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02.07.2010
 

Leiterin der Odenwaldschule

"Wir stehen vor einem Abgrund"

Von Matthias Bartsch und Markus Verbeet

Schulleiterin Kaufmann: Schwierige Suche nach der WahrheitZur Großansicht
DDP

Schulleiterin Kaufmann: Schwierige Suche nach der Wahrheit

Die Odenwaldschule blickt zurück auf ihre 100-jährige Geschichte - große Pädagogik und jahrzehntelanger Missbrauch eingeschlossen. In einer Jubiläumsschrift offenbart die Schulleiterin: Sie selbst hat die Vorfälle zunächst unterschätzt.

Als sie mit den Schrecken der Vergangenheit konfrontiert wird, will Margarita Kaufmann gerade zu Mittag essen. Die Leiterin der Odenwaldschule hat einen festen Tisch im Speisesaal des Internats, sie sitzt dort gemeinsam mit den Kindern aus ihrer Wohngruppe. Plötzlich taucht eine ehemalige Schülerin auf und kommt "mit großer Heftigkeit auf mich zu", erinnert sich Kaufmann. Die Ex-Schülerin ist von Männern geschickt worden, die hier als Kinder die Hölle erlebt haben.

Ihre Botschaft ist eindeutig: "Wir werden es nicht hinnehmen, wenn die Odenwaldschule das Thema erneut verharmlost oder gar verschweigt!"

Gemeint waren die fürchterlichen Geschehnisse an der reformpädagogischen Renommierschule, der massenhafte Missbrauch in früheren Jahren. Die ehemaligen Schüler sorgen sich, dass die Vorfälle beim anstehenden 100. Schuljubiläum vertuscht werden. Und sie sorgen dafür, dass genau dies nicht geschieht.

Die Konfrontation im Speisesaal vor anderthalb Jahren trägt dazu bei, dass die Schule sich ihrer Vergangenheit stellt und immer mehr Opfer ihr Schweigen brechen. Ab nächstem Mittwoch soll nun das Jahrhundert-Jubiläum gefeiert werden - oder genauer: Es soll begangen werden. Denn nach Feiern ist niemandem mehr zumute.

Zum Festprogramm zählen ein Vortrag und eine Podiumsdiskussion über "Sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen" sowie ein öffentliches "Hearing" unter dem einfachen Titel "Wahrheit". Wie schwierig sich aber die Suche nach der Wahrheit gestaltet, lässt sich aus der Festschrift herauslesen, die keine mehr sein darf. "100 Jahre Odenwaldschule - Der wechselvolle Weg einer Reformschule" lautet der schlichte Titel des Buchs, dessen Entstehung mit vielen Diskussionen verbunden war. Die Schrift liegt SPIEGEL ONLINE vor.

"Nicht totschweigen, aber auch nicht aufbauschen"

In dem Band schildert Margarita Kaufmann, Schulleiterin seit 2007, sehr offen, wie die Aufklärung verlaufen ist - und wie sie selbst die Vorfälle aus den siebziger und achtziger Jahren zunächst vollkommen unterschätzt hat. "Aus der Ferne betrachtet konnte es zunächst so erscheinen, als handele es sich um ein zwar dunkles, aber doch eher zu vernachlässigendes Kapitel in der hundertjährigen Geschichte", schreibt sie. Für das Jubiläum habe deshalb die Devise gegolten: "Also, nicht totschweigen, aber auch nicht aufbauschen."

Dann habe sich per Brief der ehemalige Schüler gemeldet, der sich schon 1998 an die damalige Schulleitung gewandt und das erste kleine Beben im Odenwald ausgelöst hatte. Nun stellt sich die Frage: Wie sollen die Vorfälle beim Jubiläum berücksichtigt werden?

