Nicht nur im Süden, auch in der nördlichen Hälfte Uruguays haben sich aus den SOS-Kinderdörfern heraus eigenständige Gemeindeeinrichtungen gebildet. Mit dem Centro Social in Salto in der Nähe der argentinischen Grenze hat sich dank Fördergelder der EU ein Vorzeigeprojekt entwickelt.
Der uruguayische Winter zeigt sich von seiner nassen, kalten Seite. Heute ist hier Ebbe angesagt - die meisten Kinder sind zu Hause geblieben. Es ist eine uruguayische Tradition, bei Regenwetter das Bett nicht zu verlassen und genüsslich Mate-Tee zu schlürfen. Nicht einmal das Pädagogenteam des Centro Social kann diese Tradition brechen. Die sieben Lehrerinnen, die mit ihrem Elan den meisten deutschen Lehrern und Schülern den Neid in die Augen treiben würden, haben dafür umso mehr Zeit, das Konzept des Centros zu erklären.
Das Centro Social ist anders als die restlichen Gemeinschaftszentren. Der flache, u-förmige Bau mit Innenhof hat noch nicht viele Jahre auf dem Buckel. Die Einrichtung ist modern, die Ausstattung großzügig - und sauber. Das ist, anders als in Deutschland, keinen honorierten Innenarchitekten und keiner bezahlten Reininungskolonne zu verdanken. Die Erzieher und Lehrerinnen sind es, die hier Hand anlegen und das Centro Social zu dem machen, was es ist. Es entstand als Gemeinschaftsprojekt der Europäischen Union und den SOS-Kinderdörfern. Hier gibt es das, was woanders fehlt. Sachmittel, genügend Räume und junge, dynamische Lehrerinnen.
Dafür ist die Arbeit selbst umso fordernder: Die Kinder kommen aus armen Verhältnissen und sind medizinisch schlecht versorgt. Häufig haben die Eltern Alkoholprobleme oder sind die Kinder häuslicher Gewalt ausgesetzt. Für uruguayische Verhältnisse ist die Arbeit im Centro Social gut bezahlt. Dennoch arbeiten viele ehrenamtlich im Centro Social. Engagierte Mütter helfen dort, wo sie gebraucht werden. Zum Beispiel, um den Kindern jeden Tag ein warmes Mittagessen servieren zu können. Eine der Köchinnen, Andrea, hat Geburtstag. Fünfzig ist sie geworden, sie wirkt älter. Sicher hat sie schon viel durchmachen müssen. Das Lächeln hat sie aber nicht verlernt. Besonders jetzt nicht, wo alle Gratulanten um sie herum ein Ständchen singen. Sie applaudiert und holt Kuchen und Cola zum Anstoßen. Dazu gibt es einen süßen Cremeaufstrich. "Nehmt nur, esst! ", werden die Besucher immer wieder aufgefordert.
Das Centro Social gehört zu Salto, zur Gemeinde, und ist damit auch für jeden offen, der es besuchen möchte. So werden hier auch Ausstellungen, Informationsabende und Vorträge organisiert. Themen sind beispielsweise Sexualaufklärung oder gewaltfreie Erziehung. Die medizinische Vorsorge und Behandlung erweist sich darüberhinaus als ebenso wichtige Hilfe: Die Hälfte aller Zweijährigen wiesen bei einer kürzlich erfolgten Untersuchung gefährliche Parasiten auf. Regelmäßig besuchen ein Allgemeinmediziner und ein Kinderarzt das Centro, der Zahnarzt und der Frauenarzt kommen wöchentlich, der Psychologe zweimal wöchentlich. Sogar eine Sprachtherapeutin betreut einige der Kinder.
Das Hauptaugenmerk liegt aber, wie auch bei den Centro Communitarios, den Gemeinschaftskindergärten, in der Kinderbetreuung. Und das Prinzip funktioniert. Bis zu 250 Kinder werden hier versorgt, unterteilt nach Alter in Gruppen - vom Kleinkind bis zum angehenden Teenager. Für jedes Alter gibt es hier zugeschnittene Angebote, Vorschulprogramme zum Beispiel, oder Sexualprävention für die Neun- bis Zwölfjährigen. "Wir machen das, um den Teenagerschwangerschaften entgegen zu wirken. Die sind ein großes Problem, hier in Uruguay. Viele Mütter bekommen ihre Kinder schon mit 15 oder 16", erklärt Laurita Bella. Sie ist die Direktorin des Gemeindezentrums. Eva Herman wäre sie ein Dorn im Auge: Die Enddreißigerin ist alleinerziehende Mutter von fünf Kindern - und hat einen Vollzeitjob. Sie sagt: "Wir hoffen, dass unser Zentrum eine Vorbildfunktion hat."
Sie philosophiert mit der Sprachtherapeutin Carolina Cunha, die berufsbedingt besonders deutlich und ruhig spricht, über die Probleme und Möglichkeiten ihres Landes: "Der Durchschnitt der Uruguayer ist sehr arm. Viele Menschen hier haben weder Licht noch sauberes Wasser in ihren Behausungen." Cantegrilos werden die Slums in Uruguay genannt, in Brasilien heißen sie Favelas. Jedes Land in Südamerika bezeichnet sie anders, das Bild ist jedoch ähnlich. "Viele junge Menschen verlassen Uruguay und versuchen in den USA oder Spanien ihr Glück - in den letzten zwanzig Jahren fast eine halbe Million Menschen. So wird das Volk in Uruguay sehr alt. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter, Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem."
Aber Carolina lächelt. "Trotz allem ist nicht alles in Uruguay schlecht", sagt sie. "Die Menschen sind sehr solidarisch. Außerdem ist das Klima angenehm, wir bleiben verschont von Naturkatastrophen." Und es gibt die SOS-Kinderdörfer. Die Welt der aufopferungsvollen Arbeit der Mütter in den Gemeinschaftszentren sowie andere Kämpfernaturen, die etwas verändern wollen, wie die Direktorin Laurita Bella und viele, viele helfende Hände.
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