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Abendeinsätze von Jungprofis: Draxlers Nachttor wird zum Präzedenzfall

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Der Siegtreffer im Pokalspiel gegen Nürnberg machte Schalkes Julian Draxler zum Fan-Idol - doch durfte der 17-Jährige zu später Stunde überhaupt arbeiten? Ein Berufsschullehrer will das von der Gewerbeaufsicht wissen. Die Frage klingt absurd, aber selbst die Vereine wissen die Antwort nicht.

Schalke-Spieler Draxler: Zu später Stunde noch im Job Zur Großansicht
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Schalke-Spieler Draxler: Zu später Stunde noch im Job

Julian Draxler bekam den Ball, er zog in die Mitte, düpierte seinen Gegenspieler mit einem Übersteiger, schoss auf das Tor, Entfernung rund 22 Meter. Nürnbergs Torwart hob ab, streckte sich, alles umsonst - der Ball passte genau. Es war kurz vor 23 Uhr, Verlängerung im Pokal-Viertelfinale zwischen Schalke und Nürnberg. Draxler schoss das 3:2, Schalke war weiter, Draxler der Held, ein Junge von 17 Jahren.

In Paragraf 14 des Jugendarbeitsschutzgesetzes steht unter der Überschrift "Nachtruhe": "Jugendliche dürfen nur in der Zeit von 6 bis 20 Uhr beschäftigt werden." Ausnahmen sind erlaubt: für Bäckereien und Konditoreien, für "mehrschichtige Betriebe", für das "Gaststätten- und Schaustellergewerbe" - Profisport wird nicht erwähnt.

Hat Schalkes Trainer Felix Magath in den vergangenen Wochen also nicht nur die Schulpflicht für seinen Jungstar aus den Augen verloren, sondern auch das Jugendarbeitsschutzgesetz?

Die Frage klingt absurd: Dürfen Jungprofis wie Draxler eigentlich gar nicht eingesetzt werden in Abendspielen? Hört man sich jedoch um, bei Vereinen, in den Kommunen, bei der Deutschen Fußball Liga, bekommt man überraschende Antworten - oder besser: keine echten Antworten.

"Der Fall Draxler ist nur die Spitze des Eisbergs"

Der Erste, der die Sache anging, war ein Bochumer Berufsschullehrer. "Draxlers Einwechslung war nach 22 Uhr, da gilt meines Wissens nach ein besonderer Schutz für Jugendliche", sagt Hans Zimmermann SPIEGEL ONLINE. Er fragte bei der Gewerbeaufsicht an, auf welcher rechtlichen Grundlage Julian Draxler zum Einsatz kam. Die Frage stellt sich nicht nur beim Pokalspiel gegen Nürnberg, sondern auch beim Revierderby zwischen Schalke und Dortmund am vergangenen Freitag. Da lief Draxler um 22:12 Uhr aufs Spielfeld. Und natürlich ist er nicht der erste und einzige Jungprofi unter 18 Jahren, der im Flutlicht zum Einsatz kam.

Ihm gehe es nicht um den Fall Draxler, sagt Zimmermann. Ihm gehe es um das generelle Problem, dass Unter-18-Jährige von ihren Arbeitgebern am Gesetz vorbei eingesetzt werden: "Viele machen Überstunden, die stehen unter Druck und haben Angst. Dann arbeiten sie mehr als 40 Stunden pro Woche und müssen außerhalb der gesetzlich erlaubten Zeiten ran", berichtet der Berufsschullehrer von seinen Erfahrungen. "Der Fall Draxler ist nur die Spitze des Eisbergs."

Dem Jungprofi wolle er keinesfalls die Karriere verhageln, aber grundsätzlich geklärt werden müsse das schon, findet der 52-Jährige, der übrigens "wenn überhaupt, dann Köln-Fan" ist: "Ist der Jugendarbeitsschutz so wichtig, dass er auch für den Profifußball gilt?" Sollte es dort Ausnahmen geben, dürfe man sich auch nicht wundern, wenn es in anderen Wirtschaftszweigen zu Nachahmeffekten kommt.

Kein Präzedenzfall bekannt

Was meint die Gewerbeaufsicht? "Bei uns ist diese Anfrage noch nicht angekommen", sagt Ulla Lütkehermölle von der zuständigen Bezirksregierung in Münster. Einen Präzedenzfall in dieser Richtung gebe es nicht, auch keine generellen Absprachen mit Schalke 04: "Unsere Abteilung für Arbeitsschutz muss das jetzt erstmal prüfen."

