Mittwoch, 10. Februar 2010

SchulSPIEGEL



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18.01.2008
 

Uruguay

Zwischen Welten

Uruguay wurde einst die „Schweiz Südamerikas“ genannt, die Fußballmannschaft des kleinen Landes wurde Mitte des letzten Jahrhunderts sogar zweimal Weltmeister – doch dieser Ruhm ist längst verblichen. Stattdessen kämpft das Land nun gegen Verschuldung, Finanzkrisen und Hunger. Die SOS-Kinderdörfer nehmen in diesem Kampf eine wichtige Rolle ein.

Von Arne Semsrott und Florian Zinner

Alvaro Vignola macht jeden Tag eine kleine Weltreise. Morgens besucht er Österreich und Deutschland, danach Argentinien und auch die Schweiz gehört häufig zu seinen Ausflugszielen. Alvaro ist schlank, trägt einen Vollbart. Er schlendert vorbei an flachen Häusern, manche sind rot oder grün, andere gelb angestrichen. Hier und da eine Schaukel, eine Wippe, spielende Kinder, die ihn fröhlich begrüßen. Fast so, als sei er ihr Vater. Alvaro erzählt von seinen Aufgaben, von den Mühen des Alltags und den Erfolgen seiner Arbeit. Schließlich biegt er in den Weg zu einem knallpinken Bungalow ein, auf dessen Fassade in großen, gravierten Buchstaben "Casa Austria" steht. Auf dem Haus daneben: "Casa Alemania" - Haus Deutschland. Alvaro ist der Direktor des SOS-Kinderdorfs in Montevideo - einer eigenen kleinen Welt im Süden Uruguays.

Das Casa Austria wird wie die weiteren zwölf Häuser des Dorfs von einer ganz besonderen Familie bewohnt. Es ist eine Familie mit Kindern, die nur in manchen Fällen wirklich Bruder und Schwester sind und eine Mutter haben, die nicht ihre leibliche Mutter ist, aber trotzdem "Mama" genannt wird. Die "Österreicher" sind zu zehnt: Acht Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren, Mutter Nora und ihre Assistentin, die auch einmal Mutter werden möchte. Sie heißt "Tante".

"Hier Mutter zu sein ist ein Vollzeit-Job", erklärt der Vizedirektor der SOS-Kinderdörfer in Uruguay, Eduardo Bula. Zusammen mit Alvaro ist er bei den "Österreichern" zum Mittagessen eingeladen. Auf dem Tisch stehen Hackfleisch und eine Gemüsebeilage, die hier Russischer Salat genannt wird. Zur Begrüßung gibt es ein Küsschen links, eins rechts, eine Umarmung und noch eine - der Gast ist stets willkommen. Mit vollem Mund und voller Stimmkraft erzählen die Kinder aufgeregt von der Schule und dem, was sie in ihrer Freizeit tun.

Manche von ihnen lernen Arabischen Tanz, andere singen im Chor. So auch die sieben Jahre alte Alina. "Zeig doch mal, was du schon gelernt hast", wird sie von ihrer Mutter aufgefordert. Schüchtern verschwindet sie in ihr Zimmer, um einen Gürtel zu holen. Als sie wiederkommt sollen alle klatschen und mitsingen. Professionell schwingt sie ihre Hüfte zu orientalischen Rhythmen, fast so, als wäre sie selbst eine junge Araberin. Nach ihrem Tanz wird laut applaudiert.

"Hier Mutter zu sein ist ein Vollzeit-Job"

Das Konzept der SOS-Kinderdörfer, in Uruguay "Aldeas Infantiles SOS" genannt, funktioniert: An drei Standorten des Landes, in der Hauptstadt Montevideo, der Kleinstadt Florida nordwestlich von Montevideo sowie Salto an der Grenze zu Argentinien, hilft die internationale Organisation insgesamt mehr als 300 Kindern. Zehn bis 15 Familien bevölkern hier ein Dorf, deren kleine Bewohner nicht bei ihren biologischen Eltern bleiben konnten. Alkoholprobleme, häusliche Gewalt und der Tod von Elternteilen sind die häufigsten Gründe, warum Kinder, manchmal mit drei oder vier Geschwistern, in ein SOS-Kinderdorf umsiedeln.

Doch auch wenn die SOS-Familien vielen Kindern eine Heimat bieten, die Ursachen für ihre Probleme können sie nicht bekämpfen. "Nach Besuchen ihrer biologischen Eltern sind viele Kinder sehr niedergeschlagen", erklärt Eduardo. "Sie freuen sich zwar über jede Minute, die sie mit ihnen verbringen können, aber der Abschied nach einem Treffen lässt sich nicht leicht verkraften." Nicht nur den Kindern, auch den Eltern fällt es schwer, wieder loszulassen und ihre Kinder in fremde Obhut zu geben. Trotz der Gewissheit, dass es ihnen dort besser als zu Hause geht.

Eduardo startet seinen Wagen. Es ist ein dreizehn Jahre alter Nissan-Pickup. "An old car", sagt er verlegen, tätschelt die Armatur und fährt los. Er biegt ein in die Straße zum Armutsgürtel, der Montevideo umschließt. Neben den typischen Wellblechhütten erstrecken sich auch einige betonierte Wohnblocks die Straße entlang. Sie erinnern an einen für den Abriss bestimmten Plattenbau der sechziger, siebziger Jahre. Aber eigentlich sind sie viel kleiner. Sie haben Nummern - Block 12, danach Block 13. Zwischendurch immer wieder provisorische Papphütten. Eduardo verfolgt konzentriert den Straßenverlauf, denn ständig springen Kinder von der einen Seite auf die andere oder spielen dort Fußball. "Fußball ist hier sehr beliebt", erklärt der 35-Jährige schmunzelnd. Denn darin waren sie mal richtig gut, die Uruguayer.

