Die Freiburger Selbstlerner: School's out forever
Es ist vorbei. Wir haben bestanden. Unser selbst organisiertes Abi-Jahr ist nun zu Ende, wir haben alle unser Abitur in der Tasche und sind jetzt frei.
Auch die mündlichen Abiturprüfungen haben wir irgendwie gepackt, auch wenn sie wahnsinnig anstrengend waren. Denn externe Abiturienten wie wir schreiben nicht nur die normalen schriftlichen Klausuren, sondern müssen in allen Fächern zusätzlich in eine mündliche Prüfung. Acht Stück sind das bei uns, jeden Tag zwei.
An diesen vier Prüfungstagen kamen wir alle deutlich an unsere Grenzen. Wir waren anderthalb Wochen lang angespannt. Wir saßen zitternd auf den Fluren des Gymnasiums und fragten gegenseitig noch in letzter Minute die einzelnen Schritte der Proteinbiosynthese ab. Wir schreckten hoch, sobald aus Richtung der Prüfungsräume ein Geräusch kam. Wenn einer von uns aus dem Prüfungszimmer schritt, umringten wir ihn hysterisch und schrien: Was kam dran? Wie ist der Prüfer? Was haben sie dich gefragt? Was hast du für ein Gefühl? Kam bei dir auch die Frage, in welcher Partei Nicolas Sarkozy ist?
Ein Lehrer fieberte richtig mit
Nach der Bekanntgabe der Noten haben wir uns dann gegenseitig getröstet oder miteinander gefreut. Einen so schnellen Wechsel von intensiven Gefühlen hätte ich bestimmt einen Tag lang verpacken können. Nach vier Tagen war ich aber so erschöpft, dass ich mich gar nicht mehr richtig über mein bestandenes Abi freuen konnte. Erst Tage später war ich dazu wieder in der Lage.
Dabei lief alles ganz gut. Die Prüfer haben sich um Objektivität bemüht. Der Prüfungsvorsitzende in Geschichte hat sich sogar einen Tag vor den Geschichtsprüfungen in die Prüfungen mit hineingesetzt, um uns besser kennenzulernen. Andere Prüfer hatten wir vor der Prüfung nur ein einziges Mal gesehen.
Der Lehrer, der für unser externes Abitur zuständig war, war die ganze Zeit in unserer Nähe. Er beglückwünschte uns oder munterte uns auf, fieberte richtig mit. Jedes Ergebnis trug er sofort in eine Tabelle ein, um so den Wackelkandidaten ausrechnen zu können, wie viel Spielraum sie für die nächste Prüfung hätten.
Plötzlich fehlte die Gruppendynamik
Es ist allerdings traurig, wie wenig mündliche Prüfungen das wirkliche Können von Schülern widerspiegeln. Eine Mitschülerin, die in Mathematik schriftlich im Einserbereich war, hatte in der mündlichen Prüfung einen Blackout und landete bei vier Punkten. Andere hatten mit höchstens zehn Punkten bei einer Prüfung gerechnet und kamen mit 15 Punkten heraus.
Trotzdem: Wir haben alle unser Abi im Alleingang bestanden, mit guten Ergebnissen. Das hat uns zwar 50.000 Euro und viel Kraft gekostet, zwei hatten im bitteren Endspurt aufgegeben - aber wir haben noch viel mehr gelernt als den Prüfungsstoff.
Dann war plötzlich alles vorbei, der Stress, die Aufregung - und das, was uns als Gruppe ein Jahr lang zusammengehalten hatte. Mit dem Tag, an dem die Gemeinsamkeiten weniger wurden, fiel die Gruppe auseinander. Wir bemühten uns nicht mehr, zu den Reflexionstreffen pünktlich zu kommen. Der eine meldete sich nicht mehr ab, der andere fühlte sich für die Abrechnung nicht mehr verantwortlich. Die Protokolle von Treffen, bei denen man nicht anwesend war, las niemand mehr. Wir fingen an, uns zu streiten. Den Abschluss unseres gemeinsamen Jahres hatten wir uns anders vorgestellt.
