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26.04.2010
 

Rentner machen Elektromucke

Gebt uns den Oma-Beat!

Rentner-Kompetenz-Team: "Wir sind ja sehr tolerant, oder, Ilse?"
Fotos
Klaus Gigga

Sonst hören sie Chöre und Orchester. Doch für das Jugendmagazin "Spiesser" begeben sich Ilse, 69, und Sonja, 66, in die Welt von Beatbox und Loopstation. Sie schnaufen und knattern, solange die Puste reicht - und werden zu Fans von Underground-Musiker Konrad Küchenmeister.

Noch ist alles ruhig, Ilse und Sonja sitzen etwas verlegen lächelnd auf dem blauen Sofa. Ilses perfekt dazu passenden hellblauen Söckchen schauen unter ihrer Hose hervor.

Ilse: Ich bin wirklich neugierig, was der Konrad Küchenmeister uns heute beibringen wird. Der macht Musik, oder?

Sonja: Was? Müssen wir auch singen? Da sollten wir aufpassen, dass die Zähne nicht geflogen kommen.

Während Ilse und Sonja über ihren Witz lachen, schleppt Konrad, der Experte für elektronische Musik, eine Box und seine Loopstation Richtung Wohnzimmertisch. Die beiden Rentnerinnen schauen skeptisch.

Konrad: Das hier ist eine Loopstation: Damit kann man einzelne Beats und Geräusche aufnehmen, abspeichern und immer wieder abspielen. Das nennt man dann Loop.

Ilse: Das ist ja erstaunlich, die Möglichkeiten, die es heutzutage gibt. Wahnsinn! Ich habe ja auch mal Musik gemacht früher. Und das Gefühl dafür ist bis heute geblieben.

Sonja: Wir sind ja sehr tolerant, wenn es um Musik geht, oder Ilse? Wenn da in so einem Lied Bettina ihre Brüste einpacken soll, dann hören wir einfach weg. In unserem Alter stehen wir über den Dingen, wir kennen das ja schon alles.

Dann darf Sonja sich selbst ans Werk machen: Sie umfasst das Mikrofon mit beiden Händen, überspielt ihre Aufgeregtheit gekonnt mit dem aufgeregten Wippen ihrer Füße. Die ersten Beats aus dem Mund der 66-Jährigen: Fttt, Fttt.

Sonja: Das klingt ja eher wie eine Eisenbahn.

Tapfer pustet die engagierte Frau weiter ins Mikrofon - bis ein Hustenanfall sie zum Aufgeben zwingt.

Konrad: Wenn keine Luft mehr da ist und Ihnen leicht schwarz vor den Augen wird, dann bitte lieber aufhören.

Ilse: Ach, ich habe keine Angst, ins Koma zu fallen. Jetzt will ich auch mal.

Die Lippenlaute der Rentnerin klingen härter, als die ihrer Freundin: Sie scheint den Dreh raus zu haben. Doch dann ein fataler Fehler.

Ilse: Ihh, ich habe gespuckt.

Sonja: Das ist doch nun alles feucht, oder?

Konrad: Deshalb wechsle ich den Schaumstoff im Mikrofon oft aus. Aber eins ist klar: Wenn am Ende das ganze Mikrofon nass gespuckt ist, hat man etwas falsch gemacht.

Sonja: Naja, die Schweinegrippe ist ja inzwischen vorbei gezogen, oder?

Nachdem das Infektions-Risiko allgemein als gering eingeschätzt worden ist, geht es weiter.

Sonja: Der letzte Ton ist mir jetzt abgehauen. Das ist schon irgendwie schwierig zu koordinieren. Das geht so schnell.

Ilse: Obwohl wir Frauen doch eigentlich multitaskingfähig sind. Ich male zum Beispiel oft beim Telefonieren.

Inzwischen hat sich die Loopstation mit Oma-Beat gefüllt. Das Gerät ist längst zum Freund der Rentner geworden. Nicht mehr viel und unsere Damen haben einen richtigen Song beisammen. Ilse träumt von der Musikkarriere, zumindest von einem eigenen Lied. Allein aufgenommen! Sonja denkt derweil an die Verwandtschaft.

Sonja: Das schenke ich meinem Enkelkind!

Und wie sieht es mit den Zähnen aus - noch alle drin? Ilse beruhigt: Rausgebeatboxt hat sie sich keinen ihrer Zähne.

Ilse: Also wenn Sie mal wieder in der Nähe sind, Herr Küchenmeister, dann würde ich da gern auch einmal zu einem Ihrer Konzerte kommen! Wir Alten können nämlich auch aufdrehen. Egal ob mit 18 oder 80, da johlt man einfach mit, geht ab und tanzt!

Freudestrahlend bedanken sich Ilse und Sonja für den Crashkurs. Ihr pubertäres Bedürfnis, Autogramme zu verlangen, können sie unterdrücken.

Sonja: Also ich könnte mir schon auch vorstellen, dass wir das mit der Loopstation demnächst auch im Senioren-Treff mal ausprobieren.

Von "Spiesser"-Autor Rick Noack, 17

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Zur Person

Klaus Gigga
Konrad Küchenmeister, 1982 geboren, begann als Straßenmusiker in Berlin. Heute spielt er weltweit. Mit seiner Loopstation nimmt er Beatbox, Gitarre, Bass oder auch Digeridoo auf und versetzt sie in eine Endlosschleife.

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