Von Christian Teevs
Siegfried Jäger* ist stinksauer. "Das ist eine bodenlose Unverschämtheit", schimpft der Referendar aus Göttingen. "Auf unsere Kosten will die Ministerin ihre Probleme lösen." Die Verursacherin seines Ärgers heißt Elisabeth Heister-Neumann und ist Kultusministerin von Niedersachsen. Sie sucht händeringend Lehrer, denn es fehlen mindestens 1500 Vollzeitstellen, allein in ihrem Bundesland.
Wenn es an Lehrern mangelt, gibt es stets einfallsreiche Vorschläge aus der Politik. Gerade hat Bundesbildungsministerin Schavan vorgeschlagen, Unternehmen sollten ihre "Top-Mitarbeiter" in die Schulen schicken, Honorare dafür waren nicht geplant. Für das Land Niedersachsen hat sich Heister-Neumann etwas ähnlich Kreatives ausgedacht, nur ohne Beteiligung der Wirtschaft.
Elisabeth Heister-Neumann, Christian Wulff: Scheinbar kreative Lösung
Für Jäger, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, bedeutet das: Statt im Oktober soll er schon bis August fertig werden - und sofort helfen, den akuten Lehrerbedarf des Landes zu stillen. Das klingt zunächst mal nach ordentlich Stress, aber es klingt auch nach der Aussicht auf eine schnelle Anstellung.
Voll eingesetzt, schlechter bezahlt
Doch im Erlass vom 12. Februar heißt es weiter: "Aus laufbahnrechtlichen Gründen" ende die Referendarzeit weiterhin erst am 31. Oktober. Der Status als Referendar und die Bezüge blieben demnach "unberührt". Sie würden als vollwertige Lehrer eingesetzt, blieben aber schlecht bezahlte Aushilfskräfte. Der angehende Gymnasiallehrer Jäger nennt das "schlicht dreist".
Der Streit droht ein größeres Problem für die schwarz-gelbe Landesregierung zu werden. Seit ihrem Amtsantritt vor einem Jahr steht die CDU-Ministerin Heister-Neumann massiv in der Kritik, nun wird sie zu einer Belastung für Ministerpräsident Christian Wulff. Am Wochenende forderte die SPD den Rücktritt der Ministerin. Sie habe die "Unterrichtsversorgung verschleiert" und stehe nun "vor einem Scherbenhaufen", sagte Fraktionschef Wolfgang Jüttner.
Für Wulff ist die Personalie allerdings recht kompliziert. Immerhin vollzog der Ministerpräsident nach der Wahl 2008 eine Rochade im Kabinett und tauschte die damalige Justizministerin Heister-Neumann mit ihrem Amtsvorgänger Bernd Busemann. Wulff kann sich einen erneuten Wechsel im wichtigen Kultusministerium daher kaum erlauben.
"Der Ministerpräsident trägt die Verantwortung für diese Personalauswahl", sagt Frauke Heiligenstadt, bildungspolitische Sprecherin der SPD. Ministerin Heister-Neumann sei in den vergangenen zwölf Monaten "in jedes denkbare Fettnäpfchen getreten". Die Unterversorgung im kommenden Schuljahr solle "auf dem Rücken der Referendare ausgesessen werden, die sich nicht wehren können", kritisiert Heiligenstadt.
"Von Freiwilligkeit zu sprechen, ist reiner Hohn"
Denn obwohl der Erlass "das Einverständnis des Prüflings" voraussetzt, weil der "Prüfungsablauf zeitlich verdichtet" werde, fühlt Jäger sich unter Druck gesetzt. Dass sein künftiger Schulleiter Verständnis aufbringe, wenn er sich dieser Regelung verweigere, glaubt er kaum. "Da von Freiwilligkeit zu sprechen, ist reiner Hohn", schimpft der Göttinger.
Guillermo Spreckels vom niedersächsischen Philologenverband sieht die Maßnahme "eingebettet in die aktuelle Notsituation". Angesichts der fehlenden Lehrer müsse die Politik Phantasie aufbringen. "Das Problem ist allerdings seit 1998 bekannt", sagt Spreckels. Die Politik habe die drohende Unterversorgung schlicht verschlafen. Sein Verband appelliere nun an die Politik, "von unüberlegten Zwangsmaßnahmen gegen die Lehrkräfte abzusehen". Den Referendaren rät Spreckels, sich zu organisieren und ihre Ausbilder um Hilfe zu bitten.
Das sei allerdings kaum möglich, klagt Jäger. "In der Endphase des Referendariats ist sich jeder selbst der Nächste und die Seminarleiter können sich gar nicht für uns einsetzen, wenn sie nicht Ärger mit der Landesregierung bekommen wollen."
Wulff sagte am Montag, in drei Jahren werde es wieder einen Überschuss an Lehrern in Niedersachsen geben. Das hängt allerdings lediglich mit den sinkenden Schülerzahlen zusammen. Während Haupt- und Realschulen teilweise Probleme haben, ihre Klassen vollzubekommen, droht an den Gymnasien die Unterversorgung. Fast 38.000 Überstunden haben die niedersächsischen Lehrer bereits angesammelt. Kurz nach Amtsantritt kündigte Heister-Neumann an, die Beamten ihre Überstunden nicht abbauen zu lassen. Dagegen demonstrierten im Sommer 2008 11.000 Lehrer. Mit Erfolg: Die Kultusministerin musste ihre umstrittene Pläne zurückziehen, Überstunden können nun abgebummelt oder ausgezahlt werden.
Doch die Kritik an Heister-Neumann lässt nicht nach. Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Eberhard Brandt, kritisiert: "An den Schulen greifen sich alle an den Kopf. So schlimm wie zurzeit war es noch nie im Kultusministerium."
* Name von der Redaktion geändert
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Die Auslese bei den Lehren ist derart destruktiv, dass der Lehrer, wenn er dann mal arbeiten kann, ein Wrack ist. Es ist ja alles nur abstoßend. Nicht nur die ungezogenen Kinder, aber auch die ganzen Umstände. Und am Ende ist [...] mehr...
In den Diskussionen um schulische Belange, ob Reformen oder Einstellung von Lehrern usw., wird praktisch nie zielführend gedacht. Meistens wird rein emotional geredet. Man muss unterscheiden, ob man Frust ablassen und daher [...] mehr...
Einige sicher, aber wenn man den Zahlen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft glauben kann nur sehr wenige. Ich arbeite selbst gerade an meiner Promotion in Physik und meines Wissens liegt die Arbeitslosenquote bei [...] mehr...
Dass eine offensichtlich derart ungeeignete Person wie diese Frau, die nicht das geringste Interesse an Bildungsfragen hat und nur der innerparteilichen Kungelei der niedersächsischen CDU ihr Amt verdankt, Kultusministerin werden [...] mehr...
Das geht schon. Allerdings ist es so, dass gerade in den Fächern in denen die meisten Lehrer fehlen (Physik, Chemie, Bio) die Stellenaussichten, zumindest im Moment noch, recht gut sind und daher überlegt man es sich schon [...] mehr...
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