Von Oliver Trenkamp
Sie klopfen sich auf die Schulter, die Erstplatzierten des neuen Schulvergleichs in Deutsch und Fremdsprachen, der das Bundesländerranking auf Basis der Pisa-Studien ersetzt. Bayern macht schulpolitisch alles richtig, das ist der Tenor bei der CSU. Ministerpräsident Horst Seehofer spricht gar von "eindeutiger Überlegenheit eines intelligent vernetzten Schulsystems" mit Haupt-/Mittelschule, Realschule und Gymnasium. Sein Kultusminister Ludwig Spaenle sieht "die Qualitätsstrategie im differenzierten Schulwesen im Freistaat" bestätigt.
Und der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, ebenfalls ein Bayer, sekundiert: Die bayerische Schulstruktur spiele eine wesentliche Rolle beim guten Abschneiden seines Bundeslandes. Besonders vorteilhaft findet er, dass Kinder schon nach der vierten Klasse auf die verschiedenen Schultypen aufgeteilt werden - so gebietet es die Tradition, an der Bayern ebenso festhält wie das benachbarte Baden-Württemberg. "In homogenen Lerngruppen lässt sich besser individuell fördern", sagte Kraus SPIEGEL ONLINE.
Kinder früh aufteilen, dreigliedriges Schulsystem mit der klassischen Trias Gymnasium, Realschule, Hauptschule - ist es so einfach? Und warum landen Schleswig-Holstein und Niedersachsen, mit ähnlichen Systemen und ebenfalls stark ländlich geprägt, nicht ähnlich weit vorn? Klar ist: Seit Jahren darf sich Bayern auch bildungspolitisch im "Mir san mir"-Gefühl sonnen, weil man bei Schulvergleichen stets Siegerplätze belegt. Stets sind in der Spitzengruppe auch Baden-Württemberg und Sachsen vertreten. Aber liegt das tatsächlich am Schulsystem?
Was läuft besser im Süden?
Dass es so einfach nicht ist, zeigte sich schon beim jüngsten Pisa-Vergleich der Bundesländer mit dem Schwerpunkt Naturwissenschaften. Auch damals waren sich die Kultusminister der Gewinnerländer einig: Ihr jeweiliges Schulsystem ist das beste überhaupt. Der damalige Spitzenreiter Sachsen erklärt seinen Erfolg unter anderem mit dem Verzicht auf den Schultyp Hauptschule - das zweitplatzierte Bayern hingegen mit seinem Festhalten eben daran.
Die Bildungsforschung tut sich traditionell schwer mit eindeutigen, simplen Antworten. Es ist nicht leicht zu beurteilen, warum Kinder unterschiedlich gut lesen, zuhören, Texte verstehen können. Liegt es an der Klassengröße, dem Schultyp, dem Lehrer - oder mehr an der Familie, der Herkunft, der persönlichen Eignung?
"Vielfältige Faktoren spielen eine Rolle", sagt Bildungsforscher Olaf Köller, einer der Autoren der aktuellen Studie. Einige Lehren zieht er dennoch aus der Untersuchung. Dazu gehört: "Die Schulstrukturen sind nicht von zentraler Bedeutung, um die Unterschiede zu erklären", sagte er SPIEGEL ONLINE. Damit widerspricht er den Jubelrufen aus der Politik. Ein Flächenstaat wie Bayern habe hingegen eine viel günstigere Ausgangsposition als etwa Berlin oder Bremen: weniger Arbeitslose, weniger Migranten, weniger Kinder aus sozial benachteiligten Familien.
"Das erzählt aber nicht die ganze Geschichte", sagt auch Köller. Es seien vor allem drei Dinge, die den Leistungsvorsprung Bayerns erklären:
All diese Punkte führt auch Lehrerverbands-Präsident Kraus an, sieht aber als mitentscheidenden Faktor, dass bayerische Kinder im Laufe ihrer Schulkarriere auf wesentlich mehr Unterrichtsstunden kommen als in anderen Bundesländern. Bildungsforscher Köller kann dafür jedoch keinen Beleg erkennen. Die Anzahl der Stunden und die Stofffülle spielen demnach eine untergeordnete Rolle. Das schließt er daraus, dass sich keine Leistungsunterschiede bei Gymnasiasten feststellen ließen, je nachdem, ob sie auf dem Weg zum Turbo-Abitur (G8) oder noch auf dem Weg zum althergebrachten Abi nach 13 Schuljahren sind.
Soziale Ungleichheit im Süden am stärksten
Uneingeschränkten Grund zu Champagnerstimmung haben die Spitzenreiter Bayern und Baden-Württemberg indes nicht. In beiden Ländern ist das soziale Bildungsgefälle der Studie zufolge besonders ausgeprägt. Akademikerkinder haben rund 6,5-mal so gute Chancen wie Facharbeiterkinder, auf dem Gymnasium zu landen. Den besten Wert erzielt Berlin (1,7), wo Kinder seit Jahrzehnten länger gemeinsam lernen und später sortiert werden - die Grundschule endet erst nach der sechsten Klasse.
