Uni-Alternativen: Chill dein Leben

Von Marie-Charlotte Maas

Viele Abiturienten wollen schnell an die Uni, schnell ins Arbeitsleben. Es geht auch anders. Hier erzählen vier Schulabgänger, warum sie erst einmal eine Auszeit nehmen - und wie gut das tut.

Schluss! Nichts geht mehr: Die Bewerbungsfrist für Numerus-clausus-Fächer an deutschen Hochschulen ist für dieses Jahr abgelaufen, für viele der gut 500.000 Studienbewerber heißt es derzeit, sie müssen auf eine Zu- oder Absage warten. Die Chancen, tatsächlich in der Wunsch-Großstadt den Lieblingsstudienplatz zu ergattern, stehen schlechter denn je.

Doppelte Abiturjahrgänge, das Ende der Wehrpflicht und steigende Abiturientenzahlen führen zu großem Andrang und dazu, dass immer weniger Fächer frei zugänglich sind. Jeder Zweite der rund 9500 Studiengänge in Deutschland ist zulassungsbeschränkt.

Aber wer sagt, dass nach der Schulzeit sofort ein Studium folgen muss? Wieso nicht erst eine Pause machen? Die Zeit dafür war nie besser, an den öffentlichen Hochschulen wartet derzeit auf Anfänger vor allem eins: Gedränge.

So sahen das vor einem Jahr auch die Abiturienten Franka, Johannes, Carolin und Felix: "Studieren und arbeiten kann ich später immer noch lange genug", fand Franka und schrieb sich für ein Studium Generale am Tübinger Leibniz-Kolleg ein. Johannes ging zum Nachdenken in ein Kloster. Felix besuchte einen Selbstfindungskurs. Und Carolin jobbte auf einer Alm.

Hier erzählen die vier, wie glücklich es sie machte, sich aus dem Ausbildungswettlauf auszuklinken:

Carolin, 20, hängt ab auf der Alp: "Ich habe gelernt, dass ich nicht viel brauche"

Carolin Breuer, 20, jobbte auf 1000 Meter Höhe
Carolin Breuer

Carolin Breuer, 20, jobbte auf 1000 Meter Höhe

"Nach dem Abitur direkt ins Studium? Dass ich das nicht wollte, war mir früh klar. Ich gehörte an meiner Schule zum ersten G8-Jahrgang und habe meinen Abschluss schon mit 18 Jahren gemacht. Zu früh für die Uni, fand ich. Außerdem wollte ich mir ein paar Monate Pause nach der ganzen Lernerei gönnen.

Der Zufall kam mir zur Hilfe. Meine Mutter erfuhr von einer freien Stelle auf einer Alp in der Nähe unseres Heimatortes. Die Familie, die dort lebt, suchte über die Sommermonate eine Mitarbeiterin für ihre Wirtschaft. Zwei Wochen nach dem Abi ging es los.

Von Juli bis Oktober lebte ich auf dem Berg, bediente Gäste, deckte Tische ein, bereitete Getränke vor und half beim Kuchenbacken. Das Gehalt war nicht üppig, 400 Euro plus Trinkgeld, aber darum ging es mir auch nicht. Ich wollte nach dem Abiturstress einfach erst einmal etwas anderes sehen.

"Wie in einer anderen Welt"

Es war wie in einer anderen Welt. Die Alp liegt auf 1000 Meter Höhe. Es gibt keinen Fernseher und kein Internet, ein Smartphone hatte ich auch nicht - gefehlt hat mir das alles gar nicht. Im Gegenteil! Es war genau das, was ich wollte. Weg und abschalten.

Wenn meine Freunde mich sehen wollten, mussten sie zu mir raufkommen. Ab und an bin ich an Sonntagen auch nach Hause zu meiner Familie gefahren, weil die Wirtschaft montags geschlossen hat. Zurück ging es dann mit dem Bus, das letzte Stück, etwa 20 Minuten, muss man laufen.

Ich bin selbständiger geworden und habe gelernt, was es heißt, zu arbeiten. Das ist auch für mein Studium nützlich. Und ich habe gelernt, dass ich nicht viel brauche, um glücklich zu sein.

Mittlerweile studiere ich Bauingenieurwesen in Konstanz. Und ich bin in meinem Semester trotz der Auszeit immer noch eine der Jüngsten. Mir ist aufgefallen, dass viele meiner Kommilitonen, die direkt nach dem Abitur mit dem Studium begonnen haben, auch schnell wieder abgebrochen haben. Sie hatten sich wohl nicht die Zeit genommen, sich darüber klarzuwerden, was sie tun."

Viele Almen in Deutschland und Österreich suchen in den Sommermonaten Mitarbeiter für die Gastronomie oder als Senner. Mehr Infos gibt es bei der Almwirtschaft Österreich und dem Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern.

