Von Barbara Hans
Hamburg - Vor Weihnachten ist es besonders idyllisch: In den Bären- und Marienkäfergruppen des Landes werden Sterne aus buntem Glanzpapier gefaltet, Fensterbilder aus Watte gebastelt und Adventslieder gesungen. An den Kleiderhaken mit Eichhörnchen- und Pferdebildern hängen rote, grüne und blaue Winteranoraks in Größe 116.
Initiative "Haus der kleinen Forscher" im Kindergarten Am Klusweg in Magdeburg: Die Chancen der frühen Jahre nutzen
Immer mehr Kinder weltweit werden außerhalb der Familie betreut. In den Industrienationen sind es 80 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter von drei bis sechs Jahren - mehr als je zuvor. Auch bei den Kleinkindern unter drei Jahren wächst der Anteil stetig: Mindestens ein Viertel der Allerkleinsten hat inzwischen einen Platz in einer Einrichtung oder wird von einer Tagesmutter betreut.
Auch immer mehr Kinder werden schon in den ersten zwölf Monaten außerhalb der Familie betreut; allein in den USA sind es 50 Prozent.
Deutschland erfüllt nur fünf der zehn Kriterien
Eine neue Unicef-Studie hat nun untersucht, inwieweit die großen Industrienationen den besonderen Bedürfnissen der Mädchen und Jungen zwischen null und sechs Jahren gerecht werden. Fazit: Deutschland belegt beim Vorschul-TÜV - mal wieder - nur einen mittleren Platz. Die Kinderbetreuung ist hier besser als beispielsweise in Italien, Südkorea, Mexiko und den USA - aber schlechter als in den skandinavischen Ländern, Frankreich und Slowenien.
Das Unicef-Forschungsinstitut Innocenti in Florenz hat zehn Indikatoren entwickelt, anhand derer die Wissenschaftler gemessen haben, ob die Einrichtungen den Bedürfnissen nach Schutz, Förderung und Betreuung außerhalb der Familie gerecht werden.
Auch nach Einführung der Elternzeit erreicht die Bundesrepublik nur fünf der zehn Kriterien - Spitzenreiter Schweden erfüllt alle zehn.
In die Kindergärten und -krippen werden große Hoffnungen gesetzt: Sie können die sprachliche, sozialen und emotionalen Fähigkeiten des Kindes fördern, zu einer positiven Entwicklung beitragen und soziale Benachteiligungen verringern - allerdings nur, wenn gewisse Qualitätsstandards eingehalten und die Kinder bestmöglich gefördert werden.
Schutz, Förderung und Betreuung müssen gewährleistet sein: Vor allem kleine Kinder brauchen emotionale Nähe, Verlässlichkeit, engmaschige Betreuung und kindgerechte Förderung. Kommen diese Standards zu kurz, kann die Betreuung schaden statt nützen.
Skandinavien und Frankreich vorn
Die Forscher in Florenz haben Mindeststandards entwickelt, die eine hochwertige frühkindliche Betreuung gewährleisten sollen. Dazu gehören unter anderem:
Im internationalen Vergleich liegen außer Schweden einmal mehr auch die anderen skandinavischen Länder sowie Frankreich vorn. Die Staaten, die die ersten Plätze der Tabelle belegen, investieren zugleich mindestens ein Prozent des Bruttonationaleinkommens in die Betreuung von Vorschulkindern.
Deutschland hat mit zuletzt drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zwar überdurchschnittlich viel Geld für Familien ausgegeben, jedoch nur 0,4 Prozent für die frühkindliche Förderung bereitgestellt - unterdurchschnittlich wenig.
Ost-West-Gefälle
Von dem Ziel der EU-Staaten, bis 2013 für 33 Prozent der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze anzubieten, sind die meisten Länder noch weit entfernt. In Deutschland hat derzeit etwa jedes zehnte Kind unter drei Jahren Platz in einer Kindertageseinrichtung.
In einer ergänzenden Studie hat Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung die Verteilung der Krippenplätze in Deutschland untersucht. Die neuen Bundesländer sind den alten deutlich voraus, mindestens jedes dritte Kind unter drei Jahren besucht hier eine Kindertageseinrichtung. "Wir haben innerhalb Deutschlands regional sehr unterschiedliche Bildungschancen", sagte Spieß SPIEGEL ONLINE. Nicht nur die einzelnen Bundesländer unterscheiden sich, sondern auch die einzelnen Kreise. So finden in Thüringen beispielsweise 27 bis 51 Prozent der Kinder einen Betreuungsplatz.
"Kinder, die aus armen Haushalten stammen, besuchen mit geringerer Wahrscheinlichkeit eine Kita, ebenso wie Kinder mit Migrationshintergrund", erläutert Spieß. Beide Gruppen sind im nationalen Vergleich demnach deutlich benachteiligt. "Ob das Problem auf der Angebots- oder der Nachfrageseite liegt, konnten wir durch die Studie nicht feststellen. Wir wissen noch immer nicht, welcher Faktor der tragende ist."
