Samstag, 21. November 2009

SchulSPIEGEL



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06.07.2007
 

Abi-Tagebuch

Ich kann alles - außer Deutsch

Der Bamberger Abiturient Christian Hambrecht, 19, hat es geschafft: Er musste eine Extrarunde drehen und den Spott seiner Freunde ertragen, aber jetzt hat er das Abi in der Tasche. Grund zur schieren Freude? Von wegen! Sein Direktor wartet mit ernster Miene.

Am Dienstag Deutschabitur. Ich habe kaum geschlafen, aber kalt geduscht und bin jetzt hellwach. Die anderen haben bis in die frühen Morgenstunden gefeiert.. Ich stelle mir vor, wie sie betrunken auf der Tanzfläche rockten – im Gesicht das selige Grinsen stolzer Abiturienten.

Christian ist am Ziel: Er hat das Abi gestemmt
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Christian ist am Ziel: Er hat das Abi gestemmt

Ich verdränge die Vorstellung. Um 7.45 Uhr betrete ich das Sekretariat. Herr Ullmann sitzt auf seinem Drehstuhl, schlürft genüsslich seinen Kaffee. Etwas dürr sei ich geworden, bemerkt er. Es werde Zeit, dass ich mal wieder eine deftige Schweinehaxen mit Wirsing esse - eine Bamberger Spezialität. Ich versuche, zu witzeln: Ich könne dies ja bei einer Themenstellung "kulturelle Identität" im Abitur als Beispiel anführen. Herr Ullmann lacht: "Essen sollst du's, nicht darüber schreiben."

Die Tür zum Direktorat öffnet sich. Direktor Brunner und Herr Franze erscheinen – in der Hand die soeben entsiegelte Abituraufgabe. Herr Franze blickt mich an und runzelt die Stirn. Meine erste Abi-Kolumne hat ihm nicht sonderlich gefallen. Philipp weiß das. Herr Franze nahm ihn nach dem regulären Deutschabitur in vertraulich-ernstem Pädagogentonfall beiseite: Warum Philipp nach dem Abi "Komasaufen" machen wolle - das schade ihm und der Schule.

Meine treueste Leserschar sitzt im Lehrerzimmer. Dort ist das Abi-Tagebuch offenbar zum Top-Gesprächsstoff avanciert, mit Reaktionen von amüsiert bis empört.

Jetzt aber steht die Deutschklausur an. Wer Abitur nachschreibt, genießt ungekannten Komfort: Ich habe einen ganzen Raum für mich – und die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Aufsicht. Es gibt sie doch, die Individualbetreuung. Und was für eine! Nicht 34 Schüler kommen auf einen Lehrer, sondern 12 Lehrer auf einen Schüler. Sechs Schulstunden lang bin ich in der Obhut von je zwei Lehrern.

Diesmal ist die Atmosphäre locker und gelöst, anders als bei meinen vorherigen Prüfungen ist . Um 13 Uhr ist es vollbracht – 15 Seiten, dann setze ich einen endgültigen Schlusspunkt unter meine Schulzeit.

War das schon alles?

Am Schultor begegnet mir Herr Zapf, Englischlehrer und Fitnesscoach der Brose Baskets. Er fragt, wie das Abi gelaufen sei, und gibt mir zum Abschied einen Rat: "Jetzt besauf dich erst mal schön!" Er hat Erfahrung im Feiern, vor kurzem wurden die Brose Baskets deutscher Basketballmeister.

An diesem Abend besaufe ich mich nicht. Ich trinke mit meinen Eltern ein, zwei Gläser Rotwein und gehe ziemlich früh zu Bett. Der Stress der letzten Wochen hat ziemlich geschlaucht.

Wie gern hätte ich am nächsten Morgen ausgeschlafen! Aber nein, gegen halb zehn weckt mich meine Mutter aufgeregt. Die Sekretärin hat angerufen, der Direktor, Herr Brunner, möchte mich sofort sprechen. Na schön, ich quäle mich aus dem Bett, schlurfe zum Kleiderschrank und ins Bad. Kurz nach zehn bin ich in der Schule und werde ins Direktorat gebeten. Dort warten Direktor und Kollegstufenbetreuer auf mich, mit ernsten Mienen.

DER AUTOR

Christian Hambrecht, 19, ist Schüler am Kaiser- Heinrich- Gymnasium in Bamberg. Er schreibt Abi- Klausuren in Mathe, Deutsch, Geschichte, Kunst. Wenn das geschafft ist, will er in Freiburg Internationales Recht studieren.
Herr Brunner gratuliert mir zum bestandenen Abitur. Ich spüre gleich, dass das nicht alles ist. Ich warte auf ein "Aber". Es kommt sofort. "Aber gestern hatten Sie leider einen schlechten Tag." Er reicht mir das Blatt mit meinen Abiturergebnissen herüber. Sie sind gut – bis auf Deutsch, eigentlich mein "Paradefach". Sieben magere Pünktchen, gerade noch befriedigend. Aber alles nicht so schlimm, wendet der Kollegstufenbetreuer ein – ich solle einfach in die Nachprüfung.

Vor dem Direktorat wartet Herr Franze, er soll mit mir die Nachprüfung besprechen. Er schildert seinen strapaziösen gestrigen Arbeitstag, mein Abi musste ja in Windeseile korrigiert werden. Zu meinen sieben Punkten meint er lakonisch: "Tja, so ist das Leben."

Ich verzichte auf die Nachprüfung und verlasse das Schulgebäude, das sieben Jahre lang meinen Alltag beherrschte. Ein historischer Schritt - so recht kann ich meine neue Freiheit noch nicht fassen.

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