"Natürlich haben wir das damals als ungerecht empfunden", erinnert sich Florian Siebeck, 19, der wie Niklas Mitglied der "Dürer!"-Redaktion war. "Rückblickend erkenne ich aber, dass vieles, was wir da brachten, in den Bereich der Beleidigung fiel und einige andere medienrechtliche Straftatbestände abdeckte." Wegen solcher Fälle fordert Urte Schoenwälder: "Es muss einen betreuenden Lehrer geben, der einem jungen Menschen erklärt, wann er entgleist."
In den letzten 25 Jahren sei an ihrer Schule keine Zeitung erschienen, ohne dass man sich geeinigt habe. "Es kam immer zu Arrangements und Kompromissen." Eine solche Kuschelzensur ist offiziell aber verboten. Seit 2004 besagt Paragraf 48 des Berliner Schulgesetzes: "Eine Zensur findet nicht statt." Florian findet sie im Nachhinein allerdings legitim. Er studiert inzwischen Online-Journalismus in Darmstadt und weiß jetzt vieles über Medienrecht, an das er und seine Mitschüler damals nie gedacht hätten.
Trotzdem möchte er seine Zeit bei der Schülerzeitung nicht missen. "Das muss man mal erlebt haben, am besten mit eigenem Redaktionsraum und Briefkasten und so weiter", sagt er. "Das gibt einem einen gewissen Status, denn als Schülerzeitungsredakteur vertritt man die Schüler und hat ein ganz anderes Verhältnis zu Lehrern."
Der Job bei der Schülerzeitung als Statussymbol - ist das angebracht und sinnvoll oder schlichtweg Quatsch? "Sinnvoll!", sagt Klaus Farin. "Da lernt man, dass sich Einmischen Spaß macht." Dabei gilt die junge Generation heute einigermaßen konservativ und spießig - und Eltern müssen ihre Kinder fragen, warum sie nicht mal demonstrieren gehen.
Angst vor schlechten Noten
Das ist allerdings kein völlig neues Phänomen, weiß Farin: "Bereits in den fünfziger und sechziger Jahren spielte Politik keine große Rolle im Leben der Jugendlichen. In den Siebzigern und frühen Achtzigern dagegen schon." In Zeiten von Atomkraftdemos und Berufsverboten hätten viele Schüler wirklich noch daran geglaubt, etwas verändern zu können. Zumal es der deutschen Wirtschaft damals ziemlich gut ging.
Die Angst vor schlechten Noten, die heute viele Schülerzeitungsmacher umtreibt, konnte der rebellischen Jugend von damals egal sein. "Da bekam man auch mit einem schlechten Abischnitt immer noch einen Job", sagt Farin. Er ist sich sicher, dass es die 68er in so harten wirtschaftlichen Zeiten wie heute nicht gegeben hätte. "Rebellion bedarf immer auch Freiräume und Sicherheiten", sagt er.
Zudem seien die Parteien für Jugendliche heute nicht mehr offen. Dadurch verlagert sich deren politische Aktivität auf den kleinen Bereich, aus dem sie eine Rückmeldung bekommen - ihren Freundeskreis. Denn die Jugend von heute ist trotz allem nicht unpolitischer als frühere Generationen. "Sie hat nur nicht mehr den Anspruch, es dem Rest der Welt mitzuteilen", sagt Farin.
Das beobachtet auch Fabian Triphan, 20. Er weiß, dass es an seinem Gymnasium in Weil am Rhein in den achtziger Jahren eine Schülerzeitung gab, die wegen ihres Protests gegen die Zustände an der Schule immer wieder Ärger bekam. "Heute wären es wahrscheinlich noch die gleichen Themen", sagt Fabian, "aber die werden nicht mehr von der Schülerzeitung behandelt, sondern in einer Anti-Gruppe im SchülerVZ, wo alle ihren Frust ablassen können." Das Internet und seine Netzwerke werden so zu Schauplätzen virtueller Demonstrationen. Und die müssen nicht mal angemeldet werden.
Frust ablassen im SchülerVZ
Der Nachteil: Sie bewirken auch oft nichts, denn sie sind geheim, intern, nur mit Passwort zugänglich. Doch selbst im öffentlichen Teil des Internets könne man Kritik besser platzieren als in der Schülerzeitung, sagt Fabian, der an seiner Schule Chefredakteur eines Magazins ist. Das heißt ausgerechnet "Provokant". Die jungen Redakteure produzieren neben einer regelmäßig erscheinenden Printausgabe auch Inhalte für ihre Website. Dort im Netz landen die provokanteren Artikel, denn "die meisten Lehrer kennen die Seite überhaupt nicht". Und solange die nicht mitlesen, drohen auch keine schlechten Noten oder anderer Ärger. "Ich habe schon das Gefühl, dass wir uns manchmal selbst zensieren", sagt Fabian.
Das sei zu seinen Zeiten aber anders gewesen, sagt Matthias Matussek. Der SPIEGEL-Journalist, Jahrgang 1954, ist für seine provokanten Artikel bekannt. Diese zu schreiben, habe er schon bei der Schülerzeitung gelernt. "Rebellion war der Sound der Zeit", sagt er. "Es war aber eher das Spiel von Protest als ein ernsthaftes Unternehmen." Die Jugend von heute sei da besonnener - und klüger. Gleichzeitig habe er Mitleid: "Waghalsigkeiten sind ein Anrecht der Jugend, aber heute darf man als junger Mensch viele Dinge nicht mehr ausprobieren." Stattdessen herrsche eine resigniert-zynische Stimmung. "Genau dagegen muss die Jugend rebellieren!", fordert Matussek.
Aber wie viel Rebellion darf man verlangen von einer Jugend, der eingeimpft wird, dass harte Zeiten auf sie zukommen? Um sich von diesem fremd verschuldeten Druck zu befreien, reicht es nicht mehr, wenn die junge Generation nur die eigene Einstellung ändert. Tatsächlich müssen dafür auch Eltern, Lehrer, Politiker mitziehen. Rebellion braucht Freiräume - die müssen der Jugend erst wieder geschaffen werden.
Von Eva Schulz, Jetzt.de
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