Von Anna Reimann
Ein paar Kilometer weiter sitzen im Neuköllner Mädchentreff "Madonna" Maria, die Mutter Türkin, der Vater Libanese, Sevil und Marwa beim Tee zusammen. Sicher, sie hätten das schon öfter beobachtet, dass Deutsche angegriffen wurden, eben weil sie Deutsche sind. "Es ist doch immer so: Mehrere Araber oder Türken gehen auf einen Deutschen los - umgekehrt habe ich das noch nicht gesehen." Zusammen fühlten sich die arabischen und türkischen Jungs stark, "machen auf Gangster, denken sie sind cool", sagt Maria. Sie fände das lächerlich, aber so sei das eben. Was man dagegen tun müsse? Die Mädchen sind sich uneinig. Ihre Lehrer hätten ihnen gesagt man müsse einschreiten, auch als Mädchen. Marwa aber sagt: "Da kann man doch als Mädchen sowieso nichts machen."
Einmal habe sie mitbekommen, wie ein deutscher Junge abgezogen, geschlagen und dann auch noch gefilmt wurde, erzählt Maria. "Happy Slapping" nennt die Polizei die über Handyvideos verbreitete Gewalt. "Und natürlich hat der sich nicht gewehrt, denn die haben ihm ja gesagt: Gehst du zur Polizei, dann bist du erst recht dran", so die 13-Jährige.
Vor einigen Jahren allerdings sei die Situation bei ihnen im Rollbergkiez noch viel schlimmer gewesen, finden die Mädchen. Das es jetzt weniger Gewalt gebe, liege auch an der guten Arbeit der Polizei und an den Kameras, sagen sie. "Früher haben sich viele nicht getraut, eine Aussage zu machen, jetzt braucht man keine Aussage mehr, weil es die Filme gibt", erklärt die 22-jährige Sevil, die Psychologie studiert. Viele der ganz Harten seien inzwischen im Knast. Und das ist gut so, sagen die Mädchen.
"Die dachten, Deutsche haben keine Freunde"
Die Tatsache, dass es in ihrem Kiez nach ihrer Einschätzung immer weniger offen gewaltbereite Mädchen gebe, könne man indes nur ambivalent sehen, sagt die Leiterin von "Madonna", Gabriele Heinemann. Angepasste, brave Mädchen gehörten zum Bild der guten Muslima. Auch in dieser Hinsicht funktioniere die soziale Kontrolle hier - die, die härter drauf sind, gehen weg. Und "Ethnodeutsche", wie Heinemann sagt, die in der Nachbarschaft lebten, "haben wir hier ja kaum, aber wenn, dann neigen die dazu sich übermäßig anzupassen". Sie reden falsches Deutsch, laufen in denselben Klamotten herum.
Einige Straßen weiter im Norden: Vor dem Jugendclub "Manege" , direkt gegenüber der Rütlischule im Neuköllner Reuterkiez, stehen Oussama, 21, und Gino, 16, beim Rauchen. Oussama, Palästinenser aus dem Libanon, kritisiert Gewalt, um gleich darauf Gewalt für sich selbst in Anspruch zu nehmen und als Lösung zu preisen. Als "Scheiß-Deutscher" sei ein Kumpel von ihm beschimpft und deshalb verprügelt worden. "Die dachten, weil er kein Ausländer ist, hat er keine Freunde - aber da haben sie sich geirrt." Er und seine Kollegen seien hingefahren und hätten zurückgeschlagen. "Schließlich haben die anderen angefangen."
Gino, ein Elternteil italienisch, das andere serbisch, beschreibt, dass viele, die in Geldnot seien, in andere Viertel fahren, um dort Leute abzuziehen. MP3-Player und Handys. Nach Berlin-Hellersdorf zum Beispiel. Die Leute dort hätten mehr Geld, bessere Geräte. Hinterher würden viele das zwar bereuen, aber das sei eben üblich. Beide berichten, dass sie gemischte Cliquen haben, Deutsche, Araber und Türken - dass es aber immer öfter passiere, dass die Deutschen zum Islam übertreten. "Die haben gemerkt, wir sind wie Brüder", behauptet Oussama.
"Da sind sie sonst ihres Lebens nicht mehr sicher"
Mittags in einem Café an der Neuköllner Pannierstraße: "Es gibt hier Läden, in die sich die Polizei nicht mehr reintraut", sagt der Besitzer der "Croissanterie". An der Wand hängt ein Werbeflyer für "Rütli-Wear" - ein Unterstützungsprojekt, um die verrufenen Rütlischüler wieder zu rehabilitieren. Solidaritäts-T-Shirts mit dem Namenszug der Schule, mit denen zukünftige Projekte für die Schüler finanziert werden sollen.
Einseitigkeit ist dem Café-Besitzer wohl kaum vorzuwerfen. Aber er sagt: "Wenn es tatsächlich zu Gewalt kommt, raten die Beamten den Opfern schnell mal von einer Anzeige ab. "Da sind sie sonst ihres Lebens nicht mehr sicher." Die Polizei bestreitet, dass sie bestimmte Orte meidet. Aber der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat auf SPIEGEL ONLINE von einer "Moschee" mitten in einem Kreuzberger Wohnhaus geschrieben, die quasi als Domizil der in Deutschland als terroristisch verbotenen Organisation PKK dient. "So richtig scheint es in Berlin niemanden zu stören, auch nicht die Polizei und die Behörden, die sehr wohl informiert sind", so Özdemir.
Ein Tischler, der Mittagspause in dem Neuköllner Café macht, Mitte vierzig, Arbeitskluft, kariertes Hemd und Schiebermütze, sagt, beim Thema gewalttätige Einwanderer "werden Sie immer nur Halbwahrheiten zu hören bekommen". Tatsächlich wollen die Schulen und viele Jugendclubs nicht mehr öffentlich über die Probleme reden, sondern in Ruhe ihre Arbeit machen. Sie haben Angst um den Ruf ihres Stadtteils und darum, dass mühsam aufgebautes Vertrauen durch Stigmatisierungen wieder verloren geht. Auf der anderen Seite wollten alle "immer politisch korrekt sein", sagt der Tischler. Aber nicht nur "Deutsche" seien Opfer. "Auch innerhalb der türkischen und arabischen Community stöhnt man über die gewalttätigen Jugendlichen. Und auch da verzichte man auf Anzeigen", so der Tischler.
Wieder in Schöneberg: Gürsen Gürbey, der Sozialarbeiter steht schon seit einer halben Stunde auf der Treppe vor der Riesengebirgsschule. Es ist jetzt alles ruhig, die Grüppchen sind abgezogen, die Polizei verschwunden. Ein paar hundert Meter Luftlinien allerdings da herrsche die Steinmetzclique, sagt Gürbey. "Das sind meistens schon Erwachsene und es sind richtig mafiöse Strukturen." Strukturen, in denen auch die Schüler aus Schöneberg groß werden.
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