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27.05.2010
 

Studienwahl

"Die Abiturnote ist eine Krücke"

Medizinstudenten (in Göttingen): "Abinote reicht nicht als Basis für Berufsweg"Zur Großansicht
dpa

Medizinstudenten (in Göttingen): "Abinote reicht nicht als Basis für Berufsweg"

Sollten Einser-Abiturienten unbedingt Medizin oder Jura studieren? Legen die Noten bestimmte Berufe nahe? Keineswegs, sagt Nikolaus Korber von der Begabtenförderung des Cusanuswerks. Im Interview beschreibt er das Abitur als Nullpunkt - der Begabungskult führe ins "biografische Unheil".

SPIEGEL ONLINE: Herr Korber, wer sein Abi mit 1,0 besteht, kann so gut wie alles studieren. Manchmal erzeugt die tolle Note auch Druck. Lehrer und Familien neigen dazu, den Superabiturienten Studiengänge wie Medizin zu empfehlen. Sollten die Besten dem Rat folgen und auf Karrierefächer setzen?

Korber: Ich kenne das Problem aus der Diskussion mit Studierenden. Leider sind diese Empfehlungen ganz großer Unfug.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade Medizin oder Jura sind sehr lernintensiv, das Berufsbild ist angesehen. Da liegt es nahe, erfolgreichen Abiturienten diese Fächer ans Herz zu legen.

Korber: Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen Abiturnotenschnitt und Studienerfolg. Nur warne ich alle angehenden Studenten davor, sich bloß auf Basis der Abiturnote für einen bestimmten Berufsweg zu entschieden. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler sieht gerade, dass uns auf dem Land die Ärzte ausgehen. Nun will er das Medizinstudium leichter zugänglich machen, weil er genau weiß: Ein guter Abischnitt heißt noch lange nicht, dass jemand auch ein guter Arzt wird. Ich misstraue der Abiturnote im Hinblick auf ihre Prognosefähigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Warum bauen dann so viele Ausleseverfahren an den Universitäten vor allem auf dem Schnitt auf, den der Schüler vom Gymnasium mitbringt?

Korber: Ausgefeilte Evaluationssysteme mit ausführlichen Auswahlgesprächen sind ziemlich teuer. Reiche Universitäten wenden dieses System verstärkt an, die können sich das leisten. Solche Verfahren aber verlangen die Zeit der Professoren, die dann bei der Arbeit mit den Studenten fehlt. An den meisten Hochschulen ist diese Zeit nur schwierig zu kompensieren. Häufig gibt es keine Alternative zum Notenschnitt, um in kurzer Zeit eine Prognose über den Studienerfolg eines Schülers zu treffen. Die Abiturnote ist eine Krücke. Wenn Sie aber als Schüler aus der Note eine Entscheidungsgrundlage für Ihre Zukunftsplanung machen, dann ist das ein ganz krasser Fehlschluss.

Wohnt in Ihnen ein Arzt?

dpa
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SPIEGEL ONLINE: Sie erleben Schüler in den Auswahlgesprächen des Cusanuswerks. Kommen Ihnen solche Fehlschlüsse oft unter?

Korber: Nicht so oft. Schüler, die einen guten Abschluss haben, erkennen das Problem. Die sind ja nicht gezwungen, die mit hohem Numerus clausus versehenen Edelstudiengänge zu machen. Das würde ja auch bedeuten, dass zum Beispiel ein Medizinstudium ein anderes Potential erfordert als nicht zulassungsbeschränkte Studien. Der Schluss ist falsch.

SPIEGEL ONLINE: Mal abgesehen von der Gesamtnote: Viele Schüler sind in bestimmten Fächern besonders begabt, zum Beispiel in den Sprachen oder in Naturwissenschaften. Ist es nicht folgerichtig, dass jemand, der eine Eins in Physik hat, auch Physik studiert?

Korber: Da sind wir bei den Schubladen. Das ist ein spannendes Thema aus der Begabungsforschung. Hinter Ihrer Frage steckt ein veraltetes Begabungsbild, nach dem Leute für eine bestimmte Sache besonders begabt sind; oder dass Menschen besonders theoretisch oder praktisch begabt sind. Das ist lange überholt. Die Differenzierung nach Begabungstypen, die sich an Fächern festmachen lassen, finde ich hochproblematisch.

SPIEGEL ONLINE: Aber einer hervorragenden Klavierspielerin würden Sie doch ein entsprechendes Studiums ans Herz legen, um ihr Potential zu fördern, oder?

Korber: Musische und mathematische Sonderbegabungen kommen früh raus, da gebe ich Ihnen Recht. Aber wie wollen Sie das Denken eines guten Juristen früh feststellen? Dafür gibt es in der Schule kein Fach. In der Schule gibt es nur relativ diffuse Begabungsbilder. Deshalb sehe ich persönlich auch keinen Grund, in der schulischen Ausbildung - also in den Leistungskursen - universitäre Aspekte vorwegzunehmen. Das ist aus meiner Sicht eine Fehlentwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Damit werden Schüler doch gut auf die Uni vorbereitet.

Korber: Ich sehe das anders. Als Professor für Chemie will ich nicht, dass meine Studenten schon in der Schule mit dem Experimentierkasten unterm Arm herumliefen. Mir sind die genauso lieb, die Altgriechisch gelernt und sich dann auf Deutsch konzentriert haben. Wir bringen denen hier alles, was sie brauchen, von Null auf bei. Meine Kollegen aus der Physik sehen das allerdings anders. Die sagen: "Wir brauchen die Leute aus den Mathematik-Leistungskursen." Dann muss man sich aber auch nicht wundern, wenn ihnen im Physikstudium die Leute fehlen. Wir müssen aufpassen, was wir an biografischem Unheil anrichten, wenn wir zu schnell auf diesen Begabungskult abheben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle soll das Abitur in der Biografie eines Schülers spielen - der Boxenstopp, ehe man auf derselben Strecke weiterfährt? Oder ein Neubeginn?

Korber: Wir müssen das Abitur als Punkt Null begreifen. Von dort aus muss alles möglich sein.

Das Interview führte Peter Wagner

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Nikolaus Korber, 45, ist Professor für Anorganische Chemie an der Universität Regensburg und Sprecher des Auswahlgremiums des Cusanuswerks, des Begabtenförderungswerks der katholischen Kirche.

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