Au-pair-Mädchen in Boston: "Mir war noch nie so schlecht"

Au-pair in Boston: Ein riesengroßer Kloß im Hals Fotos
Sarah Berg

Sarah Berg, 20, liebt Boston - doch ihr Au-pair-Jahr führte sie mitten in das Terror-Drama. Tagelang blieb sie mit den Kindern, die sie hütet, zu Hause. Was sie am meisten beunruhigte: der Terrorist da draußen.

Mir war noch nie so schlecht. Ich spielte gerade mit den beiden Kindern, die ich als Au-pair-Mädchen in Boston betreute, als meine Gastmutter mit bleichem Gesicht die Tür aufriss. "Da sind zwei Bomben explodiert", stammelte sie und ich hatte sofort einen dicken Kloß im Hals.

Terror, beinahe vor der Haustür. In der Stadt, in der ich seit Juli 2012 lebe. Dort, wo ich die Präsidentenwahl verfolgte, St. Patrick's Day feierte und nette, offene Menschen traf. Terrorismus kenne ich nur aus der Zeitung. Der 11. September war sogar Unterrichtsthema und ich habe natürliche Filme mit Anschlägen gesehen.

Aber was Terror tatsächlich bedeutet, davon habe ich erst jetzt eine leise Ahnung. Es ist sehr unheimlich, vor allem, weil ich mir den Marathonlauf ursprünglich ansehen wollte. Schließlich ist er das Ereignis in Boston: der älteste Städte-Marathon der Welt, am Feiertag Patriot's Day, mit 500.000 Zuschauern und 26.000 Läufern in diesem Jahr. Und natürlich wollte ich an der Ziellinie stehen und den Sportlern zujubeln.

Irgendwo da draußen läuft wohl ein Terrorist rum

Genau an der Ziellinie gingen die Bomben hoch. Ich war nicht dort, weil ich arbeiten und die Kinder betreuen musste. Das fand ich am Montagmorgen noch schade, nachmittags war ich dankbar. Aber erst, als ich Claudia erreichte. Sie habe ich durch das Au-pair-Programm kennengelernt und wir sind befreundet. Claudia war mit den Kindern, auf die sie aufpasst, beim Marathon. Sie wollte bis 15 Uhr dort bleiben. Um 14.50 Uhr explodierten die Bomben. Ich rief meine Freundin sofort an und konnte erst ein wenig aufatmen, als sie an ihr Handy ging. Claudia war beim Marathon, sogar an der Zielgeraden, ist aber früher gegangen.

Trotzdem hatte ich weiter Angst, weil die Meldungen widersprüchlich waren und auch von weiteren Bomben irgendwo in Boston die Rede war. Die Angst blieb auch die Tage darauf. Am frühen Freitagmorgen überschlugen sich dann die Ereignisse, einer der Verdächtigen wurde offenbar von Polizisten erschossen. Ich wollte eigentlich Claudia treffen, aber seit dem Morgen sind die U-Bahnen gesperrt.

Es ist ein komisches Gefühl, zu wissen, dass da draußen irgendwo ein Terrorist rumläuft. Ich versuche das von meinen Kindern möglichst fern zu halten. Sie sind erst acht Monate und drei Jahre alt. Große Ausflüge in den Zoo, zum Spielplatz oder ins Museum fallen zwar zurzeit aus, der Tag soll für sie aber ansonsten normal verlaufen: Aufstehen, Spielen, Kochen, Mittagsschlaf, Vorlesen.

Solidarität und Zusammenhalt spüre ich jetzt erst recht

Ich kümmere mich wie jeden Werktag neun Stunden um die beiden, denn ihre Eltern gehen trotz der Anschläge arbeiten. Die Bilder der panischen Menschen, der schwer bewaffneten Polizisten, der Blumen am Anschlagsort - all das begleitet mich trotzdem den ganzen Tag. Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, stelle ich mir vor, was geschehen wäre, wenn ich frei gehabt hätte und zum Marathon gefahren wäre. Wäre ich zu der Zeit noch am Ziel gewesen? Hätte ich entkommen können? Wie wäre ich in dem Chaos und durch die umherstürmenden Menschenmassen nach Hause gekommen?

Vergessen werde ich die Bilder und Erlebnisse nie. Trotzdem will ich bis zum Sommer in den USA bleiben und verlängere meinen Au-pair-Aufenthalt vielleicht sogar. Ich will weiter an meinem Englisch arbeiten, denn ich möchte Hotelfachfrau oder Kauffrau für Marketingkommunikation lernen und dafür brauche ich die Sprache. Oder ich werde Lehrerin. Außerdem habe ich das Land und die Leute lieb gewonnen. Und die Offenheit, Solidarität und den Zusammenhalt spüre ich jetzt erst recht."

