SPIEGEL ONLINE: Hamburg, Berlin und Schleswig-Holstein verschmelzen Haupt- und Realschulen jetzt zu Stadtteilschulen und Gemeinschaftsschulen. Der bessere Weg?

Chemieunterricht (in Frankfurt): "Sitzenbleiben bringt nichts"
Schleicher: Das ist ein wichtiger Schritt, insbesondere um Schülern aus sozial schwächeren Familien oder Schülern mit Migrationshintergrund wieder eine Perspektive zu geben. Denn für sie ist die Hauptschule zur Restschule geworden. Diese Schüler sind ja nicht alle weniger begabt, sondern die Hauptschule ist nicht in der Lage, ihr Potential zu nutzen.
SPIEGEL ONLINE: Was kann man konkret dagegen unternehmen?
Schleicher: Die leistungsstärksten Pisa-Staaten zeigen uns, wie man konstruktiv und individuell mit Leistungsunterschieden und sozialen Kontextfaktoren umgehen kann, wie man sowohl Schwächen und Benachteiligungen ausgleichen als auch Talente finden und fördern kann. Und dort besteht keine Möglichkeit, die Verantwortung allein auf die Lernenden zu schieben. Man kann dort nicht Schüler den Jahrgang wiederholen lassen oder sie in Bildungsgänge und Schulformen mit geringeren Anforderungen transferieren.
SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Schleicher: Wer daraus schließt, erst müsse die Schulstruktur geändert werden, bevor es besseren Unterricht geben könne, hat die OECD-Studien falsch verstanden. Richtig verstanden hat uns, wer unsere Arbeit so interpretiert, dass das gegliederte Schulsystem wesentlich mit verantwortlich für viele Probleme ist, indem es insbesondere Chancenungerechtigkeit im Bildungssystem verstärkt. Denn nachhaltig verbessern lassen sich Bildungsqualität und Chancengerechtigkeit langfristig nur im Einklang mit einer Reform der Bildungsstrukturen.
SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren auch das Sitzenbleiben. Was ist so schlimm daran, eine Klasse wiederholen zu müssen, wenn man nicht mit dem Stoff mitkommt?
Schleicher: Es bringt dem Schüler nichts und ist außerdem ineffizient. Dieser Unsinn ist nämlich ziemlich teuer. Volkswirtschaftlich gerechnet kostet ein Jahr Sitzenbleiben für einen Schüler die Gesellschaft zwischen 15.000 und 18.000 Euro - was man man mit diesem Geld machen könnte, um Schüler individuell zu fördern... In Finnland oder Japan wäre das undenkbar. Dort muss sich der Lehrer Gedanken machen, mit welchen Ressourcen er den Schüler so fördert, dass er mitkommt. Man muss den Fokus auf das Lösen der Probleme legen, nicht auf das Abwälzen. Entscheidend aber ist: Die Wissenschaft belegt klar, dass Sitzenbleiben für den einzelnen Schüler keinen Leistungsgewinn bringt, sondern die Probleme nur um ein Jahr verschiebt.
SPIEGEL ONLINE: Wegen Ihrer offenen Kritik am deutschen Schulsystem haben Kultusminister Sie immer wieder massiv kritisiert, unter Ideologie-Verdacht gestellt und Ihren Rücktritt gefordert ...
Schleicher: Wir arbeiten mit den deutschen Bildungspolitikern gut zusammen, auf der Grundlage unabhängiger wissenschaftlicher Kriterien. Dass Forschungsergebnisse nicht immer allen gefallen, damit müssen wir leben. Das wachsende Interesse an unserer Arbeit sowohl auf wissenschaftlicher als auch politischer Ebene zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Inzwischen machen ja alle wichtigen Industrienationen mit.
SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn Ihre Reformvorstellungen in Deutschland sofort umgesetzt würden - wann würden sie wirken?
Schleicher: Wenn man heute im Kindergarten etwas verändert, bringt das natürlich nicht morgen bei 15-Jährigen erfolge. Aber ein Land wie Polen zeigt, dass man in weniger als einem Jahrzehnt die Bildungsleistungen der gesamten 15-jährigen Schülerschaft um fast ein Schuljahr verbessern kann. Auch Finnland, Japan oder Kanada sind Beispiele von Staaten, die heute die Erträge von früheren Bildungsinvestitionen und -reformen einfahren.
SPIEGEL ONLINE: Im kommenden Jahr startet die nächste Pisa-Runde ...
Schleicher: ... ja, und wie in der ersten Studie im Jahr 2000 werden wir Wissenskompetenz prüfen - erstmals auch mit elektronischen Medien. Wir untersuchen, ob Schüler die Möglichkeiten erkennen, die im Internet stecken.
SPIEGEL ONLINE: Wie das?
Schleicher: Es geht nicht darum, ob Schüler tippen können oder Google kennen. Sie müssen beim Lösen einer Aufgabe im Internet zeigen, dass sie relevante Informationen von irrelevanten unterscheiden können, dass sie nichtlineare Informationsstrukturen beherrschen.
SPIEGEL ONLINE: Geben Sie uns eine Prognose: Wie wird Deutschland abschneiden?
Schleicher: Der Test läuft ja erst 2009. Aber ich bin sicher, die Reformanstrengungen der vergangenen Jahre werden sich auszahlen.
Das Interview führte Oliver Trenkamp
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