Von Jochen Leffers
Berlin - Verstehen die Schüler das, was sie gelesen haben? Können sie daraus richtige Schlussfolgerungen ziehen? Um diese Fragen geht es bei der Iglu-Grundschulstudie, deren Ergebnisse am Dienstag offiziell vorgestellt werden. Der Spitzenreiter im Vergleich der Bundesländer heißt Thüringen: Dort können Viertklässler am besten lesen und Texte verstehen.
Mit knappem Abstand folgen beim Bundesländervergleich die bayerischen Schüler. Den dritten bis sechsten Platz belegen nahezu punktgleich die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern. Dann folgen das Saarland, Baden- Württemberg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg.
Auf dem 13. Platz liegt Hessen, das Ende der Tabelle bilden die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen. Aber auch sie erreichen alle noch Punktwerte innerhalb des internationalen Durchschnitts.
Debatte über Schulempfehlungen vertagt
Neben den Viertklässlern wurden Eltern, Lehrer und Schulleitung befragt. Dabei wurden unter anderem Informationen zur Unterrichtsgestaltung gesammelt, aber auch über die Sinnhaftigkeit der umstrittenen Grundschulempfehlungen über die weitere Schullaufbahn nach der vierten Grundschulklasse.
| Die Iglu-Ergebnisse | ||
| Rang | Bundesland | Punkte |
| 1. | Thüringen | 564 |
| 2. | Bayern | 562 |
| 3. | Sachsen | 556 |
| 4. | Sachsen-Anhalt | 555 |
| 5. | Rheinland-Pfalz | 554 |
| 6. | Mecklenburg-Vorpommern | 553 |
| 7. | Saarland | 550 |
| 8. | Baden-Württemberg | 550 |
| - | Deutschland | 548 |
| 9. | Niedersachsen | 544 |
| 10. | Schleswig-Holstein | 544 |
| 11. | Nordrhein-Westfalen | 543 |
| 12. | Brandenburg | 540 |
| 13. | Hessen | 536 |
| 14. | Berlin | 525 |
| 15. | Hamburg | 528 |
| 16. | Bremen | 522 |
| Quelle: dpa | ||
Es ist offenbar eine Art Stillhalteabkommen. Die Kultusminister wollen sich am Dienstag auf die Verkündung der Iglu-Ergebnisse beschränken und die heiklen Streitpunkte umschiffen: Ist eine Trennung nach vier Jahren wirklich sinnvoll, sollten Schüler länger gemeinsam unterrichtet werden, wie es international üblich ist? Und wer entscheidet, auf welche Schule ein Kind kommt - sind es die Eltern, die Lehrer, geht es allein nach den Noten?
"Grundschule hat ihre Hausaufgaben gemacht"
Deutscher Leiter des Iglu-Projektes ist der Schulforscher Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IfS) an der Technischen Universität Dortmund. Nach der letzten Iglu-Studie hatte er sich ausgesprochen laut und deutlich über das Schülerlotto nach der Grundschule geäußert - etwa die Hälfte der Schulempfehlungen sei falsch, dabei gehe es ausgesprochen ungerecht zu.
An Iglu beteiligten sich zuletzt 35 Staaten und zehn Regionen. An der nationalen Erweiterungsstudie Iglu-E nahmen bundesweit fast 8000 Viertklässler an über 400 Schulen teil. Die Kosten teilen sich Bund und Länder. Beim ersten Iglu-Test 2001 hatten nur sechs der 16 Länder ihre Daten gesondert ausweisen lassen: Dies waren Bayern, Bremen, Brandenburg, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen.
Bei dem jüngsten Test im Frühjahr 2006 machten alle Bundesländer mit. Bis auf Hessen konnten sich alle Länder, die auch beim ersten Test teilgenommen hatten, leicht verbessern. In den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin liegt allerdings der Anteil der "Risikoschüler", die auch einfache Texte nicht verstehen können, deutlich über 20 Prozent; in den meisten Flächenländern sind es lediglich zehn Prozent.
