10. Mai
Eine Nacht noch, dann schreibe ich Abitur.
Lernen hilft jetzt auch nichts mehr. Gepaukt habe ich genug in den letzten Wochen. Hin und wieder habe ich mich mit Mitschülern zum "Lernen" getroffen. Wir nannten das unseren "Abitrainingszirkel". Unsere Arbeitsmaterialien: eine Maß Bier für jeden, zwei Laib Brot, Emmentaler Käse und Meerrettich. Als Bibliothek diente ein Biergarten. Es war Sommer im April, Philipp verkündete "Komasaufen" für die Zeit nach dem Abitur, Krüge klirrten - und wir stießen ernst darauf an.
4. Mai
Sprung zurück: In den letzen Stunden, die ich als Schüler des Deutsch-Leistungskurses erleben darf, strafft Oberstudienrat Franze sein Jacket, faltet die Hände und beginnt zu reden. Alles wie immer also. Ich straffe mich innerlich. Franze predigt, dass es vor, während und nach den Abitur-Prüfungen auf "das rechte Maß" ankomme. Er meint damit: Ein Glas Wein ist okay, Komasaufen nicht. Philipp unterdrückt ein Gähnen.
In Geschichte frage ich Herrn Ullmann nach einem guten Rat fürs Abi. Herr Ullmann war früher ein Revoluzzer, heißt es. Wenn er lächelt, zieht er immer nur einen Mundwinkel nach oben. Er bekommt dadurch etwas verschmizt-Jungenhaftes.
Also, Herr Ullmann, was raten Sie mir? "Wenn ich mal meinen Sohn zitieren darf", sagt Ullmann und zieht plötzlich beide Mundwinkel nach oben: "Bleib geschmeidig!"
6. Mai
Geschmeidig bleiben? Ich werde immer nervöser. Zwei Wochen vor dem Abi entschied ich mich zur Kurz-vor-Schluss-Power-Paukerei. Das Ende des Deutschen Kaiserreichs, Goethes Faust, Stochastik - alles rein damit. Klüger oder gebildeter macht das nicht. Aber darum geht es auch nicht. Ich muss mein Instant-Wissen in den Prüfungen auskotzen - das ist alles.
10. Mai
Morgen früh also werde ich zur Schule gehen, so wie ich das die letzen 13 Jahre gemacht habe. Mit einem kleinen Unterschied: Morgen beginnt in Bayern das Grundkurs-Abi. Ich schreibe
Mathe. Die erste von vier Prüfungen - danach bin ich
raus aus der Schule. Für immer. Eine verrückte Vorstellung.
Gestern habe ich von Bernoulli-Ketten geträumt. Mit Bernoulli-Ketten lassen sich Wahrscheinlichkeiten berechnen, sie sind ein wesentlicher Teil der Stochastik, und ich werde im Abi an ihnen kaum vorbeikommen. Schlafwandelnd habe ich zu Taschenrechner und Bleistift gegriffen. Dann bin ich aufgewacht.
Ich hoffe, es war das letzte Mal, dass ich von Bernoulli geträumt habe.
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