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06.11.2008
 

Rumänien

Haus Nummer elf

Der 17-jährige Rumäne Dani hat sich mit der Vergangenheit abgefunden: Seine Eltern haben ihn in ein rumänisches SOS-Kinderdorf gegeben, da war er sechs. Nun hat er eine neue Mutter und einen großen Traum: Er will Fußballstar werden.

Von Rick Noack und Thomas Linke

Er ist wieder zurück. Dani steht vor seiner Mutter, schaut sie an. Er hat seine zwei Brüder Ady und Luci mitgebracht. Aber für die Frau stehen da nur drei Jugendliche. Sie erkennt ihre Söhne nicht mehr. Vielleicht will sie es auch nicht. Acht Jahre ist es her, seit Dani ihr zum letzten Mal in die Augen geschaut hat. Sie hat nie nach ihm gesucht, wollte nie wissen, was aus ihrem Sohn geworden ist. Der Vater ist verschwunden. Wohin, das weiß Dani nicht. Damals, vor acht Jahren, da ging alles ganz schnell. "Du musst gehen", hatten sie gesagt. Der Rumäne war sieben Jahre alt und verstand nicht, warum er mit dem Auto weggebracht wurde. Er kam zusammen mit seinen zwei jüngeren Brüdern in das SOS-Kinderdorf in Cisnadie, nahe der Kulturhauptstadt Sibiu. Es war das Letzte, was seine Eltern für ihn getan haben.

Zwei Jahre nach dem Treffen mit seiner Mutter sitzt Dani neben einem Fußballplatz. Die Sonne geht unter, und das Tal um Cisnadie versinkt langsam im Dunkeln. Eine schwarze Wolke schiebt sich über den Himmel, aber sie wird vorbeiziehen. Es hat eine Woche lang nicht mehr geregnet. Dani weiß jetzt, dass seine Eltern ihn nicht einfach bei dem Kinderdorf abgegeben haben. Sie wollten ihn nicht einfach schnell loswerden, sondern haben lange mit Mitarbeitern der SOS-Kinderdörfer über diesen Schritt diskutiert. Das ändert nicht viel daran, dass sie nicht mehr seine Eltern sind. Dani ist jetzt 17 Jahre alt. Er ist sportlich, geschätzte 1,80 groß und seine blauen Augen glänzen und bewegen sich lebhaft, während er von sich erzählt.

Es ist eine Geschichte vom Fußball, von seinen Träumen und von seiner Familie. Der 17-Jährige übt viel für die Zukunft. Zweimal am Tag spielt er in den Ferien auf dem Fußballplatz. Denn der Sport ist sein Leben. Schon jetzt verdient er Geld damit. Dani spielt für eine große Mannschaft in Sibiu und bekommt umgerechnet bis zu 30 Euro pro Spiel. Für ihn ist das viel. Später will er einmal ein Profi werden. Und er weiß: Dazu hat er nur eine einzige Chance. Die darf er nicht verpassen. An den Wochenenden wohnt der Junge noch immer in dem SOS-Kinderdorf in Cisnadie. Aber in der Woche lebt er mit seinem 15-jährigen Bruder in Sibiu. Dort geht er auf die Sportschule. Und am besten ist er im Fußball. "Eigentlich bin ich in jeder Sportart gut", erzählt er grinsend. Nur mit dem Basketball habe er einige Probleme: "Ich verstehe einfach nicht, warum man den Ball mit den Händen trägt. Ich mache das immer mit dem Fuß." Er lacht.

Mutter als Job

Das Dorf, in dem die drei Brüder leben, liegt auf einem Hügel. Dani kann von hier auf die Stadt Cisnadie schauen, zu der das SOS-Kinderdorf gehört. Dahinter beginnen die Berge. Am Wochenende wandern die Jugendlichen aus dem Kinderdorf oft mit ihren SOS-Müttern dorthin. Und wenn es regnet, dann bleiben die Familien in ihren Häusern im Dorf.