Kaufmann fühlt sich nicht zuständig. Sie verweist den Briefeschreiber an den Lehrer, der die Feierlichkeiten koordiniert. Als sie sich beim Trägerverein nach den damaligen Geschehnissen erkundigt habe, sei sie beruhigt worden: Die Sache sei erledigt, "die Odenwaldschule habe ihre Hausaufgaben gemacht". So sei es bei der Vorbereitung der 100-Jahr-Feier nur noch um die Frage gegangen: "Wie können wir eine wenig appetitliche Geschichte zu einem Kapitel machen, das zu lesen nicht die Lust aufs Feiern nimmt?"

Nicht allen behagt der offensive Kurs der Schulleiterin

Erst nach dem Auftritt der Altschülerin im Speisesaal ändert sich die Lage, Kaufmann sieht nun immer klarer. Bei einem Frankfurter Psychologen sitzen sich schließlich Opfer und Vertreter der Schule gegenüber. "Im Laufe mehrerer aufeinanderfolgender Gespräche in Frankfurt und in meinem Büro wurde klar: Sexueller Missbrauch an der Odenwaldschule war kein Einzelfall und schon gar kein alleiniger Fehltritt des damaligen Schulleiters, sondern ein Teil des Alltags" etlicher Schüler, erinnert sich Kaufmann. "Als wäre eine Lawine losgetreten worden, meldeten sich immer wieder neue ehemalige Schüler bei ihren Mitschülern oder wurden von diesen angesprochen." Die Zwischenbilanz der Schulleiterin: "Wir stehen vor einem Abgrund, in den zu schauen uns Angst macht."

Ihr Bericht ist einer von mehr als 40 Beiträgen, die in der Festschrift versammelt sind. Längst nicht alle thematisieren den Missbrauch, viele beschäftigen sich mit den Verdiensten und Besonderheiten, die diese Schule so bekannt gemacht haben. Im Kapitel "Ein Jahrhundert Reformpädagogik" geht es etwa um die Tanzpädagogik an der Odenwaldschule ("Tanze, wie Du bist!") oder die Baugeschichte ("Keine 'gotische' Kaserne und kein Schloss"), beide Beiträge hat der Co-Herausgeber Alexander Priebe, der Leiter des Schularchivs, verfasst. Der Band zeichnet dadurch ein vielfältiges, differenziertes Bild einer Schule, die heute ebenso berühmt wie berüchtigt ist.

Nur an manchen Stellen wird deutlich, welche Spannungen innerhalb der Schule herrschen. Margarita Kaufmann, deren offensiver Kurs längst nicht allen behagt, klagt in ihrem Beitrag: "Kommentare, die denen ähneln, die man aus Gerichtsverhandlungen nach Vergewaltigungen hinlänglich kennt, kamen auch aus dem Mund ehemaliger Mitarbeiter." Wer missbraucht wird, ist selber schuld? In einer Fußnote berichtet sie: "Als 'Schnee von gestern' bezeichnete ein ehemaliger Mitarbeiter in einem Schreiben im Dezember 2009 die erneute Aufarbeitung der sexuellen Missbräuche an der Odenwaldschule, in dem die 'Kauffrau scharre' und damit die Odenwaldschule diffamiere."

Dass nun alles bekannt ist, was vorgefallen ist, glaubt niemand. Mehr als 40 Opfer haben sich gemeldet, mehr als zehn Lehrer werden beschuldigt. Die Taten sollen sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt haben. Margarita Kaufmann scheint zu erwarten, dass die Lawine noch weiterrollt: "Auch von Übergriffen auf junge Mädchen durch Lehrer wird berichtet, jedoch scheinen sich die Frauen (noch) nicht zu trauen, sich zu Wort zu melden und von ihren Erlebnissen zu berichten."

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Buchtipp

Margarita Kaufmann, Alexander Priebe (Hg.):

100 Jahre Odenwaldschule
Der wechselvolle Weg einer Reformschule.

Verlag für Berlin-Brandenburg; 424 Seiten; 26,90 Euro.

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