Das Colloquium. Eine ausgestorbene Schule kurz vor drei Uhr nachmittags. Die Sonne knallt, ein paar Schüler zappeln in der Haupthalle auf Bänken. Sie merken es gar nicht, denn eigentlich wollen sie sich cool und abgebrüht geben. Aber die Nerven flattern.
Ich gehöre zu dieser Gruppe. Wir sind heute mit der mündlichen Prüfung dran. Der Direktor, Herr Brunner, durchquert die Haupthalle und strahlt wie ein Honigkuchen. Fleißig nickt er in alle Richtungen; heute ist er ganz in seinem Element angesichts schlotternder Knie und bleicher Gesichter. Herr Brunner mag das Buch "Der Untertan" von Heinrich Mann. Im Einleitungssatz wird der Protagonist als "weich" bezeichnet, als ein Mensch, der form- und beeinflussbar ist. In diesem Augenblick sind wir alle Untertanen, kleinmäulig und knetbar – Herr Brunner spürt das und schmunzelt anzüglich.
Der Kollegstufenbetreuer erscheint, wir folgen: ins oberste Stockwerk, wo wir dem Himmel ganz nah sind. Ein paar seichte Scherze fallen beim Treppensteigen. Sie plumpsen eher. Dann sitzen wir wieder alle an Einzeltischen – diesmal freie Platzwahl und ich habe mir sofort einen Fensterplatz geschnappt. Von da aus sehe ich mindestens sechs Kirchtürme. Jetzt kann man jeden erdenklichen Beistand gebrauchen. Und sei er von ganz oben.
Wir haben eine halbe Stunde Zeit, ein Referat zu einem Thema vorzubereiten, das man uns jetzt bekannt gibt. Diesmal bekommen wir jedoch keine gehefteten Angaben, sondern Briefkuverts mit Zettelchen darin – eigentlich wie damals in der sechsten Klasse, als wir uns Briefchen zusandten, in denen Fragen standen wie: Gib in Prozent an, wie sehr du Laura, Lena, Sarah liebst… Wir hatten damals erst Prozent gelernt, und diese Briefchen boten die erste praktische Übung.
Das Colloquium wird zur Tortur
Aber die Zettelchen, die ich jetzt mit zittrigen Fingern hervorkrame, enthalten nicht mal Buchstaben. Es sind Photos, verschiedene Ansichten des Bauhausgebäudes in Dessau. Wo ist mein Referat-Thema? Ein heißer Schwall Panik stürzt über mich herein. Aber als ich noch einmal tief in das Kuvert greife, spüre ich ganz unten ein zerknittertes Papierchen. Ich atme tief durch. Nicht das letzte Mal an diesem Tag.
Eine halbe Stunde später springt die Tür auf, Lehrerköpfe lugen herein, ein Schüler nach dem anderen wird aufgerufen. Je ein Lehrer begleitet einen Schüler auf dem Weg in seinen Prüfungsraum. Tatsächlich entsteht aufgrund unserer zumeist hängenden Köpfe und der schlaffen Körperhaltung der Eindruck, wir würden abgeführt – nur die Handschellen fehlen.
Als wir uns dem Kunstsaal nähern, sehe ich, dass die Türe geöffnet ist. Eine wohl bekannte Gestalt sitzt im Halbdunkel. Herr Brunner, der Direktor. Er nickt mir freundlich zu. Ich versuche, den Gruß zu erwidern. Aber meine Kehle schnürt sich zusammen, und mein Kopf baumelt so unkontrolliert, dass es Herrn Brunner erscheinen muss, als hätte ich starke Nackenschmerzen.
Es geht los. Oder besser: es sollte losgehen. Meine Stimme will nicht. Der erste Satz muss herausgewürgt werden, ein heißeres Krächzen. Der nächste Satz wie der erste – und dabei bleibt es. Die Mienen der Prüfer sind versteinert. Die halbe Stunde Colloquium wird zur Tortur.
Tage später unterhalte ich mich mit meinem Kunstlehrer, Herr Stelzner. Er verrät lächelnd, dass er die ganze Prüfung über befürchtet hätte, ich würde umfallen. Warum ich so nervös gewesen sei? Die Anwesenheit des Direktors? Dann klopft er mir aufmunternd auf die Schulter.
Das Ziel ist ganz nah. Nur noch das Deutsch-Abitur. Ich bin nicht umgefallen - so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen!
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