Sie ist diesen Weg schon ein paar Mal gefahren. Vergangene Woche, als sie die Vorbereitungstreffen besucht hat, aber da wurden die Erstsemester immer noch als Gäste begrüßt. Und so hat sie sich auch gefühlt. Heute geht sie zum ersten Mal als echte Studentin hin. Ein aufregendes Gefühl. Diese Mischung aus Verantwortung und Vorfreude. Das Wissen darum, dass gerade etwas Neues beginnt. Dieses Rumoren im Bauch, dieses Flattern, wie nach zu viel Kaffee ohne Milch. Diese Leere und gleichzeitig das Gefühl, übervoll zu sein mit Emotionen.
"Ich bin gerade so durchgeknallt", sagt Jana, aber leise. Sie will um keinen Preis als einer dieser 335.554 hibbeligen Erstis auffallen, die in diesen Tagen die Unis und Fachhochschulen überschwemmen. Wo der Saal liegt, in den sie heute muss, das hatte sie schon im Internet rausgefunden.
"Ich will da nicht rumirren wie ein Neuling", erklärt sie. Sie will locker aus der Linie neun aussteigen, den Bahnsteig auf der richtigen Seite verlassen, mit den anderen Richtung Haupteingang gehen, vor der Glastür noch den leeren Starbucks-Becher entsorgen, reingehen und zielstrebig den Raum aufsuchen. Kein hektisches Umherblicken, kein Anrempeln aufgrund ruckartiger Richtungswechsel, und vor allem will sie niemanden fragen müssen. Die Vorbereitung hat sich gelohnt, sie nimmt ein paar Stufen und betritt entspannt und pünktlich den Saal.
Ein paar andere sitzen hier schon, einige haben bereits ihre Arbeitsmaterialien auf dem Ausklapppult aufgebaut und schauen sich neugierig um. Andere haben ihr Handy in der Hand, tippen etwas und versuchen möglichst wenig einsam auszusehen.
Jana zögert. Wohin setzen? Setzt man sich neben die falschen Leute, wird man gleich mit denen gesehen, assoziiert und als der Gruppe zugehörig abgestempelt. Zu ihrer akribischen Vorbereitung hat auch gehört, sich bereits bei StudiVZ diejenigen anzuschauen, die dort dieselben Lehrveranstaltungen angegeben haben wie sie.
Ein paar Profile haben ihr gut gefallen. Besonders ist ihr das Profil einer gewissen Eli aufgefallen. Die hat ein Foto reingestellt, auf dem sie in einem roten Plüschsessel sitzt und an einem Champagnerkelch nippt. Außerdem hatte sie als Traum-Wohnort ebenfalls New York angegeben - genau wie Jana. Diese Sehnsucht haben sie also schon mal gemeinsam. Beste Voraussetzungen für eine Freundschaft.
Aus: Lara Fritzsche: Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten. Kiepenheuer & Witsch, 2009
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