Die meisten von ihnen wurden schon 1993 eingeweiht. Inzwischen ist das Dorf auf 18 Häuser angewachsen, darunter sind elf Familienhäuser. Am Rand des Dorfes wurden zwei Sportplätze gebaut. Cisnadie liegt knapp zehn Kilometer von Sibiu entfernt und ist damit nah an der größten Stadt des Landkreises, welcher in der Mitte Rumäniens in Siebenbürgen liegt. Wenn man durch die Altstädte in der Region läuft, dann sieht man den Einfluss deutscher Einwanderer noch sehr deutlich. Die Häuser sind ohne Lücken gebaut, klein und haben rote Dachschindeln, oft auch einen Hinterhof. Sie scheinen willkürlich errichtet worden zu sein, denn sie lassen nicht die geringste Geradlinigkeit in der Straßenführung zu. Die Wege sind verwinkelt, seit dem Mittelalter wurde daran nichts verändert. Im Kinderdorf ist die Übersicht leichter zu wahren.

Dani kam drei Jahre nach der Eröffnung des Dorfes an. „Am Anfang war ich traurig. Aber das ging schnell vorüber.“ Das SOS-Kinderdorf hat dem Rumänen ein neues Leben gegeben, genauso wie vielen anderen Kindern auch. Fast alle haben ihre Eltern verloren: Entweder sie wollten oder sie konnten nicht mehr für ihre Söhne und Töchter sorgen. Nun ist Florin Hariga ihr „Vater“. Er ist der Leiter des Kinderdorfs. „Wichtig ist mir, dass die Kinder Freunde in der Stadt haben.“ Sein Dorf sei schließlich keine Insel.

Vor zehn Jahren kam eines Abends Dani mit seinen zwei Brüdern hier an. "Sie waren so müde, dass wir nicht miteinander sprechen konnten", erinnert sich Joana. Seit dieser Nacht ist sie die SOS-Mutter von den dreien und noch von drei weiteren Schützlingen. So wie sie leben auch die anderen zehn Mütter mit fünf oder sechs Kindern jeweils in einem eigenen Haus. Der Direktor, Florin Hariga, lobt das "Prinzip der Fürsorge", denn es sei "einer normalen Familie sehr ähnlich. Joanas Beispiel beweist das: Von den Kindern wird sie "Mama" genannt. Und das, obwohl es ihr Job ist, Mutter zu sein. Sie bekommt Geld dafür. Joana ist eine Angestellte, eine die Tag und Nacht arbeitet. Sie hat auch den gesetzlich vorgeschriebenen Urlaub. Aber die Kinder sind Teil ihres Lebens, auch dann, wenn das Gesetz es nicht vorschreibt: Vergangenes Jahr hat sie Dani im Sommer mit in die Ferien genommen. Er weiß das zu schätzen. "Ich liebe meine Mutter, und sie liebt mich." Für diesen Satz hätten andere Jungs in dem Alter lange proben müssen.

Die Familie aus dem Haus Nummer elf hat sich im Wohnzimmer versammelt. Im Fernsehen laufen Musikvideos. Joana versucht, eine gute Mutter zu sein. "Ich möchte alle Wünsche, die meine Kinder haben, erfüllt sehen", sagt sie. Die 16-jährige Inge, ein großes, hübsches, braunhaariges Mädchen, möchte zum Beispiel auf eine Schauspielschule gehen. Sie singt und tanzt für ihr Leben gern und geht täglich in einen Tanzclub. Aber um aufgenommen zu werden, muss Inge Prüfungen bestehen. Ihre Mutter wird sie dabei so gut wie möglich unterstützen.

Genauso, wie sie vor zwei Jahren Dani half, auf die Sportschule zu kommen. Mit 15 Jahren musste er dafür nach Sibiu umziehen. "Aber er kommt jedes Wochenende zurück nach Cisnadie zu seiner Mutter und zu seinen Freunden. Er ist ein guter Junge, wie alle hier."

