Misshandlungsverdacht bei Urchristen: "Die leben mit ihren Kindern in einer eigenen Welt"

Aus Deiningen berichtet Anna Kistner

Urchristen "Zwölf Stämme": Erziehung unter Schmerzen Fotos
RTL

Wurden Kinder auf Gut Klosterzimmern jahrelang systematisch verprügelt? Heimlich gedrehte Videoaufnahmen lassen daran kaum mehr Zweifel. Die Urchristen der "Zwölf Stämme" streiten die Vorwürfe nicht ab. Besuch in einer Parallelwelt im Nördlinger Ries.

Schaufeln und Eimer liegen im Sandkasten verstreut. Zwei leere Schaukeln baumeln im Wind. Ein Volleyballnetz haben die Anhänger der urchristlichen Gemeinschaft "Zwölf Stämme" mit einem rot beschrifteten Leintuch verhängt. "Yom Kippur ohne Kinder" steht darauf. Die Szenerie, vor der sich Annette Schüle, 49, und ihr Mann Klaus, 53, aufgestellt haben, soll zeigen, dass hier Unrecht geschehen ist.

Ein "Überfallkommando" habe ihre Kinder am Donnerstag mitgenommen, sagt Klaus Schüle. In den frühen Morgenstunden seien Jugendamtsmitarbeiter und Polizisten auf das Gut Klosterzimmern im westbayerischen Deiningen gekommen. Polizisten in Schutzwesten, mit Pistolen und Kampfstiefel hätten die Familien im Wohnzimmer zusammengetrieben. "Der Leiter des Jugendamts las vor, dass uns das Sorgerecht entzogen wurde", sagt Schüle. Dann seien die Mitarbeiter des Amtes langsam auf die Kinder zugegangen. "Unser 13-Jähriger zitterte vor Angst", sagt die Mutter mit Tränen in den Augen.

Was die radikalen Christen als Überfall beschreiben, heißt im Behördendeutsch Inobhutnahme nach vorläufigem Sorgerechtsentzug. Eine gut begründete Inobhutnahme, wie die Behörden meinen. Es gebe "glaubwürdige, konkrete und verwertbare Informationen" darüber, dass das "körperliche und seelische Wohl der Kinder nachhaltig gefährdet sein könnte".

Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung

Das Landratsamt Donau-Ries erklärte, man habe "neuerliche Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung" in der Urchristen-Gemeinde erhalten. Auch am zweiten bayerischen Standort der "Zwölf Stämme" nahe Ansbach holten die Behörden zwölf Kinder aus der sektenähnlichen Gemeinschaft.

Die "Zwölf Stämme" streiten sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit den Behörden. Zunächst ging es dabei um die Schulpflicht, weil die Urchristen ihre Kinder aus Angst vor Sexualkunde und Evolutionslehre von der Schule fernhielten. Vor rund einem Jahr kamen Vorwürfe auf, Kinder würden in der Gemeinschaft systematisch geschlagen, Züchtigung als normales Erziehungsmittel angesehen. Im August stellte die Staatsanwaltschaft Augsburg ihre Ermittlungen jedoch aus Mangel an Beweisen ein.

Nun lieferte offenbar ein Journalist neues, brisantes Material. Wolfram Kuhnigk, der sich bei den "Zwölf Stämmen" als vollbärtiger Sinnsucher vorstellte, lebte mit Unterbrechungen knapp zwei Wochen auf Gut Klosterzimmern. Was die Urchristen im Nördlinger Ries nicht ahnten: In mehreren sogenannten "Bestrafungsräumen" (Kuhnigk) im Keller des Guts installierte der verdeckte Reporter Kameras und Mikrofone.

"Gespenstische" Prügelszenen gefilmt

Eine Szene aus dem so entstandenen Material zeigt, was ein kleiner Junge dort erdulden musste: In einem schlecht beleuchteten Raum beugt sich das Kind mit heruntergelassener Hose noch vorne. Eine Frau schlägt mit einer Rute mehrmals hart auf den Po des Kindes. Ein weiterer Junge steht daneben.