Jeder von uns hat jetzt ein neues Ziel vor Augen. Abi geschafft - und dann? Zwei von uns werden nach Afrika gehen, zwei nach Frankreich und einer nach Norwegen. Bis zur ersten Abreise hatten wir nur sechs Tage Zeit, uns noch einmal als Gruppe zu erleben. Obwohl sich jeder riesig auf die neuen Erfahrungen im Ausland freut, war es sehr schmerzhaft, den ersten schon für ein ganzes Jahr nach Afrika verabschieden zu müssen.
Nun planen wir eine schriftliche Dokumentation, um das, was wir erlebt haben, nicht im Sand verlaufen zu lassen und den Kontakt zueinander nicht zu verlieren. Aber auch die Zusammenfassung wird schon nicht mehr von der ganzen Gruppe geschrieben
Was uns störte, wurde geändert
Was wir erlebt haben, ist vor allem die Freiheit, Dinge sofort ändern zu können. An unserer "Schule" gab es keinen Verwaltungsapparat, kein Schulgesetz, keinen festgelegten Stundenplan, keine unüberwindbaren Hierarchien. Alles, was wir gemacht haben, haben wir selbst beschlossen. Natürlich gab es auch bei uns diejenigen, die mehr geredet haben und mehr Macht hatten. Aber mit der Zeit entwickelten wir eine faire Gesprächskultur.
Meine wichtigste Erfahrung dabei war: Was ich in die Hand nehme, geschieht auch, dazu ist die nötige Freiheit da. Was ich nicht mache, geschieht auch nicht, es gibt ja keinen institutionellen Rahmen, der uns Verantwortung abnimmt.
Es ging nicht darum, völlig unabhängig von Lehrern oder Experten zu werden. Wir wollten lernen, wie weit unsere Fähigkeiten ausreichen, und wann es klüger ist, Hilfe zu holen. Sich die Unzulänglichkeit der eigenen Kenntnisse einzugestehen, war sehr viel schwieriger, als eine Unterrichtsstunde ohne Lehrer sinnvoll zu gestalten.
Inzwischen ist eine Nachfolgegruppe dabei, etwas Ähnliches zu organisieren. Dabei greifen sie natürlich auf Strukturen zurück, die wir schon gebildet haben, wie den Verein, Lehrer, Kontakte. Andererseits wollen wir aber auch nicht zu viel übergeben, denn dann wäre es wieder kein Projekt von Schülern für sich selbst, sondern eine Art Reformschule.
Für mich ist das Projekt damit in guten Händen, so dass ich mich ganz auf mein Studium, das nun vor mir liegt, konzentrieren kann. Dafür werde ich jetzt auch herumreisen und mir meine möglichen Studienorte genau ansehen - obwohl ich mich insgeheim eigentlich schon für Leipzig entschieden habe.
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Es ist sicher schwierig, als Streber verschrien zu sein. Vielleicht hätten Ihre Eltern eine Schulwechsel in Betracht ziehen sollen. Auf der anderen Seite ist es sinnvoll sich mit der Schülergemeinschaft auseinandersetzen zu [...] mehr...
Und natürlich organisieren sie auch was, wann, wo und wie gelehrt und gelernt wird. Und nach dem Abitur organisieren sie auf dieselbe Art auch ihre Professoren. mehr...
Mit grossem Interesse habe ich den Artikel gelesen und ich darf Euch Abiturienten meine Meinung sagen - ich bin ja schon 40 und habe zwei Kids, meine Firma und kein Abi: Das war die beste Entscheidung Eures Lebens. Das Abi - na ja [...] mehr...
Nostalgie pur! Kehren wir zurück zum Hauslehrermodel. "Früher" wurden die Kinder von Adeligen und sonstigen "Begüterten" von Hauslehrern unterrichtet und teilweise auch auf Weltreisen (Bildungsreisen) [...] mehr...
Anwort: Nur wenn sich gleichgesinnte und mit Verantwortung ausgestattete gute Schüler zusammen tun. In der Regel sind unsere Kinder verspielter und machen auch Phasen der Schulmüdigkeit durch. Dann fuktioniert das nicht, wobei [...] mehr...
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