Von Kai Schwind, Oslo
Vergewaltigungen am Rande der Russe-Treffen sind keine Seltenheit - vor allem, wenn sich die Abiturienten in Waldgebieten wie Tryvann versammeln. Das Sicherheitspersonal wirft deshalb ein besonderes Auge auf das, was sich am Rand der Riesenfete tut. Erwischen sie Jugendliche in flagranti beim Sex im Wald, sind die Wachleute angewiesen zu fragen, ob alles freiwillig passiert.
Ina und ihre Freunde haben den Vorsatz, dass es soweit erst gar nicht kommt. "Wir passen aufeinander auf", sagt sie. "Wir Mädchen sind niemals allein im Wald unterwegs, und vor Rocco haben wir keine Angst!"
Rocco Hansen ist Norwegens einziger männlicher Pornostar und -produzent. Bekannt ist er vor allem durch seine Amateurpornos mit alkoholisierten Russe-Mädchen geworden. Auch in diesem Jahr soll er am Rand der Feiern wieder seine umstrittenen Filmchen drehen. "Wir haben die Vereinbarung, dass wir ihm das Kamera-Equipment kaputt machen, wenn er hier auftaucht!", sagt Jannike.
Tryvann hat sich für all das gewappnet. Die Sicherheitsmaßnahmen sind in diesem Jahr noch massiver als sonst. Jørgen Felldal vom Organisationskomitee bestätigt, dass rund 400 Sicherheitskärfte eingestellt wurden, um das Gelände zu überwachen. "Wir wollen, dass die Russe hier in Ruhe feiern können und nicht behelligt werden. Das gilt übrigens auch für die Presse", sagt er. "Wir lassen keine norwegischen Journalisten und Fotografen mehr aufs Gelände, weil die nur an den negativen Bildern interessiert sind."
Die Zukunft: Erst mal ausschlafen
Vielleicht auch, weil sich die Geschäfte mit den Abiturienten so ungestörter machen lassen. Der Eintritt für das Wochenende kostet stattliche 137 Euro, professionelle Firmen kümmern sich um die Ausstattung: Von der Hose bis zum Bus kann der partytaumelnde Russe alles kaufen.
Auch Ina und ihre Freunde finden, dass die Abifeiern immer kommerzieller werden. Die Freunde selbst haben 12.500 Euro für die Musikanlage ausgegeben, der Bus ist geliehen.
Die größten Busse mit den lautesten Anlagen sind am Abend hinter den Absperrungen kreisförmig angeordnet und beschallen mit donnernden Bässen die vielen spontanen Tanzflächen, die sich vor den Fahrzeugen gebildet haben. Das Innere mancher Busse gleicht stylischen Hotellounges und riecht nach süßen Alkopops. Die Russe feiern - einer versucht, schon stark berauscht, trotz Krücken und eingegipstem Fuß, zu HipHop abzutanzen.
Ina und ihre Freundinnen wollen nachher noch ein bisschen mit ihrem Bus durch die Stadt cruisen. Immerhin haben sie extra einen Chauffeur engagiert - das muss sich lohnen. Auf die Frage, was sie eigentlich nach der Schule vorhaben, antworten fast alle "Erst mal ausschlafen!" Jannike fügt hinzu: "Wenn du Russ bist, dann denkst du drei Wochen lang nicht an die Zukunft. Einige von uns gehen ins Ausland. Wir werden jedenfalls alle ziemlich gute Jobs haben, schätze ich!"
Vorausgesetzt, sie bestehen das Abi. Die norwegischen Russe-Feiern finden nämlich paradoxerweise vor den Prüfungen statt.
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