Mehr als 50 solcher Schläge habe er gefilmt, sagt Reporter Kuhnigk SPIEGEL ONLINE. Die Szenen seien "gespenstisch", sagt ein Redaktionsmitglied der Sendung "Extra - das RTL-Magazin", in der der ganze Beitrag am Montag um 22.45 Uhr zu sehen sein soll. Die Züchtigungen liefen so ruhig und routiniert ab, als seien die Kinder daran gewöhnt.

Kuhnigk erklärt, im Jargon der "Zwölf Stämme" würden die Kinder durch die Schläge "gereinigt" und "vom Teufel befreit". Schläge würden ständig und aus unterschiedlichen Gründen fällig. Es reiche schon, wenn ein Kind im Unterricht nicht aufpasst. Das "Recht zu korrigieren" habe jedes getaufte und damit erwachsene Mitglied der Glaubensgemeinschaft. Es gebe zwar Mitglieder, die ihre Kinder liberal erziehen wollen, eine "allgegenwärtige, gegenseitige Kontrolle, ein auf Einschüchterung gebautes, totalitäres Bespitzelungssystem" mache es aber unmöglich, einen eigenen Willen zu leben, sagt Kuhnigk.

Seine Belege zeigte der Journalist vor etwa drei Wochen dem Jugendamt in Donauwörth. Es alarmierte das Amtsgericht Nördlingen, das den Fall nun aufrollt und die Kinder abholen ließ. Und auch die Ermittlungsbehörden sind nun wieder am mutmaßlichen Misshandlungsfall Gut Klosterzimmern interessiert: Christian Engelsberger, Sprecher der Augsburger Staatsanwaltschaft, sagte der Zeitung "Augsburger Allgemeine", seine Behörde ermittle "wegen Misshandlung Schutzbefohlener und gefährlicher Körperverletzung", zunächst gegen Unbekannt. Bei einer Durchsuchung seien "Stöcke und Ruten gesichert" worden. Außerdem habe man "Räume gefunden, bei denen der Verdacht besteht, dass dort Misshandlungen stattgefunden haben". Die Ausstattung lege diesen Schluss nahe.

"Harmlose, liebe Menschen"

Als im Frühsommer die ersten Prügelvorwürfe aktenkundig wurden, hatten es die "Stämme"-Mitglieder mit einer Charmeoffensive im Ort Deiningen versucht. "Bestimmt haben Sie uns und unsere Kinder öfters durchs Dorf schlendern sehen. Welches Bild haben Sie von unseren Kindern? Sehen Sie deren Wohl als gefährdet an?", fragten sie in einer Stellungnahme auf der Internet-Seite der "Twelve Tribes".

Bei der nahe gelegenen Metzgerei in Deiningen hat die offenbar verfangen. Auch nach der Polizeiaktion vom Vortag heißt es dort, die Anhänger der "Zwölf Stämme" seien "harmlose, liebe Menschen". Die Frau an der Kasse sagt: "Die leben mit ihren Kindern in ihrer eigenen Welt." Dass in der heilen Welt in Klosterzimmern - zwischen grünen Feldern, geranienbehängten Balkonen und friedlich grasenden Kühen - ein Prügelregiment herrschen soll, kann sich hier keiner vorstellen.

Auf die direkte Frage, ob ihre Kinder geschlagen würden, sagen Klaus und Annette Schüle, das wollten sie nicht kommentieren. Keine Bestätigung, aber auch keine Widerrede. Vorwürfe gegen ihre Gemeinschaft würden von einem ehemaligen Mitglied als "Racheaktion" organisiert. Rache für was? Die Schüles schauen stumm auf den Boden. Keine Antwort.

"Wir sind als Sektenmitglieder abgestempelt. Uns glaubt man eh nicht", sagen sie stattdessen. "Wir lieben unsere Kinder. Ihr Willen wird in Klosterzimmern nicht gebrochen", sagt die Mutter. Vor einem Jahr habe ein Amtsarzt ihre sechs Kinder untersucht und keine Verletzungen feststellen können. Ihre Kinder seien glücklich, nur ein Sohn habe aus freier Überzeugung die Glaubensgemeinschaft verlassen.