In fast allen Bundesländern hätten die Viertklässler eine sehr positive Einstellung zum Lesen, hob Bos bei der Vorstellung der Iglu-Ergebnisse hervor. Nur 14 Prozent gaben an, "außerhalb der Schule nie oder fast nie" zu lesen. "Die Grundschule in Deutschland hat ihre Hausaufgaben gemacht", sagte der Wissenschaftler. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) sprach von einem "erfreulichen Gesamtbefund". Es bleibe aber die "große Herausforderung", die Zahl der schwachen Schüler zu senken.
Iglu + Timss = Grundschüler-Pisa
Am Dienstagnachmittag wird auch die internationale Timss-Studie zu den Leistungen von Grundschülern in Mathematik und Naturwissenschaften offiziell vorgestellt. Die Ergebnisse waren bereits am Wochenende bekannt geworden: Die deutschen Schüler belegen in beiden Bereichen den zwölften Platz und liegen damit im vorderen Mittelfeld der rund 40 Teilnehmerländer. Am besten schneiden Viertklässler in Hongkong, Singapur, Taiwan und Japan ab.
Iglu und Timss zusammen ergeben eine Art Grundschüler-Pisa, denn diese beiden Studien decken das Pisa-Spektrum mit den Bereichen Lesen, Mathematik und den Naturwissenschaften ab - bei den Viert- statt bei den Neuntklässlern. Seit der ersten Pisa-Studie 2001 befindet sich das deutsche Schulsystem in einer Art Dauertest. Zuvor hatten Bildungspolitiker wenig darüber nachgedacht, ob man Produktivität von Schulen messen kann und soll.
In den letzten Jahren aber haben deutsche Schulen an einer ganzen Reihe von nationalen und internationalen Studien teilgenommen - nicht immer zur Freude der Lehrer und Kultusminister, zumal wenn die Ergebnisse keinen Anlass zum Jubel boten.
Oft gab es bei der Veröffentlichung der Studien rituellen Streit, etwa Kritik an der Methodik und stetige Auseinandersetzungen um das richtige Schulsystem. Der CDU-Politiker Jürgen Banzer etwa ist die Tests offenbar leid. Der hessische Kultusminister in der geschäftsführenden CDU-Regierung sieht Schulen durch die Vielzahl von Leistungsvergleichen unter so hohem Druck, dass ihnen kaum noch Zeit für die pädagogische Entwicklung bleibe.
Murren über die "Testeritis"
"So wie beim Fußball 3000 Trainer auf der Tribüne sitzen und jubeln, wenn die Mannschaft gewinnt, oder es doch schon immer gewusst haben, wenn sie verliert, redet inzwischen auch jeder bei den Schulen mit", sagte Banzer der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Leistungsvergleiche seien wichtig, bildeten aber nur "einen kleinen Ausschnitt der Arbeit unserer Schulen ab".
Über die "Testeritis" murren allerdings meist nur Minister jener Länder, die gerade schlecht abgeschnitten haben - wie Hessen, just auf dem 13. Platz bei Iglu. Bildungsforscher dagegen betonen unisono den großen Reformschub, den Deutschlands Schulen seit den miserablen Pisa-Ergebnissen 2001 erhalten haben.
Der Wissenschaftler Eckhard Klieme, der bei der Pisa-Studie 2009 das nationale Pisa-Konsortium leitet, sieht die damalige Aufregung als heilsamen Schock. "Vorher hat man immer mit allem Möglichen experimentiert und viel Geld ausgegeben, ohne zu untersuchen, was bei den Schülern eigentlich ankommt", sagt er. "Mit Pisa oder vorher schon der Timss-Studie kam die große Wende, dass man sich am 'Outcome' orientiert. Jetzt versuchen wir transparent zu machen und zu verstehen, was wir eigentlich mit pädagogischer Arbeit und Bildungspolitik bewirken. Das halte ich für einen großen Gewinn."
Mit Material von dpa und AP
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