Ein Fall, der so skurril wie unklar ist. Nicht nur die Gewerbeaufsicht hat keine Antwort. Von der Deutschen Fußball Liga gibt es nur den Hinweis, "dass grundsätzlich die Vereine dafür verantwortlich sind, die einschlägigen gesetzlichen Regelungen einzuhalten". Ebenso der Deutsche Fußball-Bund: "Der DFB kann dies nicht regeln und insbesondere auch keine generelle Genehmigung erteilen." Die Voraussetzungen müssten die Vereine jeweils selbst prüfen, da es sich um ihre Vertragsspieler handelt.

Und was sagen Juristen? Sebastian Gutknecht, Rechtsanwalt bei der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutzrecht Landesstelle NRW, kann erst einmal nur mit den Schultern zucken. Denn das Gesetz sei "über 30 Jahre alt und passt nicht immer in die neue Zeit": Die Arbeit unter Tage oder die Ausbildung beim Bäcker sei da zwar geregelt, aber nicht der Leistungssport. "Vom Bauchgefühl her würde ich sagen, dass das eher kein Fall für den Jugendarbeitsschutz ist", sagt Gutknecht, denkt kurz nach und erklärt dann, dass man bei jungen Leistungssportlern üblicherweise von einer freiwilligen Tätigkeit ausgehe. "Dem würde dann doch ein Arbeitsvertrag widersprechen, der den Profi verpflichtet, an allen Spielen teilzunehmen, also auch am Abend."

Der Fall Draxler bleibt unklar.

"Es wäre schön, wenn das einmal geklärt würde"

Was meint Draxlers Berater von der Rogon Sportmanagement GmbH? "Wenden Sie sich am besten an Schalke 04."

"Genau wissen wir es nicht", sagt Rolf Dittrich, Sprecher von Schalke 04. Es habe bisher keinen Anlass gegeben, sich damit zu befassen. "Wir karren hier ja keinen Bus voller 15-Jähriger nachts zum Stadion, damit sie Karten abreißen." Ein Mitarbeiter der Schalker Rechtsabteilung sei der Ansicht, sagt Dittrich, dass für die Jungprofis eine Ausnahmeregelung greife, die es Jugendlichen erlaubt, bis 23 Uhr zu arbeiten.

Ähnliches hört man vom Erzrivalen Dortmund. "Unser Hausjurist glaubt, dass ein Fußballspiel unter die Ausnahmeregelung für künstlerische Aufführungen des Paragrafen 14 fallen könnte", sagt Borussia-Sprecher Josef Schneck. Tatsächlich ist es Jugendlichen erlaubt, bei "Musikaufführungen, Theatervorstellungen und anderen Aufführungen (...) gestaltend mitzuwirken". Doch selbst wenn ein Fußballspiel hierunter fiele: Um 23 Uhr müsste Schluss sein - zum Elfmeterschießen sollte es also möglichst nicht kommen, zumindest aus Draxlers Sicht.

"Wir haben uns mit so einem Fall noch nie auseinandergesetzt", sagt Schneck. "Es wäre schön, wenn das einmal verbindlich geklärt würde."

Den von Draxler aus dem Pokal geschossenen 1. FC Nürnberg überrascht die Frage nach der arbeitsrechtlichen Grundlage des Tors nicht. "Etliche Fans haben uns per Mail schon darauf aufmerksam gemacht", sagt Nürnbergs Pressesprecherin Katharina Wildermuth. Für den FCN sei das Thema jedoch "nur eine kuriose Randnotiz", rechtliche Schritte seien nicht geplant: "Wir akzeptieren sportlich und fair, dass wir diesen Wettstreit verloren haben."

Schalke kann aufatmen.

Trotzdem könnte das Jugendarbeitsschutzgesetz noch Folgen für Felix Magath haben. Da heißt es nämlich zu Nachteinsätzen: "Nach Beendigung der Tätigkeit dürfen Jugendliche nicht vor Ablauf einer ununterbrochenen Freizeit von mindestens 14 Stunden beschäftigt werden."