Franka, 20, kontempliert im Kolleg: "Studieren kann ich noch lang genug"

Franka Grella-Schmidt, 20, entspannte und lernte für sich und niemanden sonst
Franka Geller-Schmidt

Franka Grella-Schmidt, 20, entspannte und lernte für sich und niemanden sonst

"Was ich studieren will, wusste ich eigentlich schon immer: Psychologie oder Medizin. Mein Abiturdurchschnitt wäre gut genug gewesen, um damit starten zu können. Trotzdem habe ich mich nicht sofort beworben, denn nach dem Abitur wollte ich nicht gleich wieder mit dem sturen Pauken beginnen, sondern mir erst einmal ein bisschen Allgemeinwissen aneignen - und zwar freiwillig, ohne Zwang. Ich wollte nicht an die Uni gehen, ohne vorher etwas anderes gesehen zu haben.

Eine Freundin hatte mir vom Leibniz-Kolleg in Tübingen erzählt. Dort absolvieren 53 Abiturienten gemeinsam ein Studium generale. Wir leben und kochen zusammen und belegen Kurse von Kunstgeschichte über Geschichte und Mathe bis hin zu Jura und Politik. Ich habe unter anderem an Seminaren in Philosophie und Sinologie, Rhetorik und Pädagogik teilgenommen - und natürlich in Medizin. In diesem Kurs haben verschiedene Fachärzte ihren Bereich vorgestellt.

Lernen als Selbstzweck

Für die Teilnahme am Kolleg habe ich mich mit einem mehrseitigen Motivationsschreiben beworben, denn es gibt jedes Jahr viel mehr Bewerber als Plätze. In der Wahl der Kurse ist man ziemlich frei. Sie finden fast alle in unserem Wohnhaus statt, manche starten um acht Uhr morgens, andere erst um 18 Uhr - welche Kurse man belegt, ist jedem selbst überlassen. Allerdings sollte man sich nicht zu viel aufhalsen, denn die Seminare müssen auch vorbereitet werden. In manchen Kursen sind nur vier Teilnehmer, in anderen mehr als 20. Wir halten auch Referate, die wir in der hauseigenen Bibliothek oder in der Uni-Bibliothek vorbereiten. Wer Lust hat, kann auch noch an der Uni Tübingen Seminare und Vorlesungen besuchen.

Am Ende der ersten beiden Trimester schreiben wir eine Hausarbeit. So üben wir schon mal das wissenschaftliche Arbeiten. Scheine bekommen wir dafür aber keine. Und genau das finde ich gut: Dass es bei allem nicht um Noten geht, sondern das Lernen dort Selbstzweck ist. Das schafft eine bessere Atmosphäre, es gibt weniger Konkurrenz als in der Schule.

Ich habe meinen Horizont erweitert, bin offener geworden und habe weniger Vorurteile gegenüber Fremden. Am schönsten sind die Freundschaften, die ich in den letzten neun Monaten geschlossen habe. Dass ich nun etwas später als einige Klassenkameraden mit dem Studium beginne, halte ich nach wie vor für richtig. In ein paar Wochen verlasse ich Tübingen in Richtung Israel. Dort werde ich ein Jahr in einem Heim für Schwerbehinderte arbeiten. Studieren und arbeiten kann ich später immer noch lange genug - was ich jetzt lerne und erlebe kann mir niemand mehr nehmen."

Das Studienjahr am Leibniz Kolleg beginnt im Oktober und endet im Juli. Der Besuch des Kollegs kostet 4700 Euro pro Studienjahr. Der Betrag ist in Monatsraten zahlbar. In besonderen Fällen werden Nachlässe gewährt.

Felix, 19, wählt den Winterkurs: "Das hört sich an wie Therapie"

Felix Kallert , 19, fand heraus, was er sich wirklich wünscht
Felix Kallert

Felix Kallert , 19, fand heraus, was er sich wirklich wünscht

"Nach dem Abitur war ich relativ planlos. Ich hatte viele Ideen, was ich studieren könnte - mich reizten Naturwissenschaften ebenso wie Politik oder Geografie. Ich wollte mir darum ein Jahr Zeit nehmen, um möglichst viele Eindrücke zu sammeln, ohne mich gleich in einem Studium ausschließlich auf ein Thema zu konzentrieren. In dieser Zeit der Unsicherheit stieß ich im Internet auf das Angebot des Evangelischen Bildungszentrums Hermannsburg.

Dort bekamen 20 junge Leute von 18 bis 25 Jahren fünf Monate lang die Möglichkeit zu einer kreativen Auszeit, um sich darüber klar zu werden, was sie in Zukunft tun wollen. Zunächst war ich skeptisch: Das Ganze hörte sich für mich ein wenig an wie eine Therapie - ein Kurs, der stark auf die Bildung der Persönlichkeit ausgerichtet ist, mit einem christlichen Träger, an einem abgeschiedenen Ort?

