Von Lisa Zimmermann
Es begann beim "Winterfest der Volksmusik". In der ARD-Sendung Anfang des Jahres erlebten die Zuschauer ein sonderbares Intermezzo: Da wirbelten plötzlich drei attraktive junge Männer über die Bühne, zeigten Hampelmann-Sprünge, klatschten zu stampfenden Beats enthusiastisch mit den Händen und riefen: "Kedeng, Kedeng!" Die Halle bebte vor Begeisterung.
"Kedeng, Kedeng" war für das Trio "Zipfelbuben" der Durchbruch - sie schafften es damit in die Top 50 der Single-Charts.
Nun sind die Zipfelbuben die neuen Stars einer Szene, die nicht gerade im Verdacht des Jugendwahns steht. Ihr Rezept: Volksmusik plus Partybeat vom Ballermann mit deutschem Text. "Kedeng, Kedeng klingt unser Kuss / und mit Warten ist jetzt Schluss. Kedeng, Kedeng, du bist nicht mehr allein."
Was sind das für Leute, die so etwas tun? Warum ziehen sich drei junge Berliner Trachten an, machen krachlederne Musik und singen Texte, für die sich Gleichaltrige fremdschämen?
"Weil es Spaß macht", sagen die Zipfelbuben. "Weil wir eine neue Nische für uns besetzt haben."
Ballermann für die Generation 65 plus
Ein durchgestyltes Café am Hackeschen Markt in Berlin, mit viel Weiß, viel Stahl und hellen Ledermöbeln. Ebenso schnieke sehen die beiden jungen Männer aus, die in einer der Ledernischen sitzen und Latte Macchiato trinken. Die Frisuren sind mit reichlich Gel kunstvoll hochgezwirbelt, um die Hälse baumeln Ketten mit Kreuzanhänger, dazu Jeans, Hemd, Sakko.
Florian Flesch, 26, ist der Typ, von dem pubertierende Mädchen schwärmen: feine Gesichtszüge, lange dunkle Wimpern. Timo Schulz, 29, hat seine Freundin mitgebracht, ein Mädchen mit langen blonden Haaren und einem knappen Top. Florian und Timo plaudern angeregt, charmant und zuvorkommend.
In Zukunft werden viele es ihnen gleichtun, sagen die Zipfelbuben. Der Moderator der Volksmusikabende in der ARD, Florian Silbereisen, ist selbst erst 25. Deutschlands Großmütter lieben ihn, so wie sie nun auch die Zipfelbuben lieben.
Dass sich viele Gleichaltrige wegen der Texte, der Choreographien, des gesamten Auftritts gruseln, davon will Timo Schulz nichts wissen. "Es wäre ja auch blöd, jemanden, der die Strokes oder Franz Ferdinand hört, für unsere Musik interessieren zu wollen. Viele tun so, als ob Volksmusik eine Krankheit ist."
Timo sieht in der Musik der Zipfelbuben ein Crossover aus Pop und Volksmusik. Sie nennen es Volkspop. Die Zipfelbuben beteuern zwar, ihre großen Vorbilder seien Boygroups wie die Backstreet Boys oder gar Songwriter wie Xavier Naidoo. Aber wenn Erfolg und Geld locken, sind musikalische Idole schnell vergessen. "Als Musiker muss man offen für alles sein. Ich will die Leute begeistern, egal mit welcher Musik, ich hab da Bock drauf", sagt Florian, der nach der Schule zunächst eine Lehre beim Schlüsseldienst seines Vaters gemacht hat. "Natürlich ist das Unterhaltungsmusik. Wir wollen unterhalten."
Wer in der hart umkämpften Szene Karriere machen will, muss Opfer bringen, und auf ein bisschen Erfolg haben die Zipfelbuben lange gewartet. Vor fünf Jahren lernten Timo Schulz und Florian Flesch sich in einer Karaokebar kennen, in der sie viel Zeit verbrachten. Florian nahm vor Jahren eine Single auf, eine Elektropop-Coverversion von "Right Here Waiting For You" von Richard Marx. Ein Flop. Auch Timo versuchte sein Glück in verschiedenen Bands, schickte Demos aus dem eigenen Tonstudio an Plattenfirmen. Ohne Erfolg. Bis vergangenes Jahr tingelten Florian und Timo als Duo namens Kleistpark durch Brandenburger Einkaufscenter.
"Manche denken: Was machen die drei Idioten da?"
Der Durchbruch gelang Ende 2005, als die beiden zusammen mit ihrem dritten Mann Dirk Ostermann, 30, aus Köln wieder ein Demoband aufnahmen. Diesmal war es eine Version eines holländischen Partykrachers mit eigenem Text. Die CD schickten sie an Warner Music. Und der für den Künstler-Nachschub zuständige "Artists and Repertoire Director", der auf frühere Kostproben von Timo und Florian nicht mal reagiert hatte, war plötzlich begeistert.
Dann ging alles sehr schnell. "Kedeng, Kedeng" wurde die erste Single der Zipfelbuben. Den zugehörigen Tanz brachten sie den "Big Brother"-Containerinsassen bei; neben zwei Auftritten bei Florian Silbereisen waren sie auch bei den "Ballermann Hits" auf RTL 2 zu sehen. Die Vermarktung der Buben als frischer Wind für die Volksmusik - es funktionierte plötzlich, irgendwie. "Natürlich wissen wir, dass manche denken: Was machen denn die drei Idioten da?", sagt Florian. "Aber wir stehen voll hinter unserer Musik, wir müssen uns nicht verstellen. Das ist für uns eine Riesenchance."
Nicht alle Freunde verziehen den Zipfelbuben ihre seltsame Verwandlung. Im Forum ihrer Homepage äußert sich eine angebliche Ex-Freundin: Der gesamte Auftritt sei nur Show, um endlich Erfolg zu haben, um über die Volksmusikschiene in die Charts zu kommen. Timo kennt die Beiträge im Forum, "aber so was kriegen wir sonst nicht vorgeworfen. Ich weiß auch nicht, was die für ein Problem hat."
Auf das Winterfest folgte das "Sommerfest der Volksmusik", und im Januar 2007 brechen die Zipfelbuben zur Tournee mit Florian Silbereisen auf. Mehr als 50 Auftritte allein im Frühjahr sind geplant. Mit dem Jungmoderator verstehen sie sich prächtig, mit dem könne man "super einen drauf machen" nach den Shows. Überhaupt, bei den Aftershow-Partys der Volksmusik gehe es ziemlich wild her, da könnten sich andere was abschneiden, sagen die Zipfelbuben. Und wenn trotzdem noch jemand sagt, sie seien der Spott der Nation? "Dann denke ich: Lass ihn reden", sagt Florian.
Die neue Zipfel-Single heißt "Der Teufel und der junge Mann" und ist die Cover-Version eines Schlagers von Paola Felix aus dem Jahr 1981. Statt Aufmerksamkeit von "Rolling Stone", "Spex", "Intro" oder "Groove" darf es für diesen Kracher eine Rezension im "Echo der Frau" sein. Und an Stelle junger weiblicher Boygroupies schmachten vor der Bühne Omis über 70: Die finden die Musik der Zipfelbuben fetzig.
Fan ist Fan, so einfach ist das. "Hauptsache, man hat überhaupt welche", sagt Timo.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Abi - und dann? | RSS |
| alles zum Thema Volksmusik | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH