Das Jahr 2006 war in Berlin das Jahr der Schulgewalt. Im März war es der Brandbrief aus der Rütli-Schule, im Sommer schreckten binnen weniger Tage gleich mehrere Meldungen die Öffentlichkeit auf: An einer Kreuzberger Grundschule schlug ein 12-Jähriger eine Lehrerin derart, dass sie mehrere Knochenbrüche im Gesicht erlitt; eine 18-Jährige kam mit einer scharfen Schusswaffe in ihre Realschule im Stadtteil Tiergarten und soll gedroht haben, ihre Lehrerin umzubringen.
Rütli-Schüler in Neukölln: Noch nie so viel Gewalt an Schulen
Heute stellte Berlins neuer Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) den Jahresbericht 2005/2006 zu Gewalt an Berlins Schulen vor. Die Zahlen sind erschreckend:
Laut Zöllner spielt auch die Herkunft der Schüler eine große Rolle. Während im Vorjahr noch an knapp 36 Prozent aller Gewaltdelikte an Schulen Schüler nicht-deutscher Herkunft beteiligt waren, sind es in diesem 54 Prozent. Laut Zöllner stellen sie aber nur knapp 27 Prozent aller Berliner Schüler. Dabei seien die Schüler "nicht-deutscher-Herkunftsprache", wie der Senat sie nennt, "auf der Täterseite eindeutig stärker vertreten als auf der Opferseite", sagte Bettina Schubert, beim Berliner Senat für den Gewaltbericht an Schulen zuständig.
"Gewalt hat keinen Pass, sondern eine Kindheit"
Bei extremistisch motivierten Gewaltvorfällen seien Schüler aus Migrantenfamilien deutlich unterdurchschnittlich beteiligt, bei gefährlicher Körperverletzung hingegen etwas überdurchschnittlich. Schubert erklärt diese Zahlen vor allem mit der sozialen Situation, in der viele Einwandererkinder aufwachsen. "Gewalt hat keinen Pass, sondern eine Kindheit", sagte sie.
Dass die Realität sich aber tatsächlich so dramatisch verändert hat, wie es die Zahl der gemeldeten Gewaltfälle nahelegt, will Schulsenator Jürgen Zöllner nicht glauben. "Natürlich ist jeder dieser Fälle ein Fall zu viel, ich bin alarmiert", betonte er. Aber die Polizeistatistik über Jugendgruppengewalt an Berlins Schulen registriere seit Jahren eher einen abnehmenden Trend. Und dass sich die Gewalt an Grundschulen vervielfacht habe, sei schlicht unrealistisch. "Vielmehr scheint sich die Sensibilität im Umgang mit Gewalt verbessert zu haben", so Zöllner. "Und das ist gut so. Wir haben ein Interesse daran, dass eher ein Fall mehr gemeldet wird. Denn das Bewusstsein ist die Grundlage dafür, dass sich etwas ändert", sagte der SPD-Politiker.
Seit 1992 sind die Schulen in Berlin verpflichtet, Gewaltvorfälle zu melden. Nach dem Bericht des neuen Schulsenators arbeiten die Schulen inzwischen verstärkt direkt mit Spezialisten der Polizei zusammen. Außerdem stünden in Berlin 15 Schulpsychologen zur akuten Beratung von Schülern, Lehrern und Eltern zur Verfügung. Im neuen Schuljahr würden zur weiteren Vorbeugung gegen Gewalt an Schulen mehrere Projekte an 60 Grundschulen der Stadt starten.
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