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04.05.2009
 

Abistress

Wie Eva, 18, sich vorm Lernen drückt

Mitten im Prüfungsstress sollte Abiturientin Eva Schulz, 18, eigentlich nur eines tun: pauken. Davor rechts und links abzubiegen, fällt ihr aber viel leichter. Im SchulSPIEGEL verrät sie die besten Strategien fürs Aufschieben - von der Literaturverfilmung bis zum Lernkeks.

Mein Lerntag beginnt morgens um zehn Uhr mit einem ausgiebigen Frühstück. Schließlich stecke ich mitten im Abitur, es sind nur noch wenige Tage bis zu den Prüfungen. Da muss ich Kräfte sammeln. Dazu gehört auch Zeitunglesen. Während meiner Schulzeit habe ich nie lange Zeitung gelesen. Jetzt lese ich sogar die Börsenkurse. Irgendwann habe ich aber selbst die alle durch.

Dann starte ich meine Lernphase und erstelle erstmal einen Plan. Alle Zentralabiturinhalte gleichmäßig und logisch geordnet auf die nächsten Wochen zu verteilen, ist gar nicht so leicht. Den fertigen Plan hänge ich in der Küche auf, damit künftig die ganze Familie sehen kann, was ich für Fortschritte mache.

Heute ist Deutsch dran. Ich muss mich auf Christa Wolfs "Kassandra" vorbereiten. "Kassandra" ist so ziemlich das schrecklichste Buch, das wir je in der Schule gelesen haben. Um die ganzen mythischen Verworrenheiten auseinander zu klamüsern, brauche ich dringend einen Lektüreschlüssel.

Im Internet gibt es Interpretationen von fast zehn verschiedenen Verlagen. Ich lese sämtliche Rezensionen, aber die klingen alle gleich blöd - kein Wunder, bei so einem Buch. Darauf habe ich auch eigentlich noch gar keine Lust. Am Ende bestelle ich den Schlüssel mit der längsten Lieferzeit und verschiebe "Kassandra" in meinem Plan um vier Tage.

DiCaprio statt Darwin

Dafür muss ich "Romeo and Juliet" vorziehen. Das Stück kann man eigentlich binnen zwei Stunden wiederholen - indem man sich den Film anschaut! Also fahre ich zur Videothek. Auf diese Idee sind aber offenbar schon einige meiner Leidensgenossen gekommen: Alle Versionen der genialen Verfilmung mit Leonardo DiCaprio sind längst ausgeliehen. Na toll.

Also muss ich schon wieder meinen Plan ändern: Bio statt Englisch. Dazu braucht man Nervennahrung, und zwar in Form von Keksen. Im Supermarkt verbringe ich eine kleine Ewigkeit damit, die besten Lernkekse zu finden. Das ist gar nicht so leicht: Billig müssen sie sein, mit nicht allzu vielen Kalorien - schließlich will ich einige davon essen - und trotzdem energiereich, weil ich ja die ganzen Fachbegriffe aus der Evolutionslehre auswendig lernen muss. Und nicht zu viel Schokolade! Das gibt Schmierfinger und verdreckte Schulbücher.

Auf dem Weg zur Kasse komme ich am Schreibwarenregal vorbei. Ich kaufe meinen allerersten Kalender, der nicht von August bis Juli geht, sondern von Januar bis Dezember. Was für ein Triumph! Zuhause trage ich sofort alle Geburtstage ein und probiere dabei die Kekse, die ich wirklich nicht schlecht ausgesucht habe.

Familie lenkt nur ab

Beim Mittagessen bewundern meine Eltern den Lernplan in der Küche und sind ganz erschrocken, wie viel der Jugend von heute abverlangt wird. Ich stimme ihnen zu und jammere ein bisschen über das viele Pauken. Mein Vater und ich verquatschen uns über die glorreiche Zeit nach den Prüfungen. Mir fällt ein, dass ich vor der Englischklausur noch einen Kursbericht für die Abizeitung schreiben muss. "Und was ist jetzt überhaupt mit deinem Studium?", fragt Papa. Darüber müsse ich mir doch auch langsam mal klar werden.

Nach dem Essen suche ich im Internet nach Studiengängen. Bis man sich da mal zu den Zulassungsvorschriften und Bewerbungsabläufen durchgeklickt hat, ist schon eine ganze Packung Lernkekse leer. Sowieso ist das alles ziemlich anstrengend und der Numerus clausus wirklich schrecklich hoch.

Unter solchem Leistungsdruck kann ich jetzt unmöglich lernen. Ich schiebe Lamarck und Darwin auf den Vorabend und lande vorm Fernseher. Nach einer Stunde kommt meine Schwester aus der Schule zurück. "Seit wann interessierst du dich denn für abgefilmte Zugfahrten?", fragt sie misstrauisch und erzählt, dass heute ein paar meiner Mitschüler in der Schule waren. Die haben die Termine für ihre mündliche Prüfung nachgesehen. Eigentlich könnte ich das auch mal machen.

Schlechtes Gewissen

Aber meine kleine Schwester hält mich davon ab. "Wenn du sowieso nichts zu tun hast, kannst du mir auch bei Photoshop helfen", sagt sie und überredet mich, mit ihr die letzten Urlaubsbilder zu bearbeiten. Dabei verdrücken wir noch eine Schachtel Lernkekse. Danach habe ich ein so schlechtes Gewissen, dass ich sofort ins Fitnessstudio fahre, um die wieder abzutrainieren.

Zurück vom Sport will ich endlich mit Bio anfangen und versuche, bei Wikipedia den Unterschied zwischen Allopolyploidie und Autopolyploidie herauszufinden. Da kommt eine Nachricht von Steffi, meiner Sitznachbarin im Englisch LK. "Ich habe 'Romeo and Juliet' ausgeliehen - willst du mitgucken?"

So verbringe ich den Abend bei Steffi auf dem Sofa. Wir schauen "Romeo and Juliet" mit englischen Untertiteln und hören doch nicht zu, weil wir von Leonardos tiefblauen Augen abgelenkt werden. Als sich nach zwei Stunden die Montagues und die Capulets über dem Tod ihrer Kinder versöhnen, bin ich schrecklich müde, obwohl es eigentlich noch recht früh am Abend ist.

Aber jetzt noch mit Bio anzufangen würde auch nichts bringen. Ich beschließe, einfach schon ins Bett zu gehen um mich von diesem anstrengenden Lerntag zu erholen. Schließlich gilt: Je früher ich schlafen gehe, desto mehr Energie habe ich morgen.

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