Ich gestehe. Ich habe beim Deutsch-Abitur gefehlt. Eine Sensation - ich wurde schnell zum schul- und stadtweiten Gegenstand von Klatsch- und Tratschrunden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde. Die Wege zum Ruhm können sehr kurz und fragwürdig sein - aber wer hat schon eine Abiturprüfung verpasst? Immerhin, in einem Gespräch mit der Neuigkeit auftrumpfen zu können, man kenne da jemanden, der habe gefehlt, ist auch schon etwas.
Und was hatte ich gemacht? Nichts. Ich war krank geworden. Das hatte ich mir natürlich auch alles ganz anders vorgestellt.. Als einer der ersten wäre ich fertig geworden, jetzt bin ich der allerletzte.
Ironie des Schicksals: An diesem Freitag wird für fast alle bayerischen Abiturienten der Vorhang fallen, dann erfahren sie ihre Noten und machen Party. Ich werde unruhig warten, ein bisschen aus Ärger mit den Zähnen klappern, ein bisschen noch über meinen Büchern hocken.
Erst der nächste Dienstag bringt mir die Erlösung - der Nachholtermin des Deutschabiturs. Und ich bin nicht einmal der einzige in Bayern, der ein allerletztes Mal die Schulbank drücken muss. Irgendwo in der Ferne habe ich Schicksalskollegen, die ebenfalls ihr Deutsch-Abitur verpasst haben. Ein schwacher Trost.
Gegenstand von Klatsch und Tratsch
Am Tag des regulären Deutschabiturs - als klar war, dass ich nicht antreten konnte - kam eine beachtliche Kettenreaktion in Gang. Meine Eltern verfrachteten mich ins Auto, wir fuhren zum Gesundheitsamt, ich wurde untersucht, man verfasste ein Attest, das gleich darauf per Fax ans Direktorat ging. Der Direktor rief sofort den Ministerialbeauftragten für Oberfranken an, der sich seinerseits umgehend ans bayerische Kultusministerium in München wandte. Die Mühlen der Bürokratie taten, was sie sonst nie tun: Sie mahlten in großer Eile. Und die Ursache von allem Papierkram und Telefonaten - ich.
Dann vor ein paar Tagen. Ich sitze im Café, jemand kommt herein, den ich schon ewig nicht mehr gesehen habe. – "Hallihallo, ja, hast beim Deutsch-Abitur gefehlt!" Verrutschtes Lächeln und Bestätigung meinerseits, dann sein Nachsatz: "Ja, also, ich habe gehört, dass du erst im Dezember nachschreiben kannst." Ahnungslos mache ich einen Fehler, indem ich zögerlich entgegne: "Hm, nein, ich hole am 19. Juni mein Deutsch-Abi nach." Mein Gegenüber ist sichtlich irritiert und enttäuscht. Mit leicht-aggressiven Unterton wiederholt er: "Ja, aber man hat mir erzählt, dass du erst im Dezember nachschreibst, ehrlich."
Ich versuche, ein betretenes Gesicht zu machen, und schüttle langsam und traurig den Kopf. Die Miene meines Bekannten ist angespannt, er wirkt entnervt, wie wenn er einem kleinen, bockenden Kind etwas erklären will, das sich sträubt.
Ich überlege, ob ich einlenken und erst im Dezember mein Deutsch-Abi schreiben soll. Da sagt der trotzig zu mir: "Also, das sagen wirklich viele. Die Lisa hat das gesagt. Und die weiß es von ihrem Freund." Mit Lisa habe ich in den letzten drei Monaten drei Worte gewechselt, mit ihrem Freund noch nie eins. Ich staune einmal wieder über die Eigendynamik von Gerüchten, die rasant zu unumstößlichen Fakten werden.
Jetzt habe ich erst mal die dritte Hürde im Abiturrennen zu nehmen, das als längerer Sprint angelegt war und jetzt leider zum Langstreckenlauf wurde. Mein Colloquium in Kunst.
Ich sehe was, was du nicht siehst
Kunst ist ein schönes Fach, um darin mündliches Abitur zu machen. Voraussetzung ist, dass man über Dinge frei Schnauze reden kann, die sich an der Grenze zum höheren Blödsinn befinden. Ich sehe mir zum Beispiel ein Gemälde von William Turner an. Großes, verschwommenes Farbenwirrwarr, irgendwo in der Bildmitte schwarze Umrisse. Mit einiger Mühe identifiziere ich sie als eine Lokomotive, die über eine Brücke fährt.
Mir gefällt das Bild. Dann lese ich die Interpretation: "Die Mittelwaagrechte des Horizonts wird durch die Mittelsenkrechte ausgeglichen, die durch den vorderen Pfeiler des Viadukts definiert ist. Dieser Satz trägt die vehemente Flucht zum Bildmittelpunkt von Viadukt und Zug."
Okay.
Ich blicke noch mal auf das Bild, aber von Waagerechten und Senkrechten für mich keine Spur, ich sehe nur ineinander verlaufende Farbe. Aber nicht weiter tragisch. Hauptsache ich weiß, dass sie da sind.
Mit ein wenig Erfindungsreichtum mache ich es morgen im Notfall genauso – frei nach dem Motto "Ich sehe was, was du nicht siehst". Und wenn mein Lehrer dann trotzdem nichts sieht, soll er einfach nur zuhören.
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