Eduardo und seine Kollegen wollten mehr als elternlosen Kindern helfen. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, nicht dort aufzuhören, wo das Modell der Kinderdörfer anfängt, sondern viel weiter vorn zu beginnen - um das Schlimmste zu verhindern. Darum wurde vor einiger Zeit auf Initiative der uruguayischen SOS-Organisation das Konzept der "Centros Communitarios" entwickelt. Diese Gemeinschaftszentren mit dem Erscheinungsbild eines kleinen Kindergartens sollen die Ersatzeltern irgendwann überflüssig machen und bestehende Familien in den Armenvierteln am Rande der Städte vor dem Auseinanderbrechen schützen.

Im Gegensatz zu den Kinderdörfern liegen die Centros Communitarios allerdings nicht immer in einer sauberen Umgebung und auch der Platz reicht oftmals nicht aus. Die Gebäude sind meist alt, selten schmückt sie die Aufschrift "Aldeas Infantiles SOS", meistens ist es nur ein kleiner Aufkleber an der Fensterscheibe, der an die Initiatoren erinnert. Für viele Menschen sind diese Zentren allerdings unabdingbar und ein fester Bestandteil ihres Alltags geworden. Neben den Zentrumsdirektorinnen arbeiten dort viele Mütter ehrenamtlich. Angesichts der teilweise überwältigenden Armut mutet ihr kämpferisches Engagement gegen den Zerfall fast wie ein Krieg an, ein Präventivkrieg mit den Waffen Kinderbetreuung, ärztliche Beratung und vor allem Kooperation.

Vor einem grau-braunen Bungalow bleibt Eduardo stehen. Bitte aussteigen. Der Himmel ist heute genauso trostlos wie die Hütten in der Nachbarschaft. Auch der Spielplatz ist grau, die Straße sowieso. Menschen sind nicht zu sehen, ab und zu bahnt sich ein Auto holpernd seinen Weg zwischen den Schlaglöchern auf der provisorischen Straße, die eher einem Feldweg gleicht. Wo mitteleuropäische Städte einen wohlhabenden Speckgürtel haben, reicht es am Rande der Stadt Florida nordwestlich von Montevideo oft nicht einmal für Brot und frisches Trinkwasser.

Die meisten Hütten haben sich die Bewohner selbst gebaut, aus Blech, Holzbrettern, Abfall. Fließendes Wasser haben hier nicht viele, der Strom wird illegal abgezapft, wenn überhaupt. Eduardo blickt um sich und sagt ernst: "Hier leben Menschen". Hier, wo die Bilder aus Zeitungen und Dokumentarfilmen auf einmal zum Greifen nah sind, ist die Welt nicht in Ordnung.

Inmitten der Tristesse ein Lachen: Catalina, ein kleines brünettes Mädchen mit zwei Zöpfen und Sommersprossen, beobachtet fröhlich die Umgebung. Die Zeichnung des Maskottchens der SOS-Kinderdörfer klebt an der Wand eines grau-braunen Bungalows an der Straße und bringt ein wenig Farbe in diese Welt. Gemeinsam mit ihrem Freund Lorenzo macht Catalina auf die Rechte der Kinder aufmerksam, die Jung und Alt in den Sozialzentren beigebracht werden: Recht auf Familie, Recht auf Essen, das Recht zu spielen. Die Besucher werden fröhlich begrüßt: Viele Kinder hüpfen von einer Ecke in die andere und wieder zurück, andere Kinder sitzen am Tisch und trinken Tee. Ein Kind mustert die Neuankömmlinge und entschließt sich dann, sich an einem von ihnen festzukrallen. "Es mio!", ruft sie laut. Der gehört mir!

Siebzig Kinder besuchen das Sozialzentrum hier, in allen sechs Zentren Floridas sind es zusammen 430. Damit ist die Kleinstadt Spitzenreiter in Uruguay. Nachmittags kommen die älteren Kinder aus der Schule und erledigen hier ihre Hausaufgaben, morgens ist das Zentrum ein Kindergarten für Kinder - und für ihre Eltern.

"Mütter lernen, wie sie Gemüse anpflanzen und verkaufen. Gemüse wird immer gebraucht"

Ein Stück Unabhängigkeit für die Mütter wird auch durch Nähkurse oder Friseurworkshops erreicht, die den Frauen, neben der Möglichkeit, ihre Familie zu versorgen, auch Selbstbewusstsein und Optimismus für die Zukunft vermitteln sollen. Oder sie lernen, wie man Gemüse im eigenen Garten anpflanzt, um es später zu verkaufen. Dazu muss man kein Gärtner sein - Gemüse wird immer gebraucht, für Russischen Salat, zum Beispiel.

Väter sieht man hier allerdings selten, dafür umso mehr Mütter, die ihre Wünsche und Ziele nicht abgeschrieben haben, die offen über ihre Probleme sprechen möchten und noch Hoffnung verspüren. Denn um die Kinder aus der Armut herauszuführen, muss der gesamten Familie geholfen werden. Es genügt nicht, den Kindern von Vorschulalter an beizubringen, welche Rechte sie auf der Welt haben, wenn ihnen daheim stets das Gegenteil begegnet. "Die Mütter sind der Schlüssel unseres Projektes", sagt Eduardo Bula. So lernen alle teilnehmenden Mütter in Abstimmung mit einem Ernährungsexperten zum Beispiel auch, wie sie gesund kochen und ihr Kinder versorgen können. Was beim Essen übrig bleibt, wird in der Nachbarschaft verkauft.

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