Gleichzeitig klang es auch spannend. Also bewarb ich mich und wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und dann stand fest, dass ich im neuen Jahrgang dabei sein würde.

Warten, Orientieren, Auszeit

Ich bin froh, dass ich mich dafür entschieden habe. Die fünf Monate waren toll. Zusammen mit 19 weiteren Teilnehmern habe ich in einem alten Gutshaus in einem kleinen Ort in der Nähe von Celle gelebt. Die Gruppe war bunt gemischt. Einige wussten wie ich nicht genau, was sie studieren sollten, andere warteten auf den Studienplatz, und wieder andere hatten gerade ihre Ausbildung beendet und wollten eine Auszeit nehmen, bevor es weiter geht.

Wir besuchten Kurse in Politik und Psychologie, Migration und Kunst, Rhetorik und Persönlichkeitsschulung. Außerdem gab es Berufs-und Bildungsseminare, in denen wir ermittelten, welcher Bereich zu wem passen könnte. Wir waren auch gemeinsam bei Lesungen und Vorträgen von Politikern, hatten Gespräche mit Personalern, bekamen Beratungen von Arbeitsvermittlern und nahmen an Workshops zum Thema Selbstmarketing teil. Besonders gut gefiel mir auch die Simulation eines Assessment-Centers, ein interkulturelles Training und der Besuch der Universität Hannover."

Der Kurs beginnt jeweils Anfang November und endet im März. Der nächste Kurs von "moving times" findet vom 10. November 2013 bis 21. März 2014 statt. Der Winterkurs kostet inklusive Unterkunft, Vollverpflegung und Programm 2700 Euro, er wird mit öffentlichen Mitteln, Spenden und Stiftungsgeldern unterstützt. Es besteht die Möglichkeit, den Kurs in Raten zu finanzieren.

Johannes, 19, betet mit Benediktinern: "Der Eintritt ins Kloster war nie mein Ziel"

Johannes Kunert, 19, ging aus Neugier erst ins Kloster, dann zum Bund
Johannes Kunert

Johannes Kunert, 19, ging aus Neugier erst ins Kloster, dann zum Bund

"Als ich meinen Freunden erzählt habe, dass ich nach dem Abi für einige Wochen in ein Kloster gehen würde, haben sie schon ein bisschen gestaunt. Ins Ausland gehen ja viele, aber in ein Kloster?! Mich reizte es irgendwie, das Leben dort auszuprobieren. Ich wollte nach der Schule einfach mal etwas anderes sehen.

Als Praktikant im Kloster Nütschau, dem nördlichsten Benediktinerkloster Deutschlands, arbeitete und lebte ich auf dem Klostergelände in einem Gästehaus. Das Kloster ist ziemlich modern und offen. Mein Arbeit war, mich um Jugendgruppen zu kümmern, außerdem habe ich in der Küche und im Garten geholfen, quasi als Junge für alles. Manchmal fragte mich ein Gast, ob ich ein Praktikum als Mönch mache. Da musste ich schon schmunzeln, denn ein Eintritt ins Kloster war nie mein Ziel.

Von den Benediktinern zur Bundeswehr

Ich habe die Zeit auch genutzt, mich sehr intensiv mit den Mönchen zu unterhalten, auch über ihre Beweggründe, ins Kloster einzutreten. Den Alltag der Mönche kennenzulernen und ihn ab und an mit ihnen zu teilen, war sehr spannend. Die Benediktiner beten vier- bis fünfmal am Tag, die gesamte Betzeit nimmt mehr als zwei Stunden ein. An allen Gebeten habe ich nicht teilgenommen, aber bei den Abendgebeten und einigen Morgengebeten war ich meistens dabei. Einige Male habe ich auch gemeinsam mit den Mönchen gegessen. Auch das war eine völlig neue Erfahrung: Die Benediktiner sprechen während des Essens nicht. Nur einer von ihnen liest in dieser Zeit vor, meist aus der Bibel oder aus den Regeln des Heiligen Benedikt.

Ich bin gläubig, aber auch grundsätzlich ein neugieriger Mensch. Darum habe ich auch nach dem Klosteraufenthalt noch etwas gemacht, was auf den ersten Blick nicht wirklich dazu passt: Ich war freiwillig bei der Bundeswehr. Wie gesagt: Bevor mein Maschinenbaustudium im Herbst beginnt, wollte ich so viel ausprobieren wie möglich. Und das eine schließt das andere ja nicht aus."

Mehr Infos zu einem Aufenthalt im Kloster Nütschau gibt es auf der Klosterwebsite und allgemeine Tipps zum Thema Auszeit im Kloster kloster-online.com.


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