Von Anke Dürr, Barbara Supp und Claudia Voigt
Die Realität, sie ist: unübersichtlich. Die klassische Familie gibt es noch, aber sie ist nicht mehr die Norm. Der Blick in eine beliebige Grundschulklasse zeigt es, zum Beispiel in Hamburg-Ottensen, in der Schule Rothestraße, Klasse 2a.
Ottensen liegt in Elbnähe im Stadtteil Altona, zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse, die jetzt allerdings oft keine Arbeit mehr hat. Hier wohnen junge Familien und Rentner, Langzeitstudenten und Ausländer, Alleinerziehende und junge Paare. Gut 400 Schüler lernen in der Rotheschule, einem braunroten Backsteingebäude von 1879, in den Klassen 1 bis 4.
Der Zufall will es so: 30 Schüler besuchen die 2a, und von denen kommen genau so viele Kinder aus Patchworkfamilien oder getrennten Partnerschaften, wie es die Statistik für ganz Deutschland nachweist - zehn Kinder von dreißig. Jedes dritte Kind.
Es ist wie eine Probebohrung in der Realität, wenn man mit Heinke Freudenthal, der Lehrerin der 2a, über ihre Klasse spricht. Seit 20 Jahren arbeitet sie an der Rotheschule, hat den gesellschaftlichen Wandel dort erlebt. Sie möchte nichts schönreden: Ihrer Beobachtung nach sei es schon so, dass manche Kinder, die ohne die Mutter oder den Vater aufwachsen, verletzlicher sind als ihre Freunde aus den klassischen Familien. Aber sie beobachtet neuerdings auch mehr Selbstbewusstsein bei denen, die keine klassische Familie sind.
Alleinerziehend? Das ist doch ganz normal
Auf einem Elternabend der 2a meldete sich vor einiger Zeit Antje Ahlborn zu Wort. Sie ist die Mutter von Lilly, eine alleinerziehende Mutter. Ahlborn sagte, dass es doch mittlerweile ganz normal sei, wenn Kinder nur bei ihrer Mutter aufwachsen oder mit einem neuen Vater, und dass man wirklich langsam aufhören könne, Mitleid mit diesen Kindern zu haben.
Seit Lilly zwei ist, lebt sie allein mit ihrer Mutter. Jetzt ist sie gerade acht Jahre alt geworden. Natürlich sei ihr die Trennung von Lillys Vater anfangs nicht leicht gefallen, sagt Antje Ahlborn, sie habe sich Unterstützung gesucht bei einem Ehepaar, das sich auf Coaching spezialisiert habe. Noch heute besucht sie regelmäßig deren Seminare. Obwohl es mittlerweile alltäglich ist, dass der Vater Lilly an zwei Tagen in der Woche vom Hort abholt, und bei Lillys Geburtstagsfeier war seine Freundin mit dabei.
In der Klasse sitzt Lilly neben Carolina, hinten am Fenster. "Was habt ihr denn von euren Eltern geerbt?", fragt Freudenthal die Kinder. Fast alle Finger schießen in die Höhe, die Kinder reden gern über ihre Familien. "Meine Augen", "meine Nase", "gut Schnibbeln können beim Tischtennis", Carolina sagt: "Ich habe die gleiche Haarfarbe wie meine Mama, aber mein Bruder hat seine Haare von meinem Vater geerbt."
Es fehlte an nichts - bis die Firma pleite ging
Leonor Lacabaratz, die Mutter von Carolina, hat feste, braune Haare und ein einladendes Lächeln. Familie, das sind für sie "die Kinder und die Oma und der Bruder und die Schwestern und Neffen und Cousinen". So sieht es Leonor Lacabaratz, so war es in schon in Chile und so ist es geblieben, im deutschen Exil.
Familie, was ist das? Familie ist, wo man ohne zu fragen zum Kühlschrank gehen kann, wenn man Durst hat. Das ist die Definition der deutsch-chilenischen Großfamilie Lacarabatz. Carolinas Mutter Leonor ist Arzthelferin, aber sie arbeitet jetzt im Schreibdienst einer Klinik, weil sie sich den Job besser einteilen und mehr für die Kinder da sein kann, Carolina und ihre elfjährigen Zwillingsbrüder.
Sehr traditionell klingt das und ist es doch wieder nicht. Der Ehemann wohnt nicht mehr hier, man lebt getrennt, ist noch nicht geschieden, er ist ein Wochenendvater inzwischen. Doch der Eindruck ist: Was da jetzt fehlen könnte, die Großfamilie fängt es auf.
"Mama sorgt mehr für uns", sagt Carolina bei der Diskussion in der 2a. "Aber mit dem Papa kann man gut kämpfen."