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Mitarbeit: Christoph Titz, Frauke Lüpke-Narberhaus

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insgesamt 220 Beiträge
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1. würde sich ein Gott...
interessierter Laie 08.09.2013
Anhänger wünschen, die ihn nur anbeten, weil ihnen sonst höchst weltliche Konsequenzen drohen und man sie dumm hält wie kleine Hunde? das ist doch wie ein Bekenntnis mit vorgehaltener Pistole. So etwas passt eher zu weltlichen Despoten. irgendwie scheinen die ein anderes Buch gelesen zu haben als ich!
2. Stummer Schrei
Whiteberry 08.09.2013
Denn sie wissen nicht, was sie tun.
3. Wie schon
juttakristina 08.09.2013
neulich im Fall der hessischen Familie gesandt - richtig so! Ich weiß schon, einige werden sich auf den weinenden 13jährigen stürzen und wie sehr ihn und die anderen Kinder das traumatisiere. Natürlich! Die Kinder kennen es doch nicht anders und haben selbstverständlich Angst! Man möge sich auch daran erinnern, wie zu großen Teilen misshandelte Frauen (ja, ich weiß, es gibt auch misshandelte Männer) den prügelnden Partner entschuldigen, auch der geprügelte Hund hängt an Herrchen, das ist ein Überlebensinstinkt. Deshalb kann man das noch lange nicht hinnehmen. Dazu kommen noch die Defizite eines Unterrichts, der auf der Bibel basiert. Es war richtig, die Kinder da rauszuholen! Sicher haben die Eltern Religionsfreiheit, aber sie haben die ihrer Kinder missachtet. Und Kinder sind kein Eigentum der Eltern.
4. Und noch was:
radioactiveman80 08.09.2013
Bevor jetzt die ganzen Gutmenschen anfangen, die Religionsfreheit zu huldigen: wenn jeder im Namen der "Religionsfreiheit" diese Bildungsverweigerung durchziehen dürfte, würde DEU im Jahre 2050 von einer durchgeknallten, Namentanzenden Horde weltfremder Freaks bevölkert, die unseren Wohlstand systematisch vernichtet haben und dann unseren Enkeln mit Stockschlägen ihr krankes Weltbild einprügeln. No, thanks!!
5. diese Spinner
Luna-lucia 08.09.2013
Zitat von sysopRTLWurden Kinder auf Gut Klosterzimmern jahrelang systematisch verprügelt? Heimlich gedrehte Videoaufnahmen lassen daran kaum mehr Zweifel. Die Urchristen der "Zwölf Stämme" streiten die Vorwürfe nicht ab. Besuch in einer Parallelwelt im Nördlinger Ries. "12 Stämme": Urchristliche Sekte sieht sich verfolgt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/12-staemme-urchristliche-sekte-sieht-sich-verfolgt-a-920843.html)
gehören samt und sonders in die Klapse! Mit unseren drei dimensionalen Fähigkeiten, einen "Gott" begreifen zu wollen - verrückt - wie in den meisten Religionen - außer tief meditierenden Menschen. Aber diese haben ein Wissen, ohne irgendeinen einen religiösen Schwachsinn glauben zu müssen ...
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Polizeieinsatz bei "Zwölf Stämmen": Kinder hinter Klostermauern

"Zwölf Stämme" - Urchristen aus den USA
Die Bewegung der "Zwölf Stämme" entstand in den siebziger Jahren in den USA. Weltweit hat die Glaubensgemeinschaft, die sich auf das Urchristentum beruft, gut 60 Gemeinden, die meisten in den USA unter dem Namen "The Twelve Tribes". Kritiker sehen in der Gemeinschaft eine Sekte, die straff hierarchisch und patriarchalisch organisiert ist. In Deutschland leben drei "Zwölf-Stämme"-Kommunen, außer der auf Gut Klosterzimmern bei Nördlingen (Bayern) gibt es eine weitere im ländlichen Wörnitz bei Ansbach (Bayern). Immer Sommer 2013 zog ein Teil der Gemeinschaft nach Dolchau (Sachsen-Anhalt). Seit mehr als zehn Jahren widersetzen sich die "Zwölf Stämme" immer wieder der Schulpflicht, sie bestehen auf Heimunterricht. Die Genehmigung für eine eigene Schule auf Gut Klosterzimmern wurde ihnen im Sommer 2013 entzogen.
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USA: Politisches Asyl statt Schulpflicht


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