Von Jochen Leffers
Mit bildungspolitischen Entwicklungsländern kennt Vernor Muñoz Villalobos, 46, sich aus. Der Juraprofessor aus Costa Rica war bereits in Botswana, Malawi, Kenia und Uganda, bevor er vor gut einem Jahr nach Deutschland aufbrach. Seine Mission: die Umsetzung des Menschenrechts auf Bildung zu überprüfen. In zehn Tagen führte er im Februar 2006 zahlreiche Gespräche und besuchte elf Schulen in Berlin, Potsdam, München, Bonn und Köln.
Aus Sicht von Muñoz passt Deutschland gut in die Reihe der Problemländer, die er als Sonderberichterstatter im Auftrag der Uno bereist. Aus Sicht der deutschen Kultusminister ist das eher nicht so. Darum sorgt die derbe Kritik des Schulinspektors für Wirbel in der Bildungspolitik. Deutschlands Kultusminister reagierten erst einsilbig, dann mürrisch, jetzt zunehmend zornig - als wollte Muñoz Blauhelme an deutsche Schulen schicken, um endlich für menschenrechtskonformen Unterricht zu sorgen.
Die Kultusministerkonferenz (KMK) hält Muñoz "sachliche Fehler" und "problematische Aussagen" vor - das ist der noch recht höflich formulierte Teil. Gemeinsam wollen die Bildungsminister von Bund und Ländern auf Korrekturen drängen, bevor der Muñoz-Bericht am 21. März in Genf offiziell veröffentlicht wird. Die Kultusminister kennen den Entwurf bereits, die Nachrichtenagentur dpa ebenfalls, heute veröffentlichte auch die Tagszeitung "Die Welt" einige Details daraus.
Bitte keine Ratschläge aus Paris oder Costa Rica
Muñoz wertet insbesondere das traditionell dreigliedrige Schulsystem aus Haupt-, Realschule und Gymnasium als problematisch: Es benachteilige Kinder aus armen Elternhäusern. Muñoz bezeichnet es als "extrem selektiv". Der Bildungserfolg in Deutschland hänge so stark wie in keinem anderen Industrieland von der sozialen Herkunft der Eltern ab. Das hatten auch schon die Pisa-Untersuchungen gezeigt, bei denen deutsche Schüler miserable Ergebnisse sammelten. Die Resultate aus Vergleichsuntersuchungen wie Pisa, Timss und Iglu flossen auch in den Berichtsentwurf ein.
Insgesamt fällt Muñoz ein vernichtendes Urteil über das deutsche Schulsystem und legt den Bildungspolitikern "eindringlich nahe", es zu überdenken. Das Sortieren der Schüler auf verschiedene Schultypen schon im Alter von zehn Jahren komme zu früh, zumal es an der Durchlässigkeit hapere. Darunter müssten besonders arme Kinder, Schüler aus Migrantenfamilien und Kinder mit Behinderungen leiden. Außerdem kritisiert Muñoz die geringe Abiturientenquote, die hohe Zahl von Schulabbrechern und die alleinige Zuständigkeit der Länder für Schulfragen, die unter anderem den Wohnortwechsel erschwere.
Über all dies wird in Deutschland schon seit der ersten Pisa-Veröffentlichung vor fünf Jahren lebhaft bis hitzig debattiert - aber die Kultusminister mögen keine Ratschläge von außen. Extrem empfindlich reagieren sie stets schon auf Kommentare von Andreas Schleicher. Der Pisa-Koordinator im Pariser OECD-Büro mischt sich gern in die deutsche Bildungsdiskussion ein. Nun also auch noch ein Juraprofessor aus Costa-Rica - das geht den Kultusministern zu weit.
"Herr Muñoz hat offenbar das deutsche Bildungssystem nicht verstanden", er erkenne auch die Reformbemühungen nach Pisa nicht an, zitiert die "Welt" einen Sprecher des nordrhein-westfälischen Bildungsministeriums. Der Bericht sei "völlig unbrauchbar für die bildungspolitische Diskussion in Deutschland".
"Außer Spesen nichts gewesen"
Hart gekontert hatten zuvor schon andere Kultusminister, vor allem Bernd Busemann aus Niedersachsen: "Wenn man zehn Tage durch Deutschland reist, kann man sich kein Bild von der Effizienz des Bildungssystems machen", zürnte der CDU-Politiker, "man könnte auch sagen, außer Spesen nichts gewesen." Sein baden-württembergischer Kollege Helmut Rau sagte, dort habe sich Muñoz keine einzige Schule angesehen: "Ich spreche ihm daher die Kompetenz ab, über unser Bildungssystem urteilen zu könne."
Auch Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) aus Sachsen-Anhalt meint, beim Zehn-Tages-Trip habe Muñoz die ganze Komplexität des deutschen Bildungssystem schwerlich erfassen können: Das sei eine "Momentaufnahme aus einer merkwürdig entfremdeten Ferne", so Olbertz im Deutschlandradio. Die Diskussion über Schulstrukturen "hält uns seit den siebziger Jahren von energischen und entschlossenen inneren Schulreformen ab", so Olbertz weiter.
Die Lehrerverbände reagierten uneinheitlich. Die Bundesländer dürften sich nicht in einen "neuerlichen lähmenden Kampf" um die Schulstruktur stürzen, sagte Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Muñoz sei mit "vorgefassten Ansichten" nach Deutschland gekommen und habe sich "offen als glühender Gesamtschulanhänger" geoutet.
Die Bildungsgewerkschaft GEW dagegen forderte, die Kritik am sozialen Gefälle an deutschen Schulen müsse endlich ernst genommen werden. "Schönfärberei und Rechthaberei der Kultusminister" seien da fehl am Platz, so GEW-Vize Marianne Demmer. Auch das Bundesbildungsministerium ergehe sich nur in "alten konservativen Mythen" und in einer "Jahrzehnte alten Rechtfertigungsrhetorik".
Beide Debattenfraktionen meinen das Gleiche: den schier endlosen, ideologischen aufgeheizten Zank um Gesamtschulen, der in den siebziger Jahren begann, in einen regelrechten Kulturkampf mündete - und bis heute nicht richtig beigelegt ist. Inzwischen sind die konträren Ideen der Gesamtschule und des klassisch dreigeteilten Schulsystems zwar nicht miteinander versöhnt. Aber unter strikter Vermeidung des Begriffs "Gesamtschule" gibt es in mehreren Bundesländern Initiativen, wenigstens Haupt- und Realschulen zusammenzuführen. Schleswig-Holstein will "Gemeinschaftsschulen" einführen, auch Hamburg und Berlin planen neue Schulmodelle. Die "Frankfurter Rundschau" berichtete, dass Hessen ebenfalls auf "neue Schulen" setze, in denen Haupt-, Real- und gesamtschulen aufgehen sollen. Kultusministerin Karin Wolff (CDU) dementierte das allerdings umgehend: Die Landesregierung bleibe bei der Auffassung, dass das gegliederte Schulsystem einem "Einheitsschul-System" überlegen sei.
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