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25.03.2008
 

Wehrpflicht-Willkür

So lässt sich der Wehrdienst umgehen

Herzrasen, Depressionen, Krummrücken - um nicht zur Bundeswehr zu müssen, ist jungen Männern jedes Leiden recht. Oft geht es viel einfacher: Einfach abwarten. Und hoffen, dass man ausgemustert oder übersehen wird. Aber auch das kann ins Auge gehen.

Rekruten: Wehrgerechtigkeit ist längst eine Chimäre
DDP

Rekruten: Wehrgerechtigkeit ist längst eine Chimäre

Um dem Bund zu entgehen, mussten sich junge Männer früher einiges einfallen lassen: Den einen überkamen vor der Musterung plötzlich schlimme Depressionen, andere tranken literweise Kaffee und täuschten Herzrasen vor, Tierhaarallergiker kuschelten in der Nacht vor der Musterung mit drei Goldhamstern.

Heute gibt es dafür einen einfacheren Weg: stillhalten, nichts tun, abwarten. Da die Bundeswehr immer weniger Rekruten einzieht, bleiben viele vom Dienst verschont.

"Heute wird nur noch jeder zweite Wehrpflichtige einberufen", sagt Peter Tobiassen von der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer (KDV). "Man hat also eine etwa 50-prozentige Chance, dass man gar keinen Dienst machen muss." 2007 seien knapp 130.000 junge Männer für den Wehrdienst in Frage gekommen. Laut Verteidigungsministerium mussten aber nur rund 67.000 zum Dienst in die Kaserne einrücken.

Insgesamt umfasst ein Jahrgang derzeit rund 440.000 junge Männer. Die statistische Chance, keinerlei Dienst leisten zu müssen, ist also enorm hoch. Nur knapp jeder siebte springt am Ende ins Grünzeug; die Zahl der Verweigerer liegt etwas höher als die der Rekruten.

Abwarten kann gefährlich werden

Wer verweigert und sich für den Zivildienst entscheidet, kann indes kaum darauf hoffen, durchs Raster zu fallen. "Wir haben genug Stellen - bei uns muss deshalb so gut wie jeder antreten", sagt Josef Opladen vom Bundesamt für den Zivildienst in Köln.

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Raus bist du. Und du. Und du. Von einem Jahrgang junger Männer rückt nicht mal jeder Sechste in die Kaserne ein, fast die Hälfte wird ausgemustert. Sieben Wehrpflichtige erzählen, wie leicht sie dem Militär entkamen:

Wer also als tauglich gemustert ist, aber aus Überzeugung oder pragmatischen Gründen nicht zur Bundeswehr will, der - wartet einfach ab? "Eine Verweigerung schickt man am besten erst ab, wenn man die Einberufung im Briefkasten findet", sagt Peter Tobiassen von der KDV.

Ein solches Pokerspiel ist aber riskant: Eventuell kann ein Verweigerungsantrag nach der Einberufung nicht schnell genug bearbeitet werden - dann müssten Betroffene zunächst in die Kaserne, sagt Opladen vom Bundesamt für Zivildienst. In der Regel dauere es einige Wochen, bis ein Antrag geprüft ist. Allerdings würden solche "Rot-Akten" meist schneller bearbeitet, solange die Unterlagen vollständig sind. Dazu gehören der Lebenslauf und eine schriftliche Begründung des Antrags.

Aber auch wer den fertigen Verweigerungsantrag nur noch aus der Schublade ziehen muss, kann mit der Warte-Taktik Pech haben. Junge Männer, die bereits ein Studium begonnen haben, können im ersten und zweiten Semester noch einberufen werden - sie müssen dann ihr Studium für den Wehrdienst unterbrechen. "Der Studienplatz bleibt aber erhalten, und man muss das laufende Semester nicht unterbrechen", sagt Tobiassen. Zwar sei es ärgerlich, die Ausbildung unterbrechen zu müssen - der Zeitverlust sei aber derselbe wie bei einer Einberufung vor dem Studium.

Die Hälfte eines Jahrgangs wird ausgemustert

Grundsätzlich kann die Einberufung zum neunmonatigen Wehr- oder Zivildienst bis zum 23. Lebensjahr ins Haus flattern, bei einer Rückstellung etwa für ein Studium verlängert sich diese Frist bis zum 25. Lebensjahr.

Kritiker halten die Einberufungspraxis der Bundeswehr mittlerweile für reine Willkür. In den vergangenen Jahren kam es zu immer groteskeren Massen-Ausmusterungen. Noch vor fünf Jahren wurden lediglich 17 Prozent aller Wehrpflichtigen ausgemustert - inzwischen sind es satte 46 Prozent. Das geht aus Statistiken hervor, die auf Angaben des Bundesverteidigungsministeriums beruhen und von der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer veröffentlicht wurden.

Schon 2004 klagte der 21-jährige Bonner Student Christian Pohlmann gegen den Einberufungsbescheid. Seine Begründung: Die Wehrgerechtigkeit sei nicht mehr sichergestellt, wenn nur noch etwa einer von sieben Männern zum Bund muss. Die Einstufung habe nichts mit der Gesundheit oder Vernunft des Einberufenen zu tun, die gesamte Musterung gerate zunehmend zur Farce.

"Heute drückt man sich anders"

Das Kölner Verwaltungsgericht hob seine Einberufung auf, die Bundesregierung wehrte sich dagegen. Seit April 2005 liegt die Sache beim Bundesverfassungsgericht. Dort steht eine Entscheidung in letzter Instanz bis heute aus. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig urteilte 2005 jedoch, dass die Einberufungspraxis der Bundeswehr nicht gegen das Prinzip der Wehrgerechtigkeit verstoße.

Der Berliner Rechtsanwalt Thomas Schulte hält Klagen momentan für sinnlos, "heute drückt man sich anders, eher inoffiziell". So könnten Jugendliche sich als Härtefall freistellen lassen, wenn sie angeben, Verwandte zu pflegen oder den elterlichen Betrieb übernehmen zu wollen. Wer nach einem Umzug oder Auslandsjahr nicht gemeldet sei, habe ebenfalls für eine Weile Ruhe vor dem Kreiswehrersatzamt. "Mit diesen Tricks kann man erst einmal auf Zeit spielen - und meist entfällt dann die Einberufung ganz", sagt Schulte.

Die Ausmusterung verhindert den Papierkrieg mit dem Bund zuverlässiger. Wer's darauf anlegt, sollte aber nicht übertreiben: "Auf Macke zu machen, kann Folgen für später haben", warnt Anwalt Schulte. "Man kann nicht erst suizidgefährdet sein oder Tötungsphantasien zu Protokoll geben und sich dann wundern, wenn man nicht mehr im Atomkraftwerk oder als Beamter arbeiten darf."

Tobias Schormann, dpa/tmn

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