Auf die "Probleme im Förderbereich" der Schüler aus bildungsfernen Schichten weist auch Studienautor Köller hin. Zuvor hatte bereits Deutschlands einflussreichster Bildungsforscher Jürgen Baumert, der die erste Pisa-Studie verantwortete, im SPIEGEL-Interview gesagt: "Unser großes Problem besteht darin, dass etwa 20 Prozent eines Jahrgangs das Mindestziel verfehlen: Sie verlassen die Schule ohne eine Basisausstattung für einen zukunftsfähigen Beruf."
Wie nach jeder großen Bildungsstudie, bei der eine Rangliste entsteht, interpretierten viele Beteiligte die Ergebnisse so, wie es in ihr politisches Konzept passt. So machte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Länder für die extremen Unterschiede im Bildungsniveau an deutschen Schulen verantwortlich. "Natürlich fragen sich Eltern in Brandenburg oder Bremen, warum die Schulen in ihren Ländern weniger leistungsfähig sind, denn ihre Kinder sind bestimmt nicht dümmer als die in anderen Teilen der Republik", sagte Schavan, einst baden-württembergische Kultusministerin, der "Rheinischen Post". Die Testsieger investierten kontinuierlich in Unterrichtsqualität und Lehrerausbildung. Andere Länder, so Schavans Vorwurf, führten "stattdessen Strukturdebatten, die zwar mehr Unruhe, nicht aber mehr Qualität ins Schulsystem bringen".
Die Opposition kritisierte den Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. SPD-Bildungsexperte Ernst Dieter Rossmann betonte, "das größte Problem des deutschen Bildungssystems ist und bleibt die soziale Selektivität". Zu vielen jungen Menschen werde ihr Recht auf Bildung vorenthalten. Zugleich würden damit dringend benötigte Potentiale für den Fachkräftenachwuchs verschenkt.
Schulrankings sind keine Bundesliga-Tabelle
Die Grünen-Bildungspolitikerin Priska Hinz erklärte, die Debatte, ob Süd oder Nord bessere Ergebnisse zeigen, seien "Scheingefechte". Zehn Jahre nach der ersten Pisa-Studie zeigten die Zahlen, dass der Bildungserfolg eines Kindes trotz aller Aktivitäten immer noch genauso von seiner sozialen Herkunft abhängt wie im Jahr 2000.
Auch die Linken-Politikerin Nele Hirsch sagte, aus Pisa seien die falschen Schlussfolgerungen gezogen worden. In Deutschland hänge der Bildungserfolg wie in kaum einem anderen Land von der sozialen Herkunft ab. Diese Entwicklung sei durch die Reformen der vergangenen Jahre noch verschärft worden. "Wir sind vom Ideal eines gebührenfreien Bildungssystems von der Kinderkrippe bis zur Hochschule weiter entfernt denn je", so Hirsch.
Kritik an den Ergebnissen kam auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Die Bildungsrepublik Deutschland bleibt eine Fata Morgana" und Chancengleichheit im deutschen Schulsystem ein Fremdwort, sagte GEW-Vorstandsmitglied Marianne Demmer. Fast zehn Jahre nach Pisa gebe es keine substantiellen Verbesserungen des deutschen Schulsystems, aus den vielen Leistungsvergleichen würden keine Konsequenzen gezogen. Die Politik müsse jetzt endlich energisch gegensteuern. Insbesondere mangele es an Personal und Mitteln für die individuelle Förderung. Demmer forderte ein gerechtes inklusives Schulsystem, in dem alle Kinder gemeinsam lernen und individuell gefördert werden.
DGB-Bildungsexperte Matthias Anbuhl sagte, es mache keinen Sinn, "das Länder-Ranking wie eine Bundesliga-Tabelle zu lesen". Die Schwächen des deutschen Schulsystems seien im internationalen Vergleich zu groß. Die enge Kopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft bleibe die Achillesferse des deutschen Schulsystems.
Die niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) und ihre rheinland-pfälzische Amtskollegin Doris Ahnen (SPD) sagten, es sei eine große Herausforderung, die Leistungsfähigkeit mit sozialer Gerechtigkeit in Einklang zu bringen. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten müssten verstärkt gefördert werden.
Mit Material von dpa und ddp
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Ich nehme mal an, er meinte das Recht, kostenlos den Hauptschulabschluss zu machen, z.B. an der VHS, was nicht identisch ist mit einem Anspruch auf einen Abschluss. Ich hoffe jedenfalls, das er es so gemeint hat mehr...
Blödsinn: Aufgrund der guten schulischen Leistungten und der starkenn Wirtschaft haben bayerische und baden-württembergische Schüler die besten Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Die schlechten Schüler des Nordens sind dagegen [...] mehr...
Damit würde sich die Hauptschule selbst überflüssig machen und könnte abgeschafft werden. Insofern ist diese Forderung mit anderen Forderungen aus dem linken Lager konsistent. mehr...
Zitat aus dem Link: "Im Mai 2008 hatte der damalige Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) einen Rechtsanspruch auf einen Hauptschulabschluss gefordert." Einen Rechtsanspruch auf einen Abschluss. Am besten einklagbar. [...] mehr...
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