"Als ich an meinem ersten Tag die Zeitungsredaktion betrat, ging es mir ganz schön im Bauch herum: riesige Schreibtische, voll geladen mit Bildschirmen, Zeitungen, Büchern, Notizblöcken. So ähnlich kannte ich das aus Deutschland. Aber das hier war Bordeaux und nicht Berlin. Mir kamen Zweifel.
Hatte ich mich ein bisschen überschätzt? Für eine französische Zeitung arbeiten? Auf Französisch? Mon dieu!
Viel Zeit zum Nachdenken blieb mir nicht: Meine neuen Kollegen nahmen mir schnell die Scheu: Küsschen links, 'Salut ça va?' - Wer bist du? Küsschen rechts - was machst du hier? Aus Deutschland? Na dann: Herzlich willkommen!
Ich hatte mich beim Deutsch-Französischen Jugendwerk für das Praktikum beworben, einmal im Jahr erhalten Deutsche journalistische Praktika in Frankreich - und umgekehrt. Als die Zusage kam, war ich echt aus dem Häuschen: vier Wochen Praktikum in Bordeaux, superbe!
Ich sollte zu 'Sud-Ouest', der einzigen Zeitung der Region, in die Lokalredaktion. Um Anreise und Unterkunft kümmerte ich mich selbst, den Rest regelte das Jugendwerk. Ich fand ein kleines Zimmer in einem Frauenwohnheim, mitten im Stadtzentrum, ganz nah an der Redaktion.
Der Coyote kennt kein Windows
Zuerst kam die Redaktionskonferenz, die 'Rédac'. Man besprach die aktuelle Ausgabe, der Chefredakteur vergab die Termine. Ich konnte gleich mein erstes Thema abstauben: ein Artikel über eine Einrichtung, die den Studenten den Unibeginn erleichtern sollte. Genau richtig für den Anfang. An der Uni sprach ich mit den Organisatoren, fing ein paar Stimmen von Studenten ein. Natürlich war ich am Anfang unsicher und schüchtern. Ich dachte immer, meine Gesprächspartner würden sich bestimmt wundern, warum die "Sud-Ouest" Ausländer allein losschickt. Aber die Leute reagierten durchweg positiv. Alle waren offen, interessiert, lobten mein Französisch und antworteten ausführlich auf meine Fragen.
Zurück in der Redaktion hatte ich ein ganz anderes Problem: Es hieß 'Coyote22', war vermutlich sehr, sehr alt und sah aus wie das vorzeitliche Computer-Betriebssystem DOS. Ein schwarzer Bildschirm, ein paar Zahlen, ein paar Buchstaben. Der 'Coyote' lief nur auf speziellen Computern, alle ohne Maus, und ließ sich nur über Tastaturbefehle steuern.
Leider sind französischen Tastaturen ganz anders angeordnet als deutsche. Da sucht man am Anfang schon mal nach den Buchstaben. Irgendwie ging es dann doch - ich konnte meinen ersten Artikel abgeben. Mann, war ich stolz, als am nächsten Morgen der Text mit meinem Namen in 'Sud-Ouest' zu lesen war. Ok, er war leicht verändert. Aber gedruckt!
...und dann kam die Rugby-WM
Die nächsten Tage ging es so weiter: Konferenz, Thema, Losmarschieren, Schreiben. Abends in meinem winzigen Wohnheimzimmer war ich total kaputt. Dauernd von einer fremden Sprache umgeben zu sein, hat mich wahnsinnig geschafft.
Und dann die Rugby-WM: das Thema der 'Sud-Ouest', ach was, ganz Frankreichs für die nächsten Wochen. Ich hatte Rugby vorher nie wahrgenommen und wusste einfach nicht, dass Frankreich so an diesem Sport hängt. Die Stimmung in Bordeaux war unbeschreiblich, ungefähr so wie bei den Menschen in Deutschland im Sommer zuvor: die WM, das Sommermärchen.
Für meine Arbeit hieß das vor allem: Rugbyfans aus aller Welt suchen und anquatschen, Interviews machen, ihre Geschichten erzählen. Je nach Spiel des nächsten Tages suchte ich Fans der Mannschaften, fotografierte sie und schrieb winzige Texte, wie sie die Chancen ihres Teams einschätzten.
Die ersten paar Tage fand ich die Aufgabe super. Ich war viel draußen, das Wetter war auch Mitte September noch hochsommerlich, ich lief in der Stadt herum. Dazu sprach ich neben Französisch jeden Tag auch noch Englisch. Eigentlich toll. Morgens auf der Konferenz bekam ich schon gar keine Themen mehr angeboten, es war ja klar: Anne kümmert sich um 'Les supporteurs' – die Rugbyfans.
Oh, du schönes Bordeaux!
Irgendwann verließ mich mein Enthusiasmus. Eigentlich kann ich diesem Sport gar nichts abgewinnen. Also die Flucht nach vorn: Immer wieder schlug ich Themen vor, um etwas anderes machen zu können. Bei allem, was mich interessierte, hob ich schnell den Finger. Und hatte manchmal nur so halb mitbekommen, worum es ging. Der Chefredakteur war ausgesprochen nett und erklärte mir vieles noch einmal genau.
Am Anfang wunderten sich einige der Redakteure - aber es klappte: Ich traf den irischen Außenminister auf einem Schiff auf der Garonne, frühstückte mit der deutschen Generalkonsulin und testete inkognito eine Busreise an den Atlantik.
Mein Französisch wurde von Tag zu Tag sicherer, ich klinkte mich mehr und mehr in Unterhaltungen ein. Trotzdem war ich froh, dass zur gleichen Zeit noch eine andere, einheimische Praktikantin in der Redaktion war. Sie las meine Artikel, bevor ich sie zur Endabnahme gab.
Die vier Wochen gingen vorbei wie im Fluge. Die Leute, die Stadt, die Mentalität, die Sprache – all das ist mir so schnell ans Herz gewachsen. Ich wollte mich gar nicht von Bordeaux trennen. Nicht einmal vom Rugby."
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