Bei Luisa Wegner, sie sitzt am anderen Ende des Klassenzimmers, gab es zu Hause immer eine klare Rollenverteilung, und alle waren damit zufrieden. Ihr Vater Erwin verdiente ordentlich auf dem Bau, seine Frau Astrid konnte bei Luisa und ihrer zehnjährigen Schwester zu Hause bleiben. Sie fuhren in Urlaub, hatten ein Auto und gingen zweimal die Woche zum Essen.
Der Familie fehlte es an nichts - bis 2004. Dann ging die Firma pleite, bei der Wegner angestellt war. Seitdem ist er arbeitslos, und bis er an seine Rente kommt, muss sich die vierköpfige Familie mit Hartz IV über Wasser halten, wenn nicht ein Wunder geschieht. Sechs Jahre haben sie noch vor sich.
Der Traum, alles gerecht zu teilen
Astrid Wegner arbeitet jetzt vormittags in einem Ein-Euro-Job. Ihr Mann bleibt zu Hause, für ihn findet sich nichts mehr. Beiden wäre die Rollenverteilung andersrum lieber. Dem Vater fällt zu Hause die Decke auf den Kopf, während Luisas Mutter sehr zufrieden war als "Nur"-Hausfrau und Mutter. Jetzt macht der Vater nachmittags mit den Kindern die Hausaufgaben. In die Küche lässt ihn seine Frau nur ungern: "Wenn ich Kartoffeln schäle, sind ihr die Schalen zu dick."
Bei Luisas Mitschülerin Jana Scheffer zu Hause war eigentlich geplant, dass sich beide Eltern gleichberechtigt um die Kinder kümmern sollten, aber dann wurde nichts daraus. Als ihre Mutter Sunje Scheffer 1996 mit Janas Bruder zum ersten Mal schwanger wurde, hatte sie nicht das "Alleinverdienermodell" vor Augen. Nur hatte sie zu diesem Zeitpunkt trotz bestandenem Examen gerade endgültig beschlossen, nicht Lehrerin werden zu wollen, und ihr Mann David bekam eine befristete Stelle als Dozent am Institut für Psychologie der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität.
So ist es dann bei der Aufteilung geblieben: Sunje Scheffer hat ein Jahr nach Niklas' Geburt mit einem zweiten Studium begonnen, Psychologie, und steht inzwischen vor dem Abschluss. Ihr Mann verlässt um acht Uhr morgens das Haus und kehrt meist erst um 19 Uhr zurück. Deshalb kommt er nur am Wochenende dazu, zu kochen und mit den Kindern auf den Sportplatz zu gehen. Sie organisiert den Alltag: waschen, einkaufen, die Hausaufgaben kontrollieren, wenn die Kinder nachmittags aus dem Hort kommen, in der Schule aushelfen, wenn darum gebeten wird, das ganze Programm.
In eineinhalb Jahren läuft David Scheffers Vertrag aus. In die freie Wirtschaft zu wechseln, kann er sich kaum vorstellen, "da werden die wirklichen Karrieren immer noch abends zwischen acht und zehn gemacht", sagt er. Auch deshalb träumt das Ehepaar Scheffer davon, sich gemeinsam selbständig zu machen und alles gerechter zu teilen: die Arbeit im Büro und zu Hause, die Zeit mit den Kindern. Das Familienleben.
Alleinerziehende Mutter, Großfamilie mit getrennt lebendem Vater, Rollentausch oder Alleinverdiener wider Willen - das ist die Realität der Klasse 2a, das ist die deutsche Realität.
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Schwul, lesbisch oder Bi. Und der Rest: Glauben Sie ernsthaft, dass jemand mit denen ein Kind zeugen möchte? mehr...
Die Abgeordneten haben im Schnitt mehr Kinder als der Rest der Bevölkerung, weil sie deren Ernährung vom Staat finanziert bekommen. Die Leute, die Sie nennen, ok, was wollen Sie damit sagen? Ab ins Lager? mehr...
Ist eigentlich schon mal jemand aufgefallen dass die Spitze unser Politiker weitgehend kinderlos ist. Merkel,Westerwelle,Wowereit,Pofalla,Leutheusser,Köhler ,Schavan.. Das reissen auch von der Leyen mit ihren 6 oder 7 und die [...] mehr...
Ich bin der Meinung, dass Arbeitsleben und Gesetze nicht zu wenig Familie unterstützen, sondern zuviel, nur leider eben Familie nach einem arg veralteten Begriff derselben, der eben von einer lebenslangen und kaum aufkündbaren [...] mehr...
na, diese unselige v.d.Leyen wollte doch alle Frauen zum Arbeiten jagen. Und dieser Trend ist ja auch in allen anderen Parteien. Schließlich muß Frau sich ja selbstverwirklichen, was immr das auch sein soll mehr...
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