Aufgezeichnet von Jennifer Töpperwein

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Er reicht nun
schmiddel 20.04.2013
Seit Tagen diese übertriebene Berichterstattung aus Boston über die "armen" Menschen dort. Der Anschlag war schlimm, keine Frage. Aber Anschläge passieren überall auf der Welt mit teilweise mehr Opfern. Über die wird aber nicht so intensiv berichtet...
2. @ Schmiddel
meta39 21.04.2013
Ja, ich gebe Ihnen recht, wenn Sie sagen, dass die permanente Berichterstattung nervt, aber gerade diesen Bericht finde ich gut, da er sich nicht (wie alle anderen) darauf bezieht, wer die Täter waren oder warum die Tat geschah, sondern er beschäftigt sich damit, wie junge Menschen mit dem Geschehen umgehen, wie sie es erelebt haben.
3.
trallala34 21.04.2013
Zitat von meta39Ja, ich gebe Ihnen recht, wenn Sie sagen, dass die permanente Berichterstattung nervt, aber gerade diesen Bericht finde ich gut, da er sich nicht (wie alle anderen) darauf bezieht, wer die Täter waren oder warum die Tat geschah, sondern er beschäftigt sich damit, wie junge Menschen mit dem Geschehen umgehen, wie sie es erelebt haben.
In den USA gibt es 12.000 Morde pro Jahr. Dass diese Morde etwas besonderes sind ist schon klar, aber irgendwie ist die Verhältnismäßigkeit bei der Berichterstattung dann doch aus dem Ruder gelaufen.
4. MIr ist schlecht vom lesen
cbos 22.04.2013
Wir leben seit vielen Jahren in Boston, haben auch den Marathon gesehen und wohnen gleich neben Watertown. Natuerlich ist es schlimm und traurig, was diese Woche passiert ist, aber ungewoehnlich sind Leid und Verbrechen nicht - ich erinnere mich, als vor zehn Jahren eine schwangere Frau im Kugelhagel zweier Gangs an der Mass Ave T station mitten in Boston starb oder die Verletzten und Toten in Jamaica Plain letztes Jahr. Es gibt noch viele andere solch trauriger Ereignisse hier, allerdings wird deswegen kein lock down verhaengt und schlecht wird den meisten auch nicht, wenn sie dies morgens in der Zeitung lesen. Sarah Berg sollte wissen, dass Boston zwar eine sichere Stadt ist, aber trotzdem eine amerikanische Grossstadt mit all ihren Problemen und weniger guten Gegenden.
5. Selbst Schuld, wenn man zu viel US-Fernsehen schaut und sich dadurch Angst machen lässt.
dasknäckebrot 22.04.2013
Ich studiere derzeit an der Boston University, auf die auch eine der Toten gegangen war. Ich war beim Marathon, aber - wie auch die meisten anderen Zuschauer - stand ich nicht an der Ziellinie. Ich finde es unglaublich sinnlos, sich zu überlegen, was passieren hätte können, wenn man frei gehabt hätte und wenn man hingegangen wäre und wenn... Ich habe in den Tagen zwischen dem Marathon und der Festnahme weder Angst noch Furcht gespürt. Bei mir nicht und auch nicht bei Kommilitonen, Professoren, Mitbewohnern, Mitmenschen. Vielleicht hättest du einmal raus auf die Straße gehen sollen. Am Freitag hingegen ein mulmiges Gefühl zu haben, finde ich durchaus angemessen. Schließlich war der Attentäter aufgescheucht und hatte nicht mehr viel zu verlieren. Trotzdem: ein bisschen weniger US-Fernsehen, und man wäre deutlich entspannter gewesen (wenn ihr nicht gerade in Watertown wohnt). Auch SPON hat sich meiner Meinung nach nicht mit Ruhm bekleckert. Wie viele Beiträge im Liveticker begannen mit "Laut CNN..."? Aber was soll man auch von einer ca. 15stündigen Livesendung erwarten, deren Reporter 15 Stunden irgendwas erzählen müssen? Von einem deutschen Nachrichtenmagazin hatte ich mehr erwartet!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Abi - und dann?
RSS
alles zum Thema Bombenanschlag in Boston
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Großfahndung nach Bombenleger: Boston im Ausnahmezustand

Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...