Abi in Vietnam: Nach der Prüfung ist vor der Prüfung

Von Marina Mai

Was zieh ich bloß an zum Abiball? Wie schaffen wir es, dass die Schule uns so schnell nicht vergisst? Vietnams brave Abiturienten kennen solche Sorgen nicht - ihre sind größer: Das Abi ist kaum Grund zum Feiern, denn sogleich warten die gefürchteten Uni-Aufnahmetests.

An ihren Abitursommer erinnert sich Germanistikstudentin Tra Thi Tam Nhung, 23, mit Grauen. "Die letzten großen Ferien kann man voll abschreiben, das ist alles ein Megastress", erzählt sie. Als im Mai für die Schüler der unteren Schuljahre die Ferien begannen, gab es in ihrer Schule eine kleine, sehr brave Feier. Nhung trug wie alle Mädchen den Ao Dai, die vietnamesische Nationaltracht. Die Jungen kamen in ihrer Schuluniform - wie an jedem Schultag. Die jüngeren Schüler trugen Musik- und Tanzdarbietungen vor, eine Abiturientin hielt eine Rede. Sie dankte vor allem den Lehrern.

Hörsaal in Hanoi: Von der Schule an die Uni - der Druck lässt nie nach
AP

Hörsaal in Hanoi: Von der Schule an die Uni - der Druck lässt nie nach

Im konfuzianistisch geprägten Vietnam sind solche Artigkeiten unentbehrlich, denn Lehrer sind Respektpersonen. Ein Leben lang.

Bis in den Juni dauern die Abi-Prüfungen, abgefragt wird stur auswendig gelerntes Faktenwissen. Für Nhung hieß das: Pauken bis tief in die Nacht. Die Eltern befreiten sie von der Hausarbeit, die in Vietnam traditionell die Kinder übernehmen. Sie zahlten auch viel Geld für einen Nachhilfelehrer. Da lastete auf der Abiturientin ein enormer Druck: Wer in Vietnam Abitur macht, erfüllt man damit vor allem die Erwartungen der Familie. Sie entscheidet, ob sie das Schulgeld bis zum Abitur aufbringt. Viele Familien verschulden sich dafür - und deshalb muss die Investition sich rechnen.

Brave Töchter und Söhne haben nach Studienende zum Familieneinkommen der Großfamilie aus drei Generationen beizutragen. Die Eltern und Großeltern sollen stolz sein. Und ihre Erwartungen in einem Land, dass so dynamisch wächst, dass Millionärsträume reifen, heißen in der Regel: Lerne, damit du einen gut bezahlten Job bekommst. Der Druck auf vietnamesische Abiturienten ist riesig - und die Selbstmordrate in der Prüfungszeit am höchsten.

Der Trend geht zum gekauften Spickzettel

Dass sie das Abitur besteht, war für die Nordvietnamesin Nhung so selbstverständlich, dass sie gar nicht feierte: "Die Urkunde habe ich mir ein paar Wochen später im Schulsekretariat abgeholt. Das war's." Abi-Feiern haben keine Tradition in Vietnam. "Vor 20 Jahren war man zu arm, um zu feiern", sagt Pham Van Long, promovierter Biologe. "Und heute hat das Abitur keinen Wert mehr, weil zu viel geschummelt wird."

Letztes Jahr hatte ein Gymnasiallehrer aus dem Hanoier Speckgürtel einen schwunghaften Handel mit Spickzetteln an seiner Schule öffentlich gemacht, an dem auch Lehrer beteiligt waren. Der für Vietnam sehr typische Fall sorgte landesweit für Aufsehen. Der Bildungsminister kam in das Dorf, um den Lehrer vor dem Zorn der örtlichen Funktionäre zu bewahren, die nur eines wollten: Ihre Sprösslinge sollten das Abitur schaffen und studieren.

Hinzu kommt: Feiern mit Gleichaltrigen kommen in Vietnam erst langsam in Mode. Jugendliche gehört zuerst der Familie. Wenn es dunkel wird, haben sie zu Hause zu sein. Doch Nhung blieb auch keine Zeit zum Feiern. Sofort warteten die Aufnahmeprüfungen zur Universität - abermals zehn bis zwölf Stunden tägliches stures Bimsen. Die Hürden sind noch höher: In Nhungs Jahrgang scheiterten nur sieben Prozent der Mitschüler am Abitur. Bei den Uni-Prüfungen dagegen gelang es nicht einmal jedem dritten Teilnehmer, einen der raren Studienplätze zu ergattern.

Ein Räuchergruß an die Ahnen

Eine Woche am Meer konnte Nhung sich danach gönnen, bis sie glücklich ihren Namen unter den erfolgreichen Bewerbern las. Sofort musste sie sich eine Wohnung in Hanoi suchen und Bücher kaufen, denn das Studium begann schon 14 Tage später - das war Nhungs Abitursommer.

Nguyen Van Binh, 18, der in diesem Jahr sein Abitur schaffte, hat eine kleine Feier gemacht. Er zündete Räucherstäbchen am Ahnenaltar an und verneigte sich vor den Ahnen. So ein Altar steht in jedem vietnamesischen Wohnzimmer. Seine Ahnen sollten im Jenseits die Kunde vom Abitur erhalten - und stolz sein auf den Stammhalter, der nach dem Tod des Vaters für sie den Ahnenkult zelebrieren wird.

Binhs Mutter hatte Gäste eingeladen, Onkel und Tanten. Im Kreis der Familie kochte und aß man gemeinsam, saß im Wohnzimmer auf den Fußboden und feierte den Abiturienten. Abends ging Binh zeitig ins Bett. Denn schon am nächsten Tag wartete ein enormes Lernpensum auf ihn - er will die Aufnahmeprüfung an der Nationalen Wirtschaftsuniversität bestehen will.

Genauer: Er soll bestehen. Denn viel lieber würde Binh Informatik studieren. Aber die Familie entschied sich für Wirtschaft: Der Vater, ein Mann ohne jede Berufsausbildung, kam im Wirtschaftsboom mit einem Baustoffhandel zu Reichtum. Und jetzt tut der Firma vor allem Wirtschaftswissen not.

Binh konnte froh sein über das bestandene Abitur. Denn in diesem Jahr hat das Bildungsministerium die Anforderungen hochgeschraubt - und jeder Dritte fiel durch. Ab dem kommenden Jahr sollen die gefürchteten Uni-Aufnahmeprüfungen entfallen, dann soll das Abitur über die Studienzulassung entscheiden.

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