"Nicht nach dem Gießkannenprinzip Kitas bauen"
Fest steht: Je nach politischer Orientierung wird mal der eine, mal der andere Aspekt betont. Entweder ist das geringe Angebot an Plätzen schuld, dass Kinder von Migranten keinen Zugang haben; oder aber die Argumentation hebt darauf ab, dass viele ausländische Familien gar kein Interesse hätten, ihre Kinder im Alter von null bis drei Jahren extern betreuen zu lassen.
Es ist die Frage nach Henne und Ei. Klar ist: Beide Faktoren bedingen sich gegenseitig. Schafft man mehr zielgruppenspezifische Angebote, wird auch die Nachfrage steigen. Mit der Nachfrage steigt wiederum die Motivation, weiter in diesen Sektor zu investieren.
Spieß rät, Bundesmittel künftig nur zweckgebunden zu verteilen, um sicherzustellen, dass sie auch in die frühkindliche Förderung fließen und nicht der politischen Prioritätensetzung der Kommune überlassen werden.
"Zum anderen ist es wichtig, dass wir benachteiligte Kinder intensiver fördern und die Kommunen finanzielle Anreize für eine solche Förderung selbst setzen oder diese durch die Länder gesetzt bekommen", so Spieß. "Wir können nicht nach dem Gießkannenprinzip Kitas bauen und uns dann darauf verlassen, dass die richtigen Leute schon kommen werden."
Einheitliche Konzepte? Fehlanzeige!
Besonderes Problem, wie in allen Bereichen der Bildungspolitik, ist auch hier die föderale Struktur: Bildung ist Ländersache, einheitliche Regelungen - Fehlanzeige. "Die Länder müssen sich Gedanken machen, wie sie die Unterschiede in den Griff kriegen wollen. Wir brauchen einheitliche Mindeststandards", sagt Spieß.
Die Unicef-Studie fordert ein Mindestniveau für die Ausbildung von Erziehern. Zwar gibt es in Deutschland Bemühungen, Ausbildung, Bezahlung und den Status von Fachkräften anzuheben, eine umfassende Politik für einheitliche Standards ist allerdings bislang nicht erkennbar.
Da das Einkommen der Eltern die Bildungschancen und auch die gesundheitliche Entwicklung eines Kindes stark beeinflusst, hat Unicef auch die Kinderarmutsrate als Indikator mit einbezogen. Der Anteil der Kinder, die in einem Haushalt mit weniger als 50 Prozent des Medianeinkommens leben, sollte unter zehn Prozent liegen. In Deutschland wachsen dagegen 16 Prozent der Kinder in Haushalten auf, die als arm gelten. Das Medianeinkommen ist das Einkommen desjenigen, der genau in der Mitte stünde, wenn sich alle Personen nach ihrem Einkommen sortiert in einer Reihe aufstellen würden.
Nach Einschätzung von Unicef vergibt Deutschland die Chance, alle Kindern von klein auf bestmöglich zu fördern. "Es gibt Fortschritte bei der frühkindlichen Förderung in Deutschland", sagt Spieß. "Doch es müssen weiter massive Anstrengungen unternommen werden, um allen Kindern gleichwertige Bildungs- und Förderchancen anzubieten."
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Sie lassen leider die gesellschaftliche Entwicklung außer betracht. Frauen wollen sich in verstäktem Maße "selbst verwirklichen"; deshalb wählen viele einen Beruf selbst dann wenn es finanziell nicht unbedingt [...] mehr...
Ich denke einfach, dass Liebe die unverzichtbare Grundlage für jedes Kind ist, dann kommt alles Technische. Wer sein Kind liebt, wird es richtig fördern und sensibel die Grenzen und Möglichkeiten und die Wünsche des Kinds [...] mehr...
Ich glaube, Liebe ist schon ganz verständlich und gar nicht schwammig. Wohl verstehen manche unter Liebe etwas, dass sie von ihrer Bedeutung nicht ist. Liebe ist selbstlos, Selbstverliebtheit ist eben nicht selbstlos. Wenn man [...] mehr...
Erstens: Ich bezweifle, dass sich "die Bedürfnisse der Mädchen und Jungen zwischen null und sechs Jahren" so allgemeingültig regeln lassen und ich glaube erst recht nicht, dass man das für alle Länder einheitlich [...] mehr...
Leider nicht machbar, da der Trend zu Waldkindergärten und Situationsorientiertenkindergärten geht. Eltern beklagen sich zu gerne darüber,daß in der Vorschule Kinder doch glatt 1 Stunde sitzen und zuhören sollen. mehr...
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