• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

"Schläger von München" Spurensuche an der Goldküste

2. Teil: Passanten das Nasenbein gebrochen

Dann meldete sich ein 25-Jähriger anonym bei dem Schweizer Boulevardblatt "Blick". Er sei derjenige, dem Mike vor etwa einem Jahr mehrfach das Nasenbein gebrochen habe. Seine Geschichte ähnelt dem Fall der Münchner U-Bahn-Schläger, die im Dezember 2007 vor laufender Überwachungskamera einen Rentner krankenhausreif schlugen, weil er von ihnen verlangt hatte, in der U-Bahn nicht zu rauchen.

Damals im Sommer 2008 sitzt er dem 15-jährigen Mike in der S-Bahn gegenüber. Mike raucht. Er sagt ihm: Mach deine Zigarette aus! Anstatt sie auszudrücken, steht Mike auf, schimpft und prügelt mit der Faust auf den sitzenden 25-Jährigen ein, bis dessen Nasenbein mehrfach bricht. Zu einer Geldstrafe von 150 Schweizer Franken und zehn Tagen sozialer Arbeit wurde Mike verurteilt.

Vier Jahre ist die Höchststrafe im Schweizer Jugendstrafrecht. In Deutschland sind Mike und seine Freunde jetzt wegen versuchten Mordes angeklagt - ihnen drohen zehn Jahre Haft. Das Wort "Kuscheljustiz" fällt deswegen in der Schweiz oft.

Uetikon am See liegt südlich von Küsnacht, zwei Stationen sind es von dort mit der S-Bahn. Es ist Mikes Heimatort. Ein Weg führt an Blauburgunder-Weinreben, Blumenwiesen und Fachwerkhäusern vorbei den Hang hinauf. Manche der Häuser tragen Namen und an ihren Wänden ranken sich Rosen empor. Einheimische grüßen Fremde mit einem "Gruezi". Ein Reporter des "Blick" sitzt im Stadtcafé und raucht Kette. Tagelang waren die "Schläger von München" auf Seite eins des Boulevardblatts. Um die Geschichte nochmals weiterzudrehen, ist er auf der Suche nach dem anonymen 25-Jährigen, um mit ihm zu sprechen und ein Foto von ihm zu machen.

"Solche wie die hängen am Bahnhof rum"

Mikes Eltern wohnen in einer Mietswohnung am oberen Ende der Ortschaft. Vier Stockwerke hat das Haus, ein verschlafener Hausmeister in Badeschlappen öffnet die Tür und schüttelt nur müde den Kopf. Er habe von nichts gewusst, Mike sei ihm nicht negativ aufgefallen.

Weiter unten am See ist das Soul Side, eine Dorfkneipe. "Eintritt ab 20" steht groß neben der Eingangstür auf einem Schild geschrieben. Der Barkeeper sagt, hier seien die drei nie gewesen, dürfen sie ja auch nicht. "Solche Leute wie die hängen am Bahnhof rum."

Es ist 17 Uhr und Dario steht am Bahnhof mit seinen Freunden und dreht einen Joint. "Im Jugendzentrum", sagt er, "sind nur Schüler und Muschis. In die Bars kommen wir nicht rein. Deswegen hängen wir jeden Tag hier rum." Er stammt aus dem Kosovo, seine Freunde sind Portugiesen, Schweizer, Türken. Sie kannten die drei, mit Mirko, Ivans Bruder, sind sie befreundet.

Sein Freund, ein hochgewachsener Kosovare sagt: "Wir schlagen uns schon hin und wieder, aber nur mit Gleichaltrigen. Außerdem ist Schluss, wenn einer am Boden liegt." Dario lacht. "Na ja, meistens halt." - "Okay, aber wir verprügeln nicht zu dritt einen Behinderten." "Ich bin eigentlich eh immer viel zu bekifft, um mich zu schlagen", sagt ein Dritter, der gerade eine Ausbildung zum Landschaftspfleger macht.

In einem sind sich alle einig: Die drei haben die Höchststrafe verdient, zehn Jahre sollen sie bekommen.

Ivan wuchs in Stäfa auf, zwei S-Bahn-Stationen südlich von Uetikon. Unten am Seeufer liegt ein kleiner Yachthafen und eine Werft für Sportboote. Dahinter wechseln sich Villen und quaderförmige Designer-Apartments ab, die zur Hälfte aus Glas bestehen. Ivans Mutter wohnt weiter oben mit seinem Bruder Mirko in der Nähe des Bahnhofs: eine gediegene Siedlung aus vierstöckigen Mietshäusern, wie es sie in deutschen Großstädten zu Hunderten gibt.

Busfahrer fühlen sich bedroht

25 Minuten braucht man von hier nach Zürich. Die S-Bahnen fahren im 30-Minuten-Takt bis spät in die Nacht. Die umliegenden Dörfer sind mit einem effizienten Bussystem miteinander verbunden. Im Münchner Umland ist man abgeschnittener als hier. "Es gibt auch höfliche Jugendliche", sagt Busfahrer Erich Stein. "Aber das sind vielleicht 30 Prozent. Der Rest sind Scheißtypen." Sein Kollege Werner Schnorf nickt. Erst letztens sei er von einem Jugendlichen bedroht worden, weil der sich weigerte, den Nachtzuschlag zu bezahlen.

"Das sind fast immer Ausländer", sagt er. "Die wollen sich einfach nicht integrieren. Deswegen muss endlich Schluss sein mit dieser Kuscheljustiz. Ihr in Deutschland macht das richtig. Zehn Jahre sollen die drei bekommen." Sein Kollege Erich Stein sagt, sie hätten "früher auch Bier gesoffen, bis es uns bei den Ohren rauskam. Aber heute kiffen sie auch noch und ich glaube, diese Mischung macht die Aggressivität".

Zwei der "Schläger von München" sind gebürtige Schweizer, Ivan hat einen slowenischen Pass. 1,0 Promille hatten Mike, Benji und Ivan im Blut, als sie auf ihre Opfer einschlugen, außerdem hatten sie einen Joint geraucht. Mit einem solchen Wert ist man enthemmt, von Unzurechnungsfähigkeit aber weit entfernt.

Man kann die Frage stellen, ob der Luxus der Goldküste Frustration entstehen lässt. Ob diese satte Schönheit Langeweile erzeugt, die zusammen mit Enge eine explosive Mischung ergibt. Doch selbst, wenn man Antworten auf diese Fragen fände: Sie werden die Tat von München nicht erklären.

Philipp Mattheis, Jetzt.de

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...





TOP



TOP