Im Klartext: "Quälix" darf Julian Draxler nach einem freitäglichen Bundesligaspiel frühestens am Samstagmittag um 12.15 Uhr zum Straftraining zitieren - oder zum Auslaufen. Und Paragraf 31 könnte ihn auch interessieren: Dort geht es um das "Züchtigungsverbot".

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1. Wow...
egils 11.02.2011
...so eine Diskussion gibt es nur in Deutschland, oder? :-) naja, vieleicht sollte man dann auch mal die messdienr in dfer Kirche untersuchen die bei mtternachtsmessen, auch an Heliigi Abend, zum Einsatz kommen...die werden nicht mal bezahlt:-) Mal ehrlich...ich denke schon das Sport-Profi's eine Ausnahme darstellen, vor allem wenn die taetigkeit freiwillig ist! man muss auch mal die kirche im Dorf lassen können...
2. Schulpflicht
Ophbernd 11.02.2011
Die Schulpflicht endet mit der 9. oder 10.Klasse, je nach Bundesland. Herr Draxler ist 17, damit ist er wahrscheinlich nicht mehr schulpflichtig.
3. Abwärts
Gegengleich 11.02.2011
Zitat von egils...so eine Diskussion gibt es nur in Deutschland, oder? :-) naja, vieleicht sollte man dann auch mal die messdienr in dfer Kirche untersuchen die bei mtternachtsmessen, auch an Heliigi Abend, zum Einsatz kommen...die werden nicht mal bezahlt:-) Mal ehrlich...ich denke schon das Sport-Profi's eine Ausnahme darstellen, vor allem wenn die taetigkeit freiwillig ist! man muss auch mal die kirche im Dorf lassen können...
Wenn man auch die Kirche in Ihrem Dorf gelassen hätte, so wären Sie sicher darüber informiert, daß Meßdiener ehrenamtlich tätig sind. Ich denke, da ist der Fall etwas anders gelagert als bei Erwerbsarbeit. Ich schlage im beschriebenen Fall vor, das Fußballspiel nicht unter "Musikaufführungen, Theatervorstellungen und anderen Aufführungen (...) " laufen zu lassen, sondern als Schaustellergewerbe. Dann gibt's in Stuttart bald eine neue Stellenanzeige:"Junger Mann zum mitfahren (abwärts) gesucht"
4. ....
DorianH 11.02.2011
Zitat von egils...so eine Diskussion gibt es nur in Deutschland, oder? :-) naja, vieleicht sollte man dann auch mal die messdienr in dfer Kirche untersuchen die bei mtternachtsmessen, auch an Heliigi Abend, zum Einsatz kommen...die werden nicht mal bezahlt:-) Mal ehrlich...ich denke schon das Sport-Profi's eine Ausnahme darstellen, vor allem wenn die taetigkeit freiwillig ist! man muss auch mal die kirche im Dorf lassen können...
das war auch mein erster gedanke..... und schalke könnte damit sogar wiederholungstäter sein. um wieviel uhr war das damals noch, schalke gegen bayern, als ein olaf thon drei buden zum 6-6 beisteuerte? herr berufsschullehrer, übernehmen Sie! da muß eindeutig ein sumpf trockengelegt werden! was wären wir nur ohne bürokraten....
5. ...
stephenmaturin 11.02.2011
Zitat von egils...so eine Diskussion gibt es nur in Deutschland, oder? :-) naja, vieleicht sollte man dann auch mal die messdienr in dfer Kirche untersuchen die bei mtternachtsmessen, auch an Heliigi Abend, zum Einsatz kommen...die werden nicht mal bezahlt:-) Mal ehrlich...ich denke schon das Sport-Profi's eine Ausnahme darstellen, vor allem wenn die taetigkeit freiwillig ist! man muss auch mal die kirche im Dorf lassen können...
Das Gesetz ist zum Schutze der arbeitenden Jugend gemacht. Messdiener ist kein Beruf, keine Arbeit im Gesetzessinne. Das Gesetz greift nicht. In den meisten Bundesländern endet die (Berufs-)Schulpflicht mit 18. In NRW (Schalke!) gilt lt. Wikipedia: Berufsschul- oder Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr, bei Beginn einer dualen Ausbildung vor dem 21. Lebensjahr auch über das 18. Lebensjahr hinaus (§§ 37,38 SchulG NRW)
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Pokal-Duell auf Schalke: Draxler und sein Schuss ins Glück


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