Ich wache Punkt halb acht auf - mein innerer Wecker, auf den zumeist kein Verlass ist, funktioniert heute. Als ich ins Bad schlurfe, erinnere ich mich, dass ich gestern der Gruppe "Nachm Abi geh ich erst mal kacken" bei SchülerVZ beigetreten bin. Ich tue es schon vorher. Dann dusche ich und denke über die psychische Wirkung des Abiturs nach.
Vor einem Jahr war das Abitur noch riesig. Aber wie ein gigantischer Luftballon voll heißer Luft schnurrte der Ballon Abitur bald auf die Größe einer längeren Klausur zusammen. Das Abitur ist ein Scheinriese. Aus der Ferne riesengroß, von Nähe betrachtet erstaunlich klein.
Ich frühstücke mit meinen Eltern. Alles wie sonst. Heute fährt mich mein Vater in die Schule. Das ist neu.
Der Raum ist sauber, hell und karg, die Tische sind geometrisch perfekt angeordnet und tragen Platznummern. Der Schüler ist eine Nummer. Ich bin die letzte Nummer - 24 - und setze mich an Tisch 24, der hinten rechts im Eck am Fenster steht. Florian, das Mathegenie, sitzt an Tisch 1. Chris, der in Mathe bisher nur durch Abwesenheit geglänzt hat, aber an Tisch 2. Auf das Prinzip, das hinter dieser Sitzplatzverteilung steht, komme ich nicht. Ich blicke aus dem Fenster und sehe eine im Wind schwankende Kiefer. Alles ist so grün und warm da draußen. Unsere Mathelehrer lächeln viel. Ich bin mir nicht sicher, ob zur Aufmunterung oder aus heimlichem Sadismus.
Der Abiturient, ein Tier auf der Jagd oder Flucht
Punkt neun Uhr ist es schlagartig still. Das Abitur beginnt. Die Ruhe steckt jedoch voller Spannung, die sich dehnt, spannt, biegt, krümmt, verdichtet und den Raum wie ein Spinnennetz durchzieht, leicht erbeben und erschaudern lässt. Allmählich setzt der Geräuschpegel wieder ein. Ein Hüsteln, das dezente Rascheln von Papier, das meist störend laute Knacken eines Taschenrechners. Es folgt ein umso leiseres Blättern in der Formelsammlung, das schwungvolle Kratzen der Füllfederhalter auf Papier.
Nach einer Stunde kann ich die Schüler in drei Kategorien aufteilen...
Draußen scheint freundlich die Sonne.
Der Abiturient ist wie ein Tier auf der Jagd oder Flucht, ein von Adrenalinstößen getriebenes Wesen. Seine gekrümmte Körperhaltung erinnert an ein Raubtier vor dem Sprung hinauf zur Spitze der Pyramide in Raumgeometrie. Ebenso leicht verheddert er sich dabei in einer Bernoulli-Kette und strauchelt.
Um 12 Uhr ist Abgabe. Alle haben jetzt abgespannte Gesichter.
Am Schultor wartet Basti mit Bierflaschen. Er hat letztes Jahr Abitur gemacht und fühlt dieses Jahr mit uns. Wir trinken, rauchen und diskutieren über mündliche Prüfungen in Mathe. Ich bin müde und elektrisiert zugleich. Die Aufgaben, die ich nicht gelöst habe, gehen mir nach. Wo liegen meine Fehler? "Bei der Aufgabe X kam doch YZ heraus?" - "Ja, stimmt." "Verdammt, wieso bin ich da auf Q gekommen?" Es dauert ein wenig, bis mein Kopf klarer wird.
Abschalten lautet jetzt die Devise. Als nächstes habe ich ein Stelldichein mit Bismarck, Hitler und Konsorten. Geschichte-Leistungskurs. Da muss ich fit sein.
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