Eine Wand voller Medaillen

Das Jugendhaus in Sibiu, in das Dani zog, gehört zu dem SOS-Kinderdorf in Cisnadie. Dani wohnt dort inzwischen zusammen mit seinem 15-jährigen Bruder Ady in einem kleinen Zimmer. Darin steht ein Doppelstockbett: Oben schläft Ady, unten Dani. Die Wand ist grün gestrichen, und unter den golden umrahmten Fotos der drei Brüder, hängen Danis Medaillen. "Das sind nur die wichtigsten", sagt Dani. Aber natürlich habe er noch mehr davon. Es sind Auszeichnungen für Schachspiele darunter, für Sprintwettkämpfe, für Tischtennisspiele. Aber die meisten der glänzenden Medaillen zeigen einen Fußballer. Seit er zwölf Jahre alt ist, nimmt er an der jährlichen Spartakiade teil. Das ist ein Wettbewerb der SOS-Kinderdörfer von Rumänien, Bulgarien und Mazedonien, in dem Kinder aus den Dörfern in verschiedenen Disziplinen um Gold, Silber und Bronze kämpfen. Dieses Jahr wird der Wettbewerb in Mazedonien stattfinden. Und Dani wird dabei sein. Ganz stolz erzählt er uns, dass er auf der Sportschule keine Hausaufgaben bekommt, da er nachmittags Fußball spielen soll. Einen Computer zum Arbeiten hat er trotzdem, auch wenn er ihn nicht allzu oft braucht. "Das Internet funktioniert zurzeit nicht. Es gibt zu viele, die lieber surfen, statt zur Schule zu gehen. Er selbst gehöre nicht dazu.

Für Andrei ist das nicht überraschend. Der 15-Jährige schätzt seinen Freund sehr. Kennengelernt haben sich die beiden beim Fußballspielen, wo sonst. "Dani ist jemand, der nicht vergisst, dass er seine jetzigen Erfolge anderen zu verdanken hat", sagt Andrei. Vor allem sei sein Freund jemand, der immer für andere da ist. Und deshalb hat er auch Erfolg: Nicht nur, weil er gut Fußball spielen kann. Er wird geschätzt, weil er gerade dabei ist, sich von ganz unten nach ganz oben durchzuboxen. Und wenn er sich anstrengt, wird er das schaffen. Mutter Joana glaubt fest daran.

Vor einem Monat war sie zusammen mit ihm in Bukarest. Sie nahmen an einer Talkshow über die SOS-Kinderdörfer teil. Auch Gheorghe Popescu, der berühmteste Fußballer des Landes, war als SOS-Botschafter mit dabei. Für Dani hatte er ein ganz besonderes Geschenk: Er darf jetzt für einen Monat an die beste Fußballschule Rumäniens gehen. Es war sein größter Traum. Er hat zusammen mit seiner Mutter unzählige Mails an die Schule geschrieben. Er hat angerufen. Aber bis zu der Talkshow war alles unbeantwortet geblieben. Dani ist niemand, der so einfach aufgibt. Er kämpft – nicht nur auf dem Sportplatz. Aber wenn er dann doch das Spielfeld betritt, dann ist er ein ganz anderer Mensch. Er schreit dann, rennt und er klopft anderen freundschaftlich auf die Schulter. Er liebt seinen Sport. "Der Sport schafft gute und disziplinierte Menschen", sagt Dani. Und da ist es wieder: Dieses Lachen, das alle mögen. Später wird er es vielleicht für Geld verkaufen können. Dann wird der Fußballer Dani von Werbeplakaten lächeln, die Milchschachteln zieren und auf Titelseiten erscheinen.

Aber noch ist das ein Traum. Noch lächelt Dani nicht von Plakaten, sondern nur aus dem Familienalbum. Am Abend ist er wieder im SOS-Kinderdorf. Er fühlt sich wohl: "Ich bin hier glücklich." Er ist nun wieder dort, wo alle an ihn glauben: der Dorfleiter, seine Mutter und die Kinder aus Haus Nummer elf. Er wird sie nicht enttäuschen, da ist sich Dani sicher.

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